Die Wächter des Spiels

Sie entscheiden, was richtig oder falsch ist und können dabei ganz schön Chaos verursachen. Oder den perfekten Überblick behalten und ein Spiel wieder in geordnete Bahnen lenken. Das aber benötigt eine fundierte und praxisnahe Ausbildung der Unparteiischen. Foto: Tim Fuhrmann

Viele von ihnen werden beschimpft. Regelmäßig erfindet das Publikum Hass-Tiraden und setzt sie gelegentlich auch in die Tat um. Schiedsrichter haben kein leichtes Leben, egal in welcher Sportart sie tätig sind. Dabei sind sie unerlässlich. Aber gerade weil sie oft ein hartes Brot erwartet, gerät die Nachwuchsarbeit immer wieder ins Stocken. Das muss nicht sein.

Das Problem ist allgemein hin bekannt. Jedes Jahr aufs neue stehen viele Floorball-Vereine kurz vor einer Strafe durch die Regel- und Schiedsrichterkommission (RSK) des DUB, da sie nicht genug Schiedsrichter für den Spielbetrieb bereitstellen. Diese Strafen fallen nicht gerade gering aus. Für ein nicht erfülltes Schiedsrichterkontingent eines Herren-Bundesligavereins bedeuted das: 500 Euro Strafe zahlen. Hier ist aber nicht die Kurzsichtigkeit der Vereine das zugrunde liegende Problem, sondern das überaus miserable Image der „Pfeifen“. „Wir haben in Deutschland ein großes Problem mit Vereinen, die ihren Spielern das Bild vermitteln, dass Schiedsrichter sein ein Job ist, der nur Stress verursacht und allein deswegen ergriffen werden muss, um Strafen vom Verein abzuwenden“, beanstandet Markus Tölzer, Vorsitzender der RSK, die Lage im Lande. Zu Beginn der Floorballentwicklung in Deutschland scheint sich geradezu ein Feindbild der schwarz gekleideten Dritten auf dem Feld entwickelt zu haben. Das wird nun an die jüngere Generation weitergetragen. Bei den angebotenen Kursen zeigt sich oft das gleiche Bild: unmotivierte bis ängstliche Teilnehmer, die nur einen Grund haben, den Kurs zu besuchen: Schadensbegrenzung für den Verein.

Früh pfeift sich

Aber es geht auch anders. In Vereinen, die bei der Schiedsrichter-Ausbilung bereits im Jugendalter ansetzten, sei dieses Feindbild weitesgehend verschwunden. „Ich habe es sogar erlebt, dass sich die Kinder darum streiten, wer als nächstes pfeifen darf“, beschreibt Markus Tölzer eine Situation in seinem Heimatverein. Der Ansatz sollte also bei den U13 und U15 Ligen gefunden werden. Der neue Jugendkurs ohne Alterbegrenzung ermöglicht es auch den Kleinen eine Grundausbildung im Pfeifen zu erlangen. Obendrein bleiben diejenigen, die früh anfingen, länger dabei. Das liegt vor allem an der Erfahrung. Die Routine die sich einstellt, erleichtert es komplexe Situationen auf dem Feld schneller und besser zu erfassen. Dadurch unterlaufen weniger Fehler, die in einem Match für heikle Momente zwischen den Mannschaften und den Unparteiischen sorgen können. Hinzu kommt eine souveräne Ausstrahlung, die dem Schiedsrichter an Angriffsfläche nimmt. Schließlich steigt das Spaßpotential. „Die Leute müssen begreifen, dass es ebenso viel Spaß machen kann zu pfeifen, wie es Spaß macht Floorball zu spielen!“

Lizens erwerben ist nicht schwer, Schiri sein umso mehr

Um diese Routine und Abgeklärtheit zu erlangen, fehlen in manchen Ligen zuweilen die Gelegenheiten. „In manchen Spielbetrieben bieten sich für Neulinge einfach nicht genug reguläre Partien, um das Pfeifen intensiv zu trainieren. Darum rate ich allen, dieses Training selbstständig in den Verein zu verlegen. Übungsspiele innerhalb des Vereintrainings oder Testspiele außerhalb der Saison sind dazu besonders gut geeignet“, empfiehlt Markus Tölzer. Diese Maßnahme sollten aber nicht nur Anfänger ergreifen, sondern auch bereits lizensierte Schiedsrichter. Vor allem um sich auf wichtige Spiele vorzubereiten oder einfach um in Übung zu bleiben. Das deutsche Lizenssystem ermöglicht es in einigen Fällen durch schlichtes Warten die nächste Stufe zu erreichen. Erwirbt ein Schiedsrichter die L2-Lizens und erneuert diese ohne im ersten Jahr der Lizens am Spielbetrieb teilgenommen zu haben, kann er im zweiten ein paar Spiele pfeifen und dann bereits die N3-Lizens erwerben. Die Antrieb zu Pfeifen liegt bei den Schiris weitesgehend selbst. Auch bei einem Einstieg über L1-Lizens sieht der Zwang zur Pfeif-Praxis nicht entscheidend anders aus. Das Problem liegt dabei oft in der regelrechten Panik zu pfeifen, wenn eine Lizens vorliegt. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Mitarbeiter der RSK Gespräche führen und E-Mails erhalten, in denen „Betroffenen“ von einer glücklichen Abwendung sprechen die Pfeife benutzen zu müssen.

