Verhungerte Bären

U19-Nationalspielerinnen im Zweikampf - Josi Gacon (l., Bären Berlin) und Maria Voigt (r., UHC Weißenfels). / Foto: Rudolf Schuba, floorball-europe.com

Des Öfteren müssen Vereine auf Spielgemeinschaften oder Teamfusionen zurückgreifen, um schwere Zeiten zu überbrücken oder eine effektivere Entwicklung einzuschlagen. Zum ersten Mal musste ein Verein aber im Laufe der Saison Bankrott melden. Die Geschichte der Berliner Bären, ist eine von Luftschlössern, Schulden und unerfüllten Hoffnungen.

Die Hauptstadt sollte eine neue Alternative haben. 2008 wurden von Roland Fust zu diesem Zweck die Bären Berlin ins Leben gerufen, welche zu Beginn der damaligen Saison in eine Spielgemeinschaft mit SG BAT Berlin traten. Zudem hieß es, man stünde nah an einem Eintritt in die Vereinsstruktur des deutschen Eishockey-Meisters, der Eisbären Berlin. Stattdessen wurde noch im Verlauf der Saison 08/09 die Partnerschaft seitens BAT gekündigt, da der Orgastab des neuen Vereins die Spielgemeinschaft mit unverhältnismäßigen Ausgaben in ein folgenschweres Haushaltsloch zu stürzen drohte. Von den Eisbären hörte man nie wieder etwas.

Im Sommer 2009 entschied sich die Vereinsführung der Bären Berlin mit eigenen Mannschaften jeweils in der 2. Bundesliga Ost der Herren und in der 1. Bundesliga der Damen zu starten. Doch Spieler waren zu diesem Zeitpunkt Mangelware. Und dies obwohl das Budget der Saison laut Vereinsvorstand ohne Umlagen durch Aktive ausschließlich durch eine externe Finanzierung getragen werden sollte.

„Nach Aussagen des Vorstandes sowie Roland Fust wurden uns alle finanziellen Mittel zugesichert und durch gute Leistungen der Spieler sollten wir auf eventuelle Sponsoren interessanter wirken,“ erklärt Stephanie Mrowka, die als Team-Chefin der Damen-Mannschaft auftrat. „Leider sind diese Gelder nie geflossen und die Spieler mussten zum Teil die Spieltage komplett selbst finanzieren. Was auch Wut in die Mannschaften und Leere in die Geldbörsen brachte.“

Gleich zum ersten Saisonspiel, einer Pokalpartie, konnten die Herren nicht anreisen. Aus Mangel an lizenzierten Spielern. Danach schlugen sich beiden Mannschaften jedoch beachtlich, zumindest im Rahmen ihren Möglichkeiten. Zwar konnten die Damen keinen Punkt verbuchen, erreichten aber knappe Ergebnisse und ließen den Kader stetig wachsen. Die Herren, welche aus der Not eine Tugend machten und sich als Spaßtruppe mit ein paar Mann solide zu verkaufen wussten, machten dem italienischen Catenaccio alle Ehre, sammelten auch einige Siege und hielten sich mit einer soliden Bilanz im sicheren Mittelfeld auf.

Spätestens Anfang 2010 riss aber der Geduldsfaden aller Spieler. Da die „Bärinnen“ nicht mehr bereit waren die versprochene Saison aus eigener Kasse zu zahlen, konnten keine Schiedsrichterrechnungen beglichen und keine Auswärtsfahrten wahrgenommen werden. Zeitgleich war der Pott auch bei den Herren leer. Eine außerordentliche Mitgliederversammlung führte dann zur mehrheitlichen Entscheidung, die Wettbewerbe einige Runden vor Saisonende aufzugeben.

