Frühling in Kurdistan

Die Geschichte der kurdischen Bevölkerung im Nordirak prägten noch nicht in allzu ferner Vergangenheit Gräueltaten kaum vorstellbaren Ausmaßes. Bis heute wird von einem 35 Jahre andauernden Genozid unter der Regierung Saddam Husseins gesprochen, welchem schätzungsweise 500.000 Kurden zu Opfer gefallen sein sollen. Sechs Jahre nach der Machtenthebung des irakischen Diktators ist die autonome Region unter dem KRG (Kurdistan Regional Government) mittlerweile die stabilste im weiterhin schwer gezeichneten Land. Zahlreiche Programme sollen nun installiert werden, die wie jung so auch alt für jene banalen Nebensächlichkeiten begeistern können, welche wieder nach und nach einen „üblichen Alltag“ bescheren dürften.

Mehr als Mittel zum Zweck
Dass sich gerade Floorball an dieser Aufgabe beteiligen könnte, wirkt zunächst unwahrscheinlich, doch der Weg aus Schweden in den Irak bzw. Nach Kurdistan ist kürzer als man denkt. Allan Hawas schloss an der Karlstad Universität seinen Master in Maschinenbau und Pädagogik ab. Schon während des Studiums reifte im Kopf des Auswanderers ein umfangreicher Plan, die Sportart in die Heimat zu importieren. „Vor zwei Jahren reiste ich regelmäßig nach Kurdistan, um für das dortiges Sport- und Jugendministerium als Projektmanager tätig zu sein und versuchte die dortigen Funktionäre zu überzeugen, unsere Idee in deren Entwicklungsprogramm aufzunehmen. Zeitgleich stellten wir die Sportart in Schulen und Sportvereinen vor. Wir schlossen uns mit der IFF und auch dem Schwedischen Verband kurz und brachten die ersten Floorball-Ausrüstungen ins Land. Dass man zusätzliche finanzielle Ressourcen für Hawas  Idee seitens der Regierung zugänglich machen würde, war eigentlich eine utopische Erwartung, dennoch gelang auch dies. „Anfang dieses Jahres reichte das Sportministerium einen Antrag auf Budgeterweiterung ein, woraufhin die Regierung das Projekt tatsächlich auch finanziell zu unterstützen begann. Im Sommer reisten meine Kollegin Dara Ibrahim und ich regelmäßig aus Schweden nach Kurdistan, um dort Präsentationen und Tage der offenen Tür für Vereine und die Öffentlichkeit zu veranstalten. Seminare vermittelten allen Interessierten die theoretischen und praktischen Aspekte der Sportart und ließen die ersten Freundschaftsspiele ausrichten.

Photo: Alan Hawas

Wie ein Lauffeuer
Der Zuspruch war in jener kurzen Zeit tatsächlich enorm. Gleich zehn Vereine in unterschiedlichen Ecken der Region sollen die Sportart nun in ihr Angebot genommen haben, veranstalten Trainings und Freundschaftsspiele. Das Sportministerium unterstütze diese Vereine gesondert finanziell, die „schwedische Gruppe koordiniere das Projekt. Die Umstände im Land lässt sich Hawas nicht unbedingt zu nahe kommen. „Unsere Bemühungen beschränken sich zunächst auf das Gebiet unter dem KRG im Nordirak. Die Region steht seit 1991 unter Eigenverwaltung und das Sportministerium unterstützt das gesamte Entwicklungsprogramm. Im Augenblick geht es dem kurdischen Territorium sehr gut und der Alltag verläuft nicht anders als in einer europäischen Stadt. Das Gebiet blüht und die Aussichten für eine sichere Zukunft stehen wesentlich besser als anderswo im Irak. Der Grundlage besteht für solche Ideen und Aktivitäten.

Photo: Alan Hawas

Neuer Nährboden
Der Hockeysport selbst ist im Nordirak, anders als beispielsweise in Pakistan oder Indien, ein weitestgehend unbekannter Zeitvertreib gewesen. Fußball oder Kampfsport bestimmten lange die Sportpalette. „Die Sportgattung ist tatsächlich neu für uns, die Leute konnten bislang keine Erfahrung mit dieser sammeln. Das Wundervolle, jedoch nicht Unerwartete, ist aber, dass sich besonders die Kleinsten hierfür sofort begeistern konnten. Der erste Tag der offenen Tür war unglaublich. Die Kinder, Mädchen und Jungen, weigerten sich die Stöcke abzugeben und mit dem Spiel aufzuhören, sie lieben es.

Einen historischen Umstand kann Hawas schon verbuchen. „Zum ersten Mal in der Geschichte Kurdistans sehen wir eine gemischte Sportart, in welcher Frauen und Männer zusammen spielen. Natürlich gefällt diese Eigenschaft nicht allen Gemütern, doch die Unterstützung seitens des Sportministeriums ist enorm. Der Minister selbst, Herr Taha Barwary, lebte über 20 Jahre in Schweden, ebenso wie seine Weggefährten und Mitarbeiter, welche ebenfalls einen beträchtlichen Lebensabschnitt in Skandinavien verbrachten, dort studierten, lebten oder arbeiteten. Er bemüht sich zahlreiche schwedische Modelle im Bereich der Jugend- und Sportkultur hier angepasst umzusetzen. Hinderlich seien bislang lediglich die fehlenden Halleneinrichtungen. Diese Situation soll sich aber während des Wiederaufbaus bessern. Floorball hat im Nordirak somit Fuß gefasst und darf eine neue Zeitrechnung prägen.

Teilaktualisierter Archivbeitrag: Erstveröffentlichung im Oktober 2008