Das Gesetz des Spiels

Bleiben das Maß aller Dinge - Pasi Aho und Clemens Alex. / Foto: Rudolf Schuba, floorball-europe.com

Eigentlich können Spieler, Funktionäre und Fans doch sowieso nur maulen, beschweren sich über weite Reisestrecken der Unparteiischen, unfaire Entscheidungen und nicht nachvollziehbare Ansetzungen. Kennt man aber das System, herrscht lautes Schweigen. Denn geht etwas schief, gröllt es aus allen Reihen, läuft alles richtig, merkt es niemand.

Für Schiedsrichter auf Bundesebene gab es in diesem Jahr spürbare Entlastungen in der Anzahl an Ansetzungen. Auch die Vereinsstrafen sackten runter. Die Anzahl der Lizenzierten wachsen gleichwertig mit den aktiven Spielerinnen und Spielern. Und dennoch, gröllt es weiter und nicht immer zu unrecht. Markus Tölzer, Chef der RSK, erklärt wohin der Wind wehen soll.

Floorballmagazin: Servus Markus, als Unparteiischer hat man es im Leben mehr als schwer und wenn man noch dazu der Chef aller Schiris ist, dann macht man sich sowieso wenig Freunde. Wie kamst du auf die selbstzerstörerische Idee das Amt des Vorsitzenden der RSK zu übernehmen? Die meisten deiner Kollegen wissen viel zu wenig über dich.

Markus Tölzer: Hallo Jan, das war eine relativ einfache Entscheidung. Steven konnte dieses Amt auf beruflichen Gründen nicht mehr weiterführen und ich war in der damals nur drei Personen kleinen RSK derjenige, der am längsten dabei war…

Unter den Schiedsrichtern und Vereinen giltst du als resolut, fleißig und direkt, aber ebenso als distanziert, streng und unflexibel. Erfordert dein Amt ein gewisses Maß an struktureller Sturheit?

Das hat sowohl mit dem Amt als auch mit meinem Aufgabengebiet innerhalb der RSK zu tun. Das Problem ist, dass die Schiedsrichter und Vereine ja auch nur das Ergebnis präsentiert bekommen. Auf dem Weg dahin schauen wir immer, was wir eigentlich haben wollen und was wir davon den Schiedsrichtern und Vereinen zumuten können. Dabei sollte man vielleicht auch bedenken, dass alle Mitglieder der RSK entweder Kontingentschiedsrichter sind oder eine Lizenz ab N2 aufwärts besitzen. Für uns gelten unsere „strengen“ Regeln genauso, wie für alle anderen.

Die meisten Schiedsrichterprobleme wie auf regionaler so auch auf nationaler Ebene ließen sich bei einem wesentlichen Anstieg an lizenzierten Unparteiischen viel einfacher handeln. Wie sehen die statistischen Entwicklungen aus und wie will man in Zukunft Anreize schaffen, dass man seine Unparteiischen in spe in die Lehrgänge lockt? Hier gilt wohl auch, dass positive Motivation, wie Vergütung oder Status, mehr bringt als negative, wie Strafen für den Verein, oder?

Zunächst mal das Einfache. In den letzten beiden Jahren gab es einen Zuwachs von jeweils gut 20 Prozent. Was die Anreize anbelangt, haben wir denke ich einen sehr wichtigen Schritt getan, indem die Schiedsrichter zu allen Floorball-Spielen in Deutschland freien Eintritt haben. Wir würden gerne die Vergütung auf ein angemessenes Niveau anheben. Aber welcher Verein könnte das zahlen?

Weiterhin haben wir zur letzten Saison einen Sponsor für Schiedsrichter-Ausrüstung gewinnen können. Die Ausrüstungen reichen zwar noch nicht aus, um alle Vereine und Schiedsrichter auszustatten, aber es werden immer mehr. In dieser Saison erwarten wir die nächste Lieferung.

Auch die Vergütung haben wir in den letzten beiden Jahren angehoben. Wir versuchen somit also genau das, was du vorschlägst: positive Anreize für die Schiedsrichter zu setzen. Wir sind darüberhinaus bemüht, Strafen zu vermeiden, können aber nicht ganz auf sie verzichten. Wenn Vereine sich nicht an der Schiedsrichterausbildung beteiligen wollen, schaden sie allen anderen Vereinen und verursachen ganz konkrete Kosten für alle Vereine. Manche sehen diesen Zusammenhang nicht, aber indem wir alle Vereine dazu bringen, Schiedsrichter auszubilden, können wir nicht nur die Sicherung der Abdeckung des Spielbetriebs sicherstellen, sondern reduzieren auch die Schiedsrichterfahrtkosten und helfen den Vereinen geld zu sparen. Unsere Planungen sind aber immer so, dass jeder Verein ohne Strafen auskommen kann.