Die zahlreichen Spielabsagen, welche sich insbesondere im neuen Jahr häuften, und die darauf folgenden Teamrückzüge sammelten zudem eine stolze Rekordsumme an zu begleichenden Strafbeträgen an. Michael Lachenmaier, Vize-Präsident von Floorball Deutschland rechnet zusammen: „Nun, Teamrückzug je Team 800 €, Nichtantritt Pokal 250 €, Nichtantritt Damen zu einem BuLi Spiel in Grimma am 7. Spieltag, wo auch Grimma wegen fehlender Hallenmeldung Heimrecht hatte, 250 €. Am Ende sind sie an zwei Spieltagen mit beiden Teams nicht angetreten. Jeweils ein Heim- und ein Auswärtsspiel. Auswärtsspiel je 250 €, Heimspiel 500 €. Alles kann auch in unseren Protokollen nachgelesen werden. Die Gesamtstrafe macht nach GBO insgesamt 3.600 Euro.“ Diese finanzielle Schuld landet jedoch nicht bei den Spielern, sondern beim Vereinsvorstand, der die Vereinsgründung initiierte. An das für die Entwicklung des Dachverbandes durchaus relevante Geld wird es jedoch schwierig sein, ranzukommen.

„Auf Nachfrage an den Vorstand konnten uns keine Informationen über den aktuellen Finanzstatus erteilt werden. Leider hat man sich auch nie auf Mails von Spielern oder Teamverantwortlichen gemeldet,“ moniert Mrowka. Der Verein soll nämlich nun aufgelöst werden, was aber die Schulden wird nicht wegzaubern können. „Nach Erklärung eines Vorstandsmitgliedes sollten die Bären zum Montag, den 01.03.2010, aufgelöst werden. Ob dies geschehen ist, ist zum aktuellen Zeitpunkt nicht bekannt,“ beschreibt Lachenmaier. „Der Verein ist verantwortlich, nach Aussage des Vorstandes sei dieser aber ohne Mittel. Nun wird geprüft, ob der Vorstand des Vereins in Haftung genommen werden kann. Problemlos wird das nicht ablaufen.“

Der Frust über dieses Verhalten entlädt sich regelmäßig. „Wie Renate Sawallich die hohen Kosten tragen möchte, weiß ich nicht genau, aber beglichen werden müssen sie. Auf der Vorstandssitzung, wo alle Spieler der Unihockey Bären Berlin versammelt waren, erschien sie nicht, um uns darüber in Kenntnis zu setzen. Schade,“ beschreibt Mrowka die Situation. Nach „mutmaßlichem Rücktritt“ des bisherigen Präsidenten Dirk Reichel im Jahr 2009 ist nur noch die Vorsitzende Sawallich im Vorstand übrig geblieben. Roland Fust hatte offiziell nie ein Amt im Verein inne.

Während sich die Herrentruppe wieder schrittweise aufgelöst hat und ihre Zukunft neu plant, fanden einige Damen für den Rest der Saison bei der Konkurrenz Unterschlupf. Wenn es nach Stephanie Mrowka geht, soll es in der Hauptstadt auch 10/11 wieder Damen-Bundesliga geben. „Viele organisatorische Voraussetzungen werden in näherer Zukunft geschaffen, so dass ein Spielbetrieb nicht auszuschließen ist. Die Spielerinnen fiebern mit Spannung der neuen Saison entgegen und unser Team steht neuen Teamplayern offen.“ (jk)

Kommentare

  1. Tja, man konnte es ja kommen sehen, irgendwie… Luftschlösser ist ein schönes Wort in diesem schweizer Zusammenhang :-)

  2. Vorausgesetzt, dass der Sachverhalt so ist wie hier dargestellt, sollte es sich um eine Form der Insolvenzverschleppung handeln, welche als Verein zwar keine strafrechtlichen Konsequenzen hat (wie z.B. bei einer GmbH oder AG), trotzdem weitreichende Folgen mit sich bringt.

    § 42 Abs. 2 Satz 1 BGB bestimmt, dass der Vorstand im Falle der Zahlungsunfähigkeit und/oder der Überschuldung die Eröffnung des Insolvenzverfahrens zu beantragen hat. Ein zeitliches Moment findet sich in § 42 Abs. 2 Satz 2 BGB. Dort wird festgelegt, dass der Vorstand bei einer »verzögerten Antragstellung« den Gläubigern für den daraus entstehenden Schaden verantwortlich sein kann.

