Der Schweizer Weg

Sandra Dirksen im Dres der Red Ants. Foto: Florian Büchting / unihockey-pics.de

Sandra Dirksen gehört zusammen mit ihrer Weggefährtin Katja Timmel zum höchsten Spielergut, dass das deutsche Floorball zu bieten hat. Im Trikot des schweizer Elitevereins Red Ants Rychenberg Winterthur steht die 25-Jährige im Cup-Finale und mit einem Bein in den Play-Offs. Das Floorballmagazin unterhielt sich mit der Kapitätnin der deutschen Nationalmannschaft über den „Schweizer Weg“, vergebene Chancen und neue Hoffnungen.

Floorballmagazin: Hallo Sandra, du bist nun eine Reihe an Jahren in der Schweiz. Wie kam es überhaupt zu deiner „Auswanderung“ und warum?

Sandra Dirksen: Hey Jan. Oje, wenn ich so über deine Frage nachdenke, dann merke ich erstmal, wie lange ich schon in der Schweiz lebe. Es ist bereits die sechste Saison und die neigt sich auch langsam dem Ende zu. 2004 habe ich mit dem SAHGA Team Halle in Weißenfels am Europa-Cup teilnehmen dürfen, was eine tolle Erfahrung war. Dort waren auch Schweizer Teams vertreten und Trainer, die Spielersichtungen durchgeführt haben. Ich hatte das Glück auf mich aufmerksam zu machen und wurde telefonisch angefragt, ob ich es mir vorstellen könnte in der höchsten Schweizer Liga zu spielen.

Es war das kürzeste Transfergespräch der Vereinsgeschichte, denn ich habe ohne irgendjemanden zu fragen oder Forderungen zu stellen einfach zugesagt. Meine Eltern waren etwas überrascht, aber gleich begeistert von meinem Vorhaben. Sie haben mich immer unterstützt, wofür ich sehr dankbar bin. Ich hatte gerade meine Abiturprüfungen erfolgreich abgeschlossen und habe alles auf mich zukommen lassen. Es war die beste Entscheidung meines Lebens. Der Verein hat mir einen Job und eine Wohnung besorgt. Nach nur kurzer Zeit habe ich mich super eingelebt, hatte Unihockey auf höchstem Niveau, viele neue Freunde und ein eigenes spannendes Leben in einem kleinen rot-weissen Land mit lustiger Sprache. Das i-Tüpfelchen nach einem halben Jahr war, dass ich mich verliebt habe und seither glücklich in einer Beziehung bin. Dann war definitiv klar, dass die Schweiz mein neues Zuhause sein wird.

Deine erste Glanzzeit hattest du im Trikot der Jets erlebt, die heute leider nur noch in den Geschichtsbüchern zu finden sind. Wieso hat es dich damals zu den Red Ants gezogen?

Bei den Jets habe ich mich von Anfang an sehr wohl gefühlt. Wir waren eine junge zusammen gewürfelte Truppe, die Freude am Unihockeyspielen hatten. An drei bis vier Trainingseinheiten pro Woche musste ich mich erstmal gewöhnen und ganz schön durchbeißen. Mein Trainer hat damals zu mir gesagt: „Dirksen, du hast dich genug auf deinem Talent ausgeruht, jetzt wird mal gearbeitet!“ Das hat meinen Ehrgeiz, Willen und meine Motivation extrem angespornt. Wir waren in der ersten Saison sehr erfolgreich und nach der Hälfte der Meisterschaft auf einem Play-Off-Platz. Ich habe mir dann leider einen Kreuzbandriss zugezogen und konnte das Team nicht mehr auf dem Feld unterstützen.

In der zweiten und dritten Saison kam es zu vielen Spieler- und Trainerwechseln, dass Unruhe ins Team gebracht hat. Außerdem wurde die Liga von 10 Teams auf 8 verkürzt und wir sind abgestiegen in die NLB. In diesem Jahr hatte ich einige Angebote von anderen Schweizer Teams, wie auch von den Red Ants Winterthur. Es war ein tolles Gefühl von so einem Spitzenverein angefragt zu werden. Der Wechsel dorthin war eine riesige Umstellung. Die Damen stehen an oberster Stelle, es herrscht Disziplin und Professionalität. Wir trainieren zum Beispiel alle in den gleichen Klamotten und kriegen alles gesponsert. Das Training ist viel anspruchsvoller, das Tempo ist unglaublich hoch und es spielen sehr viele Nationalspielerinnen in diesem Team.