Markus Tölzer beobachtet die rote Karte für Andrea Gerdes. / Foto: Florian Büchting, unihockey-pics.de

Von Quantität zu Qualität. Tatsächlich spürten die Schiris ein gewissen Maß an Entlastung. Der Verband hat es geschafft einen wichtigen Sprung in die Breite zu machen. Doch besonders zu Beginn der aktuellen Saison beschwerten sich einige Bundesligisten über besonders mangelhafte Schiedsrichterleistungen. Ist dies unabwendbarer Kollateralschaden beim Versuch neue Schiedsrichter reifen zu lassen oder ließe sich dies vermeiden? Wie kann die Ausbildung vor dem ersten praktischen Einsatz optimiert werden?

Eine ziemlich heikle Sache. Du gehst bei der Fragestellung davon aus, dass die Beschwerden (von denen bei der RSK keine einzige offiziell eingegangen ist) alle gerechtfertigt waren. Wir haben in der letzten Saison ein System eingeführt, das sicherstellt, dass die Schiedsrichter eine Mindesterfahrung in der Leitung von Spielen hat. Diese ist nicht hoch genug, mehr ist aber aktuell nicht möglich. Es gibt schlicht zu wenig Floorball-Spiele in Deutschland…

Natürlich sind wir bemüht, die Schiedsrichter zunächst gezielt in „einfachen“ Spielen einzusetzen und zu beobachten. Auch wenn dies bedeutet, dass die erfahrenen Schiedsrichter dann nicht zur Verfügung stehen, da sie Observer-Einsätze wahrnehmen. Dies ist unserer Ansicht nach ein guter Kompromiss, um mittelfristig die Schiedsrichterleistung zu verbessern. Was uns dabei helfen würde, wären etwa 20 weitere Beobachter, die wir jedoch leider nicht haben.

Oft wundern sich einige Vereine, über Ansetzungen von „Nachwuchsschiedsrichtern“ zu Schlüsselspielen. Um konkreter zu werden, am Beispiel der heiklen Abstiegspartie zwischen Bremen und Berlin. Am Ende gab es eine faktisch falsche rote Karte, einen zerschossener Bericht und lediglich die Vereinsfreundschaft beider Teams verhinderte ein prekäres Nachspiel. Kommt es zu solchen Ansetzungen zu dieser Saisonphase aus Mangel an Alternativen oder steckt eine Idee dahinter?

Schauen wir uns den Fall doch mal an. Bremen, Hamburg, Lilienthal und Seebergen hatten Heim-, Uphusen und Seebergen/Hamburg Auswärtsspiele. Somit bleiben im Norden mit Kiel und Neuwittenbek noch 2 Vereine, die Zeit gehabt hätten. Einer der beiden Vereine hat jedoch nur einen Schiedsrichter. An externen Schiedsrichtern stehen uns dort ein Paar und ein Einzelner zur Verfügung, der jedoch gesperrt hatte. Das externe Schiedsrichterpaar wurde für die ebenfalls heikle Partie in Hamburg angesetzt. Die Partien in der 2. Liga konnten zum Glück intern besetzt werden. Es blieb also nur noch Neuwittenbek über. Die nächsten Alternativen wären dann schon Bonn oder Wernigerode gewesen.

Den Bundesliga-Teams sind jedoch Ansetzungen mit 220 km schon zu weit. Eine entsprechende Beschwerde habe ich erst heute wieder auf den Tisch bekommen. Dazu kommt, dass Einsätze in einer solchen Entfernung natürlich auch für die Schiedsrichter nur schwer zumutbar sind. Wir laufen dann auch Gefahr, dass die Schiedsrichter in der nächsten Saison nicht mehr zur Verfügung stehen.