Netter Nebeneffekt

Ein angenehmer Nebeneffekt entsteht auch für die Spieler, wenn Schiedsrichter ihre eigenen Fähigkeiten in Trainingsspielen schulen. Je öfter in einem Trainingsspiel gepfiffen wird, desto schneller prägen sich, vor allem die jungen Spieler, Regeln und das Verhalten bei Strafen ein. So lernen auch sie den Umgang mit den Dritten auf dem Feld.

Aber nicht nur die pfeiferisch Aktiven müssen auf ihre Qualität in ihrem Tun achten. Auch die Schiri-Ausbilder, die als Instruktoren bezeichnet werden, brauchen weiterführende Bildung. Dazu führte der DUB im vergangenen Jahr einen Instruktoren-Kurs durch. Viele von ihnen nahmen fast jedes Jahr daran teil, obwohl sie laut Regelwerk nur alle drei Jahre erscheinen müssten. Der I-Kurs im kommenden Jahr jedoch wird Pflichtkurs sein, denn 2010 ist ein Regeljahr. Das bedeuted, dass die IFF ein überarbeitetes Regelwerk ausgibt und somit alle Instruktoren die neuen Normen gelehrt bekommen müssen. Eine internationale Überwachung der Schiedsrichterausbildung gibt es hingegen nicht. „Wir können lediglich von unserem Internationalen Steven Piorun und Jörg Heuer profitieren, die bei IFF-Einsätzen beobachtet werden und somit wertvolle Erfahrung in den DUB bringen“, sagt Kommissionsleiter Tölzer. Weitere Erfahrung in diesen Ausbildungsbereich brachten bis 2007 die von Haus aus unparteiischen Schweizer Kollegen von swissUnihockey. Diese Unterstützung wird ab sofort von Schweden übernommen.

Doppelbelastungen

Neben dem schlechten Ruf haben viele aktive Schiedsrichter, vor allem in den höheren Ligen, das Problem der Doppelbelastung. Schiedsrichterpaare wie Andreas Kasche und Bastian Barthel, Stefan Exner und Ricky Radünz oder Uwe Wolf und Stefan Liers haben neben ihrer Schiedsrichter-Tätigkeit viele Spieltage mit ihrer Mannschaft zu bestreiten. Da bleibt nicht mehr viel Freizeit. In einem halben Jahr hat ein Schiedsrichter lediglich sechs Termine, die er sperren kann. Diese klamme Situation hat sich jedoch in diesem Jahr etwas gebessert. Durch den neuen Spielbetrieb in der 2. Bundelsiga Nord stehen zusätzliche Kontingentschiedsrichter zur Verfügung. Zudem wurde das Kontingent pro Team auf vier Unparteiische erhöht. Das ändert aber nix an der Doppelfunktion als Spieler. Oft müssen Spiele gepfiffen werden, in denen direkte Ligakonkurrenten gegeneinander antreten. Bisweilen liegt der Verdacht auf Befangenheit in der Luft. Jedoch gibt es nicht übermäßig viele Beschwerden bei der RSK des DUB. „Es gibt vereinzelt Beschwerden, aber die gibt es auch bei Schiedsrichtern, die nichts mit der betroffenen Liga zutun haben“, versichert Tölzer.

Auch über die Entwicklung der Schiedsrichtersituation im Westen der Floorball-Republik kann sich der DUB nicht beklagen. „Besonders aktiv sind im Moment die Landesverbände in Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen“, betont Tölzer. Insgesamt bilden diese Verbände über 75 Prozent der deutschen Schiedsrichter aus, die nicht für die Bundesliga pfeifen. Aber auch die übrigen Verbände haben in den letzten Jahren die Ausbildung ernster genommen. In Baden-Württemberg erlebte kürzlich der F-Kurs einen solchen Ansturm, dass ein Zusatzkurs im November angeboten werden muss. Noch vor einem Jahr musste der BWUV einen Appell an seine Mitglieder aussprechen, mehr Teilnehmer zu melden um einem „organisatorischen Chaos“ zu entgehen. In Hessen wurden sogar Teilnehmer nach Hause geschickt, weil keine Kapazität mehr vorhanden war. In dieser Saison stehen in Deutschland rund 650 lizensierte Schiedsrichter in allen Ligen zur Verfügung. Die zahlenmäßig meisten stellen überraschenderweise die westlichen Verbände. Allen voran der NUB, gefolgt vom Floorball Verband Schleswig-Holstein und dem NWUV.

(ms)