Für mich kam nur ein Wechsel nach Winterthur in Frage, weil das gesamte Vereinskonzept und das Umfeld gestimmt hat. Dass die Damenabteilung bei den Jets komplett aufgelöst wurde, hat mich sehr enttäuscht. Es war immer sehr viel Potenzial vorhanden, aber es hat die richtige Person gefehlt, um dieses auszuschöpfen. Echt schade!

Hattest du oft damit zu kämpfen, dass du aus dem „Entwicklungsland“ Deutschland kamst? Musstest du dich irgendwie besonders beweisen und wie schwer war es, sich bei Rychenberg durchzusetzen?

Mein damaliger Trainer wurde von allen Seiten belächelt als bekannt wurde, dass er zwei deutsche Spielerinnen transferieren will. Normalerweise werden Schweden, Finnen oder Tschechen in die Liga eingekauft. Dass in Deutschland auch Unihockey gespielt wird, wussten die wenigsten Schweizer. Katja und ich haben uns aber schnell einen Namen gemacht. Wir sind zwar technisch bei weitem unterlegen, aber körperlich und kämpferisch zählen wir seither zu den Stärksten. Die Schweizer lieben auch unsere Mentalität und unsere Willensstärke. Wir geben nie auf, egal wie es steht. Das Spiel ist erst vorbei, wenn abgepfiffen wird. Darum werden wir auch gerne als „Kampfsau“ betitelt.

Bei den Jets haben wir uns relativ früh einen Stammplatz unter den ersten zehn gesichert, aber bei den Red Ants war das nicht so einfach und wir mussten uns an das „Bankdrücken“ gewöhnen. Die Konkurrenz ist stark, das Leistungsgefälle im Team sehr gering und die Juniorinnenarbeit läuft sehr gut, dass heißt da war Kämpfen angesagt, denn es warten viele Spielerinnen auf der Bank, die bereit sind zu spielen und nur auf eine Gelegenheit hoffen, um ihr Können zu zeigen. Der Druck ist dadurch viel grösser, aber das macht unseren Sport ja interessant.

Umbruchszeiten für die Kapitänin der deutschen Nationalmannschaft. Foto: Florian Büchting / unihockey-pics.de

Rychenberg ist einer der absoluten Schweizer Topvereine. Auch dieses Jahr stehen die Chancen Dietlikon ein Bein zu stellen, nicht allzu schlecht. Im Finalpoule habt ihr auf Burgdorf ein ordentliches Polster und auch das Pokalfinale steht an. Was sind die Ziele für dieses Jahr?

Dieses Jahr ist ein super Jahr für uns. Wir haben im September die Europa-Cup-Qualifikation gegen Finnland geschafft und durften nach Dänemark reisen, wo wir drei von vier Spielen gewonnen haben und trotzdem auf dem 5. Platz landeten. Manchmal verliert man einfach das falsche Spiel. Bei den Czech Open belegten wir „nur“ den dritten Platz, weil wir im Halbfinale knapp gegen Pixbo 4:5 verloren haben. Wir spielen in zwei Wochen im Schweizer Cup-Finale vor 3.000 Zuschauern und können endlich einen Titel holen. Die Meisterschaft läuft auch gut, denn wir haben unseren Play-Off Platz sicher und freuen uns riesig auf das Halbfinale, egal gegen wen.

Also wie man sieht haben wir ein strenges, aufregendes, lehrreiches Programm, welches nur mit viel Arbeit und einem super Team zu bewältigen ist. Wir trainieren momentan wöchentlich viermal in der Halle, einmal im Fitnessraum, müssen zweimal joggen gehen und haben meistens an den Wochenenden nicht nur ein Spiel, sondern zwei. Diesen großen Aufwand nehmen wir nur in kauf, weil wir hohe Ziele haben. Wir wollen das Cup-Spiel gewinnen und um die Meisterschaftskrone mitspielen!