Jede unserer Ansetzungen ist die bestmögliche Mischung aus Kostenoptimierung, Potential der Partie und verfügbaren Schiedsrichtern. Es ist auch unfair, die Schuld für die falsche rote Karte ausschließlich bei den Schiedsrichtern zu suchen. Die Kontrolle der Lizenzen und der Spieler erfolgt ja z.B. durch das Schiedsgericht…

Wenn Schiedsrichter eine solche Strafe aussprechen, haben sie in der Regel auch nichts dagegen, wenn der Kapitän nochmal einen Blick auf den Spielberichtsbogen wirft, um sich selbst zu überzeugen. Hier haben also direkt mehrere Mechanismen versagt, aber die Schuld wird ausschließlich bei denen gesucht, die sowieso immer dafür verantwortlich sind, wenn man verloren hat…

Insbesondere in den Bundesligen hofft man eines Tages, wie es in den höheren europäischen Ligen üblich ist, lediglich auf externe Schiris zugreifen zu dürfen. Wie bekommt man dies in Deutschland hin und wann könnte es soweit sein?

Das wird noch ziemlich lange dauern, wobei es zwei Punkte sind, die so etwas ermöglichen würden. Erstens, Floorball hat sich in Deutschland so weit entwickelt, dass die Finanzkraft der Vereine so hoch ist, dass die Schiedsrichter entsprechend gut bezahlt werden können. Ein Schiri in der SSL bekommt ca. 200 Euro, in der 1. Bundesliga im Schnitt 30. Zweitens, so hart es auch klingen mag, so sehr ist es doch Realität, genug gute Schiris, die als Spieler zu schlecht für die Bundesliga sind oder sich zur Ruhe gesetzt haben.

Wie kann Floorball Deutschland die Ausbildung von Schiedsrichtern auf regionaler Ebene, in den einzelnen Landesverbänden besser unterstützen?

Letztlich auch eine Zeitfrage. Die Ausbildung auf regionaler Ebene kann nur besser werden, wenn die Instruktoren entsprechend gut ausgebildet werden und gutes Ausbildungsmaterial gestellt bekommen. Wenn jemand hier mitarbeiten möchte, ist er bzw. sie herzlich willkommen. Dieses Material muss nämlich auf Grund des neuen Regelwerks komplett überarbeitet werden. Wenn dies für inklusive I-Kurs 5 Kurstypen von nur 4 Leuten in 2 Monaten ehrenamtlich erledigt werden soll, dann sieht man schnell ein, dass das nur eine Notlösung sein kann. Also wie immer der Aufruf – die RSK braucht weitere Mitarbeiter und Helfer!

Ein weiterer wichtiger Schritt ist der Aufbau von Observersystemen in den Landesverbänden. Besonderes Augenmerk sollte hierbei auf der Ausbildung in den Jugendligen liegen. Wir müssen jugendliche Schiedsrichter ausbilden und optimal unterstützen. Nur so gewöhnen sich die Spieler von Anfang an daran, dass sie Schiedsrichter stellen müssen und in den höheren Ligen wird das später selbstverständlich. Es ist wichtig, dass wir bei den Schiedsrichtern ebenfalls im goldenen Lernalter mit der Ausbildung anfangen. Wie es so schön heißt, was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

Was sind konkret die kurz- bzw. mittelfristigen und was die langfristigen Ziele der RSK?

Kurzfristig, Saison so gut es geht abschließen, Kurse aufarbeiten. Mittelfristig, das Beobachtungssystem ausbauen und somit in der Praxis verbessern, was man in der Theorie schon beherrscht. Dazu Aufbau eines F-Kurssystems mit wechselnden, immer wieder kehrenden Bausteinen, jeweils ergänzt durch aktuelle Themen, Image des Schiedsrichters verbessern, mehr Mitarbeiter. Langfristig, da brauchen wir nur zu den Eidgenossen schauen. Ein solches Schiedsrichter-System wäre schon was feines, dauert aber…

Markus, abschließend ein überaus ernst gemeintes Dankeschön für dieses Gespräch. Es ist mir wohl bewusst, dass dies ein hartes aber überaus wichtiges Los ist, das du gezogen hast. Nochmals Danke und viel Erfolg!

Gern geschehen. Wir sind dankbar für jede Möglichkeit, um Hilfe zu rufen… (schmunzelnd)

(jk)

Kommentare

  1. Moin Jan,

    auch wenn ich dem Projekt während unseres letzten Gesprächs auf der ISPO noch recht kritisch gegenüberstand, muss ich euch ein riesen Kompliment machen.
    Die Seite ist echt gut geworden und die Artikel sind sehr interessant.

    Bis denn und weiterhin viel Erfolg