    Soweit müsste geprüft werden, ob der „mutmaßliche Rücktritt“ des Herrn Reichel rechtlich Bestand hat oder ob er trotzdem noch haftbar ist. Frau Sawallich hingegen dürfte – selbst wenn der Verein zum 01.03. aufgelöst wurde – persönlich haften, wenn bereits zum Zeitpunkt der angefallenen Strafen für Teamrückzug ect. die Zahlungsunfähigkeit vorgelegen hat und trotzdem kein Insolvenzantrag gestellt wurde.

  3. Tja, es ist immer schade wenn ein Verein abraucht. Allerdings wurde die Partnerschaft von BAT nicht gekündigt, sondern es wurden die Vetragsverhandlungen eingestellt.

    Es scheint allerdings auch eine recht dumme Idee gewesen zu sein, für die Saison 2009/2010 überhaupt irgendwelche Mannschaften zu melden, denn wo kein Geld/da kein Spiel. Und schon garnicht wenn die Spieler nicht bereit sind, Geld für ihr Hobby auszugeben. Ich hätte allerdings auch so ein Angebot angenommen: Spielen ohne das es mich Geld kostet; was in dieser Altersklasse traditionell ja nicht im Übermasse vorhanden ist. Ärgerlich für die Spieler. Und Spieltage komplett selber finanzieren heisst natürlich eine Hammerbelastung.

    Da stellt sich natürlich die Frage warum nicht nach den ersten Spieltagen spätestens die Bremse gezogen wurde.

    Und nun gibt es eine Menge Schulden beim DUB zu tilgen, aber auch bei Renate Sawallich greift leider das Sprichwort: Bei wem nix ist, ist auch nix zu holen.

    Wären die Spieltage durchgeführt worden, würde es diese Strafgebühren nie geben. Wären die Mannschaften erst garnicht gemeldet worden, würde es die Strafgebühren auch nie geben. Defakto ist ausser Portokosten ist rein rechnerisch nicht wirklich ein finanzieller Schaden entstanden. Der immatrielle Schaden allerdings dürfte beträchtlich und kaum in Zahlen auszudrücken sein. Der DUB wird sich wohl an Renate Sawallich halten müssen, Dirk Reichel ist letztes Jahr im Juni von seinem Amt zurückgetreten. Da gibt es auch keinen „mutmaßlichen Rücktritt“ da er meines Wissens nach den Rücktritt nicht nur dem Verein und dem Registergericht, sondern auch dem DUB gemeldet hat (mutmaßliches Wissen!).

    Den grössten Schaden dürften die Spieler haben, die jetzt erst mal ohne Verein dastehen, und die Spieler können da schonmal überhaupt nichts für die Situation.

    Schade das Luftschlösser schon durch eine Windböhe verwehen.

    Ben

  4. Problem war wohl die fehlende Transparenz. Keiner der Spieler konnte sehen worauf er sich einlässt. Wiederholte Nachfragen in verschiedenen Richtungen wurden nie zufriedenstellend beantwortet. Am Anfang stand lediglich die Option: mit den Bären spielen oder keine Damenmannschaft stellen. Normalerweise untersucht man persönlich auch nicht die finanzielle Lage des Vereins in den man eintreten will..
    Ausserdem waren die Spieler bereit für ihr Hobby zu zahlen, mehrere Spieltage wurden aus eigener Tasche bezahlt(siehe Artikel). Nur irgendwann reicht es, vor allem, wenn das nicht von Vornerein so ausgemacht war.

    @Autor: es gab keine außerordentliche Mitgliederversammlung, denn die hätte vom Vorstand einberufen und geleitet werden müssen. Wurde ja aber nicht. Nicht nur an Transparenz sondern auch an Organisation hat es wohl gemangelt.