Vor zwei Jahren folgte dir auch Katja Timmel nach ihrem Engagement bei Zug nach Rychenberg. Als Weggefährtin ging sie mit dir durch dick und dünn. Zudem gilt ihr zusammen als die Schlüsselspielerinnen der deutschen Nationalmannschaft. Was verbindet euch alles nach den Jahren?

Katja und mich verbindet sehr viel mehr als nur Unihockey. Sie ist eine ganz wichtige Freundin, die mir mit Rat und Tat immer zur Seite steht, was natürlich auf Gegenseitigkeit beruht. Wir haben schon zusammen in Deutschland gespielt, dann bei den Jets und jetzt wieder bei Winterthur. Wenn sie nicht auf dem Feld steht, dann fehlt etwas – wie man bei der letzten WM gesehen hat. Wir haben fast vier Jahre in einer WG gewohnt und arbeiten beide auch noch bei IKEA im selben Haus. Wir sehen uns also ständig. Es ist toll, dass wir unseren „Schweizer Weg“ zusammen gegangen sind, uns geholfen, unterstützt und weiterentwickelt haben. Wir kennen uns in- und auswendig auch auf dem Feld, das merkt man in der Nationalmannschaft ganz extrem. Bei den Länderspielen müssen wir nicht viel reden, denn wir verstehen uns blind und wissen was wir wollen. Katja ist für mich die vielseitigste Spielerin Deutschlands und ich bin froh mit ihr befreundet zu sein.

Damit wäre auch der Übergang zum Thema Nationalmannschaft geschafft, wo du als Leitwölfin giltst. In Schweden gab es leider kein Happy End, als die deutsche Auswahl etwas überraschend im Halbfinale an Australien scheiterte. Hatte man sich unter Wert verkauft oder woran lag dies?

Ja, das war eine bittere Niederlage, an der ich heute noch zu knabbern habe. Einen Tag zuvor haben wir unser bestes Spiel gegen Ungarn abgeliefert und allen gezeigt, dass in Deutschland super Unihockey gespielt werden kann. Australien hat sich das Spiel angeschaut und perfekt auf uns eingestellt. Sie wussten wo unsere Schwachpunkte sind und haben uns früh unter Druck gesetzt. Wir waren wie geschockt und nicht in der Lage das Spiel zu wenden. Ich kann mir selber nicht erklären, was an diesem Tag mit uns los war, aber wir waren mental nicht in Topform. Aus solchen Situationen kann man nur lernen, auch wenn es schwer fällt.

Als "Rote Ameise" verbuchte Dirksen in der Saison 09/10 bereits neun Tore und neun Vorlagen. Foto: Florian Büchting / unihockey-pics.de

Nach der WM brach etwas Unruhe auf, als der ehemalige Trainerstab verabschiedet wurde. War es ein richtiger Schritt die Crew zu ändern und ein neues Kapitel aufzuschlagen?

Ich war mit unserem Trainerstab sehr zufrieden, denn sie standen immer hinter uns und haben ihr bestmöglichstes getan. Die Art und Weise wie sie verabschiedet wurden war nicht ganz korrekt und vor allem nach den zerplatzten Träumen in Schweden waren die Emotionen umso mehr aufgewühlt. Silke hat über Jahre einen guten Job für uns Damen abgeliefert, aber jetzt freue ich mich auch über etwas frischen Wind. Der neue Trainer kennt keine Spielerin persönlich, das heißt, er macht sich ein eigenes Bild und alle fangen von vorn an sich zu beweisen. Das ist nicht nur spannend, sondern bezweckt auch für die „alten“ Spielerinnen wieder neue Motivation und Arbeit denn die „jungen Wilden“ warten schon in den Startlöchern um nachzurücken.

Nun hast du nach jenen Jahren im Nationaldress eine mehr als passable Übersicht über die gesamte Szene. Wo siehst du die deutsche Nationalmannschaft in der internationalen Konkurrenz und was fehlt noch um zumindest auf die ehemaligen Mitstreiter Dänemark oder Polen aufzuschliessen?

