Renaissance an der Isar

Die Köpfe hingen tief, die Blicke waren leer und gefeiert haben die anderen. Die 7:11 Heimniederlage der Wikinger München im Achtelfinale des Bharata-Pokal gegen den favorisierten Bundesligisten UHC Döbeln schmerzte. Doch diese Niederlage war mehr als nur ein verlorener sportlicher Wettstreit. Es war vielmehr ein Signal und Ausrufezeichen. Nach vielen Jahren musste endlich wieder ein Team zu einem Pflichtspiel in die bayerische Landeshauptstadt reisen. Oder anders ausgedrückt: München ist zurück auf der deutschen Floorball-Landkarte.

„Floorball hat in München ein Riesen-Potenzial, das hat die Vergangenheit gezeigt“, so Patrick Lundberg, Spielertrainer der Wikinger und Vizepräsident des jungen Bayerischen Unihockey-Verbandes. Ihre sportliche Heimat haben die Wikinger beim Post Sportverein München (PSV). Dort hat Floorball eine lange Tradition – auch wenn sich daran nur noch echte Experten erinnern. In den 90er Jahren nahm der PSV regelmäßig an den Endrunden der Deutschen Meisterschaften und den Europäischen Pokalwettbewerben teil. Mit Erfolg. Zwei Meisterschafts- und zwei Vize-Meistertitel errangen die Münchner, damals noch unter dem Namen „Isarrecken“. Ende der Neunziger Jahre folgte ein jähes Ende der Erfolgsgeschichte. Eine damals neu eingeführte Ausländerbegrenzung nahm vielen der – zumeist skandinavischen – Spieler in München die Möglichkeit am nationalen Spielbetrieb teilzunehmen.

Floorball-Reanimateure

In den Folgejahren fristete Floorball als Freizeitsport beim PSV ein Schattendasein. Bis zum Frühjahr 2008, als eine Gruppe um Patrik Lundberg, Carl-Johann Dahlberg und Peter Hamm einen Neuanfang planten. „Die Infrastruktur, die wir vorfanden, war ernüchternd: Spieler, die kamen und gingen, kein regelmäßiges Training und eine alte Holzbande mit 20 Jahre alten Werbeaufdrucken. Doch wir waren sicher, dass München floorballtechnisch ein schlafender Riese ist, zumal in einer Stadt mit rund 3 000 Skandinaviern“, erklärt Peter Hamm, PSV-Spieler und in der bayrischen Spielbetriebskommission für die Organisation der regionalen Liga zuständig.

Als erste Maßnahme erfolgte im Vorfeld der Saison 2008/2009 die Neuorganisation und Koordination des Trainings sowie die kontinuierliche Spielerakquise. Den Spielbetrieb nahm der PSV München unter dem Beinamen „Wikinger“ im September 2008 in der Bayernliga Kleinfeld auf. Damit gingen nach knapp zehnjähriger Pause wieder Unihockey-Spieler im PSV-Dress auf regelmäßige Torejagd. Gleich in ihrer ersten Saison deutete die neuformierte Mannschaft ihr Potenzial an: Auf Anhieb wurden die Wikinger bayerischer Vizemeister im Kleinfeld. Das gab den Startschuss in der Entwicklung: „Plötzlich ging es ganz schnell, bei jedem Training gab es ein bis zwei neue Gesichter. Es kamen manchmal 30 Leute zum Training, es hatte sich schnell herumgesprochen. Innerhalb eines Jahres haben wir die Mitgliederzahlen mehr als verdreifacht“ erklärt Lundberg.

Internationaler München-Mix

Die Zusammensetzung ist international – und talentiert: Neben Spielern aus Finnland, Schweden, Norwegen und Dänemark, die allesamt Erfahrungen aus höheren Ligen mitbringen, zählen einstige deutsche Nationalspieler, ein aktueller österreichischer Nationalspieler und Unihockeyenthusiasten aus der Schweiz, Tschechien und waschechte Bayern zum Wikingerkader.

Mit der schnell wachsenden Mitgliederzahl stieg auch der Professionalisierungsgrad: Zusätzliche Hallenzeiten und eine neue Kunststoff-Bande sorgten für eine große Motivation unter den Spielern und so konnte zur Saison der Wiedereinstieg ins Großfeld mit zwei Teams in der Regionalliga Süd realisiert werden. Weiterhin entschloss sich der PSV für die Teilnahme am Bharata-Pokal, um möglichst auch national für Aufsehen zu sorgen.

„Wir meinten es ernst und das merkten auch die Verantwortlichen beim PSV. Wir sind nun nicht mehr im Freizeitbereich angesiedelt, sondern stellen eine eigene Abteilung. Langfristig wollen wir München als Zentrum für Floorball in Süddeutschland etablieren“, so Peter Hamm. Und auch wenn die Einführung einer zweiten Bundesliga Süd vor dieser Saison trotz Münchner Engagement noch nicht verwirklicht werden konnte, steht eines fest: Die Regionalliga, die der PSV nach vier Spielen ungeschlagen anführt, könnte bald zu klein werden. „In zehn Jahren wollen wir Deutscher Meister werden“, teilt Patrick Lundberg mit.

(Steven Piroun, Thomas Doriath)