Das Kreuz mit dem Knie

Meistens benötigt es nicht mehr als eine ungeschickte Wendung, in welcher die kinetische Energie des Körpers das gesamte Gewicht des Sportlers auf dem Standbein lasten lässt und dessen Kniegelenk in einem kurzen Augenblick dermaßen verdreht, dass eine Unzahl an Bändern, Sehnen und Knorpeln aus ihrer Haftung reißen und den glänzenden Schläger bis zur übernächsten Saison für eine polierte Krücke eintauschen lassen. Dass man sich das Knie beispielsweise auch simpel vertreten oder bei einem unglücklichen Fall zertrümmern kann, ist ebenso wohl bekannt. Das größte Gelenk des menschlichen Körpers ist ein Kunststück der Evolution, für viele Sportler aber auch das Ticket in den vorzeitigen Ruhestand. Die Diagnosen Meniskus- oder Knorpelschaden, Bänderriss, Läuferknie, Arthrose oder auch Patellaspitzensyndrom sind bei Unihockeyanern besonders gefürchtet. Was es mit jenem sensiblen „Gerät“ auf sich hat und wie ein anspruchsvoller Floorball-Spieler diesen Körperteil pflegen kann, versucht das Floorballmag nun festzuhalten.

Sport ist Mord
Zunächst möchten wir alle Teufel an die Wand malen, die wir kennen. Prof. Dr. Andreas Imhoff von der Abteilung Sportorthopädie der TU München stand beim „Gesundheitsgespräch“ dem Bayrischen Rundfunk Frage und Antwort. Tatsächlich entstünden die meisten Sportverletzungen im Winter beim Skifahren oder im Sommer beim Fußball. Wesentlich gefährlicher seinen jedoch zahlreiche Hallensportarten einzustufen wie Handball, Basketball oder Volleyball (Floorball vermutlich inklusive). „Bei gewissen Bewegungen klemmt es den Meniskus ein, er reißt an der Basis ab, blockiert das Kniegelenk, und damit hat auch der Knorpel einen Schaden erlitten“ erklärt Imhoff. Bei rabiaten Skifahrern, wobei moderne, geschwindigkeitssteigernde Techniken die Verletzungen nur häufen und verschlimmern ließen, reissen oft nicht nur das Kreuzband sondern auch die Seitenbänder. Dabei bricht ein Teil des Knochens ein, Nerven werden zerfetzt, weil das Kniegelenk komplett auseinander gerissen wird.

Der typische Mechanismus sei Imhoff nach der, dass das Bein mit oder ohne Einwirkung am Boden stehen bleibt und der Körper sich mit seinem gesamten Gewicht darüber wegdreht. „Es würde gar nichts passieren, wenn das Ganze bewusst gemacht, die Muskulatur das Kniegelenk stabilisieren würde“ ergänzt der Sportorthopäde.

Erste Hilfe
Imhoff erklärt, dass die erste Diagnostik auch für erfahrene Ärzte sehr schwierig sei. Er empfiehlt, dass der Verletzte das Knie zunächst in Ruhe lässt, kühlt und dabei abschwellen lässt. Damit könne man die meisten leichten Zerrungen schon beheben. Es sei somit falsch gleich zu einer Spritze zu greifen. „Wenn das Knie allerdings unmittelbar nach einem Unfall anschwillt, kann man davon ausgehen, dass die Verletzung größer ist. Dann ist häufig auch ein Blutgefäß mitbetroffen, es blutet ins Gelenk, ein Kreuzband ist gerissen oder die Kapsel beschädigt. Wenn die Schwellung erst später kommt, dann ist es eher eine Reaktion der Schleimhaut und meist nicht so tragisch.“ Hinzu erklärt Imhoff, dass im Anschluss grundsätzlich das so genannte P-E-C-H-Schema gilt: Pause, Eis, Chill (Kühlen) und Hochlagern. Jedoch müsse man beim Kühlen aufpassen, dass es zu keiner Unterkühlung kommt. Ansonsten folgt der entsprechende OP-Termin.

Böser Meniskus
Schwachstelle Nummer eins bleibt der Meniskus. Imhoff nach herrscht die Überzeugung, dass man den Meniskus möglichst erhalten und nur in Notfällen entfernen sollte. da es sinnvoller ist ein kleines abgerissenes Plättchen zu entfernen und zudem nach zehn Jahren ohne Meniskus in 80% aller Fälle Arthrose entsteht.

Alternativ versuche man seit vielen Jahren Menisken zu transplantieren, was inzwischen arthroskopisch möglich ist. Dadurch habe man wieder einen Puffer, schütze den Knorpel und bekäme erneut ein bewegliches Knie. Es sei aber nicht so einfach, einen Meniskus zu bekommen, der passt und nicht abgestoßen wird. Bei künstlichen Menisken sollen eigene Zellen in das Gerüst hineinwachsen. „Das ist aber noch etwas experimentell, weil wir kein Produkt haben, das in jedem Fall gut funktioniert“ klärt Imhoff.