In Deutschland fehlt ganz klar eine gute Juniorenabteilung. Mit 14 oder 15 Jahren spielen alle schon Bundesliga, die Teams kriegen gerade mal zwei Blöcke zusammen und die jungen Mädels werden völlig verheizt. Natürlich kann man das nicht mit der Schweiz vergleichen, weil hier auch die finanziellen Mittel und die Medienpräsenz stimmen, aber wenn ich höre, dass ein Grossfeldteam nur Kleinfeldhallen zum Trainieren zur Verfügung hat, dann kann das ja auch nichts werden. Dänemark und Polen haben einen viel breiteren Kader, aber ich bin überzeugt, dass wir mithalten können, wenn in allen Vereinen an der Fitness und Technik gearbeitet wird.

Unsere Stärke könnte die gute Mischung aus erfahrenen und jungen Spielerinnen sein. Dänemark hatte auch einen völligen Umbruch im Team mit fast allen neuen Spielerinnen und Polens Liga besteht wie in Deutschland auch nur aus vier bis fünf Mannschaften. Wenn wir bei Trainingslagern viel zusammen spielen, alle das System umsetzen und ein Team werden, dann können wir die Qualifikation für die WM in der Schweiz schaffen.

Wenn du dich in der Nationalmannschaft umsiehst oder auch darüberhinaus blickst, gibt es Namen junger Talente, die für dich besonders herausstechen?

Absolut, es stechen sehr viele heraus und das zeigt unser großes Potenzial. Die „alten Hasen“ wie Antje Schmidt, Juliane Hoffmann, Anika Mähler, Lena Tauchlitz, Cindy Weber, Nicole Kiss und Katja Timmel gehören zu den absoluten Teamstützen. Aber den „jungen Wilden“ wie Nancy Gatzsch, Franzi Mietzsch, Celine Lücken, Lisa Entelmann und Sonja Dietel steht eine große spielerische Karriere bevor, wenn die Einstellung und der Wille stimmt.

Auf wen ich ganz gespannt bin, ist Pauline Baumgarten, die in der Bundesliga sehr viele und in wichtigen Situationen Tore schiesst. Außerdem war ich von Madleine Voigts Spielstil schon immer ein Fan und würde sie gern wieder in schwarz-rot-gold sehen.

Verfolgst du die Entwicklungen der Damen-Kategorie in Deutschland? Welche Besonderheiten nimmst du wahr?

Ich verfolge leider aus Zeitgründen nur oberflächlich den Ligabetrieb über das Internet.

Gut, und zum Abschluss… wenn du die Gelegenheit hättest ein bestimmtes Spiel deiner Karriere zu wiederholen, um dieses noch einmal genießen oder um in diesem etwas anders machen zu können, welches wäre dies und warum?

Ich würde gerne noch mal das WM-Finale gegen Polen 2007 spielen. Da waren wir so nah dran an dem Aufstieg, hatten eine super Stimmung im Team und jetzt hätten wir die nötige Erfahrung, um solche Spiele zu gewinnen…

Sandra, ich bedanke mich vielmals und wünsche deinen Red Ants ein goldiges Saisonfinale.

Danke, Jan. Ich habe gerne die Fragen beantwortet und hoffe beim nächsten Interview eine Medaille präsentieren zu können. (jk)

Kommentare

  1. Ja, die Nachwuchsarbeit ist tatsächlich ein großes Problem, was unbedingt tiefgreifend angegangen werden muss. Was die Nationalmannschaft angeht, bin ich überzeugt, dass mit dem bestehenden Kader und, endlich, einem kompetenten Trainer, die Qualifikation zur WM 2011 gelingen wird.

  2. Naja, so weit würde ich nicht gehen… der alte Trainerstab hat über Jahre hin solide Arbeit geleistet, aber irgendwann lebt man sich auseinanander und die Bindungen zwischen Spielern und Trainern werden eingefahren. Dieser Trainerwechsel erfrischt einfach und manchmal muss man eben ein neues Kapitel aufschlagen.