Profilaxe geht vor
Ein ausreichendes Training der Partie schützt vor Knieverletzungen, da Motorik, Muskulatur und Kondition starke Belastungen besser verarbeiten lassen, ausgleichen und abfangen. Doch wie sieht der richtige Umgang mit Meniskus & Co. tatsächlich aus? „Wenn das Knie normal benutzt wird, beim täglichen Laufen und Sport treiben, dann passiert selten etwas. Wenn man dem Knie eine etwas extremere Belastung zumuten will, dann ist eine gewisse Vorbereitung nötig. Man sollte sich ein Training zurechtbauen oder sich beraten lassen, weil die meisten Verletzungen dann passieren, wenn man unvorbereitet und untrainiert ist“ erklärt Imhoff und stellt dazu fest, dass die gefährlichsten Verletzungen beim Untrainierten bei so genannten „Stop-And-Go-Bewegungen“ (bsp. Bei Squash oder Tennis) auftreten. Training heißt Imhoff nach nicht, dass die Oberschenkel doppelt so dick werden, denn man sollte sich die auf jene Kondition konzentrieren, die eine geführte Bewegung im Knie erlaubt und die es im entscheidenden Moment stabilisiert.

Die Reha geht nach
Doch wenn es erstmal passiert ist, muss man damit umgehen können. „Die Krankengymnastik ist bei allen Behandlungen ein wesentliches Element. Der Patient muss lernen mit seinem verletzten oder operierten Gelenk zurecht zu kommen, seine Muskeln wieder zu koordinieren und sich nicht eine falsche Bewegung anzutrainieren“ erklärt der Experte und unterstreicht, dass die Hauptproblematik bei der Rehabilitation darin liege, dass man sich schonen will und das Gelenk falsch belastet. Deshalb ist eine Krankengymnastik von Nöten, die den Patienten führt und hilft – mit zweimal die Woche für 20 Minuten traben ist es nicht getan. Man muss täglich mit seinem Gelenk üben und braucht dazu die Unterstützung eines Krankengymnasten oder entsprechenden Sportlehrers.

Risikofall Floorball
Gerade im Floorball, bei einer Sportart in welcher rapide Richtungswechsel gepaart mit Zweikämpfen auf hartem Belag gang und gäbe sind, ist das Knie besonders gefährdet. Michael Mirisch, Philipp Hühler, Armando Crottogini, Christian Keil oder Ingmar Penzhorn, um nur wenige zu nennen, hatten bereits das Vergnügen wortwörtlich in die Knie gezwungen zu werden. Nationalspieler Penzhorn zog sich beispielsweise bereits in der Nachsaison bei einem Mixed-Turnier einen Kreuzbandriss mit Meniskusschaden zu. „Es ist wirklich wichtig, dass man eine solche Operartion von einem Spezialisten machen lässt, eine Uniklinik kam für mich nicht in Frage (…), lieber vier Wochen auf einen Termin warten und dann ordentliches Handwerk bekommen“ erklärt die „Cobra“ und gesteht, dass die aufgezwungenen Einschränkungen üblich schwer zu akzeptieren sind.

Ersehntes Comeback
„Zwei drei Tage nach der OP ging es mir gar nicht gut, danach wurde es langsam besser, aber ohne Schmerzmittel geht nichts. (…) Ich sollte vier Wochen an Krücken gehen. Natürlich habe ich mich nicht dran gehalten und bin nach ca. zweieinhalb Wochen durch die Wohnung gehumpelt.“ Aber auch die Reha forderte ihren Tribut. Penzhorn verbrachte dort zu Beginn bis zu fünf Stunden täglich. „Am Anfang kommen noch Gangschule, Streching und ähnlich langweilige Sachen hinzu. Die Maintime verbringt man aber mit MTT, manuelle Trainingstherapie – zu Beginn mit Therapeuten, später alleine, jeden Tag ca. zwei Stunden nur Training und Bewegung für das Bein. Hauptsächlich werden die ischiocurale Muskulatur und die oberen Oberschenkelmuskeln (…) trainiert – dies unter anderem durch Multipresse mit Wackelpad. Ganz vorne steht im Trainingsplan u.a. propiorezeptives Training, welches übrigens auch im normalen Trainingsplan bei Sportarten wie der unseren stehen sollte. Es bedeutet beispielsweise mit dem verletzten Bein (einbeinig) auf einem Weich- oder Wackelpad stehen. Dies fördert nicht nur die Propriorezeption, sondern auch ungemein die Koordination.“

Doch das soll noch nicht alles sein. Penzhorn erwähnt sein Bewegungsbad, Aquajogging, die Krankengymnastik und Querifikation. Das neue Band brauche übrigens 12 bis 24 Monate bis es richtig fest ist. „Tagesziel war nach zwei Wochen post OP den 300 Meter entfernten Zeitungskiosk anzuhumpeln, in gefühlten zwei Stunden, und den Kicker zu kaufen, denn so ganz ohne Sport geht es ja wohl nicht.“ 2008 feiert Penzhorn den Titel des B-Weltmeisters, 2009/2010 gehört er wieder zu den Topscorern der 1.Bundesliga. (jk)