Zwanzig Quadratmeter und ein Dixie-Klo

100.000 Franken hatte Swiss Unihockey allein die Miete der Bahnhofsvorhalle gekostet. Dafür wurde man mit einer einmaligen Kulisse belohnt. /Foto: Rudolf Schuba /floorball-europe.de

Swiss Unihockey feierte seinen 25. Geburtstag mit einem Riesenevent in der Vorhalle des Zürcher Hauptbahnhofs. Zu diesem Anlass gaben sich die vier weltbesten Teams im Rahmen der Euro Floorball Tour die Ehre. Floorballmagazin selbst war ab Samstag vor Ort und erlebte Petteri Nykky beim Kaffeeplausch, ungeduschte Weltstars sowie zahlreiche weitere Anekdoten.

Taktikbesprechung im Café - Finnlands Trainer Nykky und seine Assistenten. /Foto: privat

Die Parkplatzsuche rund um den Züricher Hauptbahnhof gleicht einer Lotterie. In einem Parkhaus erhaschen wir schließlich für vier Franken (ca. 2,90 €) pro Stunde einen der letzten drei freien Plätze – die anderen 600 sind bereits voll belegt. Kaum in der Vorhalle des Bahnhofes angekommen, erspähen wir bereits ein bekanntes Gesicht. Finnlands Headcoach Petteri Nykky berät sich mit seinen Assistenten in einem Cafe neben dem Feld. Es ist die erste Drittelpause der Partie gegen Tschechien. Etwas weiter ist der Vorhang an der Tribünenrückseite ein wenig aufgezogen. Auf guten zwanzig Quadratmetern eingepfercht blicken uns Hyvärinen, Toivoniemi und Co. entgegen und warten auf Nykkys Kabinenpredigt – Über ihren Köpfen liegt der VIP-Bereich. Ein Blick aus Spielfeld ist von außen nicht möglich, was wahrscheinlich an den Kartenpreisen von knapp dreißig Euro pro Tag liegt. Kostenfrei ist lediglich der Besuch der U-17-Trophy-Spiele im Nachgang der Hauptpartien. Da auch keine Leinwände an den Rückseiten angebracht sind, muss Floorball dem größten Teil der passierenden Massen leider weiterhin unbekannt bleiben.

Ein ferngesteuerter Heißluftballon warf zum Start jedes Drittels seine "Fracht" über dem Bullypunkt ab - den Spielball. /Foto: Rudolf Schuba /floorball-europe.de

Das Organisationsbüro samt Pressebereich ist zwar nur gute fünfzehn Meter Luftlinie vom Feld entfernt, das Auffinden der Räumlichkeiten ähnelt anfangs jedoch einer Schnitzeljagd. Einmal entdeckt bietet es der anwesenden Journaile aber super Arbeitsbedingungen. Die Linienformationen der Teams liegen dreißig Minuten vor Spielbeginn druckfrisch bereit und für den Nachschub an Rivella-Limonade ist auch immer gesorgt. Zudem kümmert sich die Presseverantwortliche Edith Bussard mit ihrem Team immer fürsorglich um die Probleme der schreibenden Zunft. Im letzten Drittel jedes Spiel kann man beispielsweise seine Interviewwünsche äußern. Die Spieler werden dann nahezu unmittelbar nach dem Spiel in der Pressebereich geleitet. Ungeduscht wohlgemerkt, denn dafür haben die Teams noch einmal zehn Minuten S-Bahn bis zum Hotel zu fahren. Aufgrund der Jubiläumsfeier muss unser Gespräch mit Henri Toivoniemi sogar zwischen den Tribünen stattfinden mit dem Effekt, dass man den Hallensprecher besser versteht als Finnlands Nummer eins.

Die Medientribüne befindet sich unmittelbar links hinter dem Tor auf welches auch die Penaltyschiessen ausgetragen wurden. Die sind die meiste Zeit dröger als erwartet. Für ein besonderes Schmankerl sorgt aber Finnlands Original Juha Kivilehto. Nachdem sein Team Erzrivale Schweden im regulären Spiel mit 7:4 besiegt hat, düpiert er Goalie Patrick Jansson beim entscheidenden Penalty, indem er ihn flach unter Jansson Bauch hindurch schiebt. Das Publikum grölt und Kivilehtos süffisantes Grinsen in Richtung Torhüter setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Das Spiel selbst hat im Vergleich zu den anderen drei gesehenen Partien ein unwahrscheinliches Tempo. Man wurde den Eindruck nicht los, dass Schweden und Finnland die Spiele gegen die Schweiz und Tschechien tatsächlich im Schongang gewonnen haben – ein klarer Fingerzeig in Richtung WM.

Mikko Kohonen (oben) im Infight mit Danne Bron-Sundbom. Referee Philippe Renz hat alle Mühe, die Kontrahenten zu trennen. /Foto: Rudolf Schuba /floorball-europe.de

Rein emotional befindet sich das Spiel auch auf einer anderen Ebene. Vor allem Mikko Kohonen scheint vor Adrenalin überzulaufen – Höhepunkt ist ein Catcheinlage mit Bron-Sundbom im schwedischen Gehäuse. Der Finne bleibt klarer Punktsieger. Sein Bruder Mika hat wie einige weitere Stars gar nicht erst die 40-stündige Busreise – in Island war bekanntlich ein Vulkan ausgebrochen – angetreten. Mit ihm fehlen noch Namen wie Järvi, Forsten, Kukkola und Manner im finnischen Aufgebot. Auch die Schweden hatten nicht alle Kräfte an Bord. Die namhaftesten Ausfälle sind hier Eskelinen und Svensson. Nachdem die Schweizer ihren erlösenden Sieg gegen Tschechien eingefahren haben, machen wir uns nach einem letzten Zwischenstop im Presseraum auf dem Weg zum Auto. Vor dem Haupteingang des Bahnhofes laufen uns noch einmal die Hofbauer-Brüder über den Weg – Nach zwei Tagen Floorball im Zürcher Hauptbahnhof empfindet man derlei Begegnungen als fast schon gewöhnlich.

Die Top 7 der kuriosen EFT-Momente

Radim Cepék auf dem Weg vom Dixie-Klo in Richtung "Kabine". Die befindet sich links hinter einem der blauen Vorhänge. /Foto: privat

1. Für die Sportler wurde an der Rückseite der Medientribüne eine provisorische Toilette eingerichtet. Als häufigster Besucher des Dixie-Klos entpuppte sich das tschechische Urgestein Radim Cepek, der in den Drittelpausen des öfteren in der Nähe des blauen Häuschens gesichtet wurde.

2. Team Schweden und die S-Bahn – nach ihrem klaren 9:3-Erfolg über die Schweiz am Samstagabend scheiterte die Mannschaft an dem Öffnungsmechanismus der Türen. Während die Schweizer problemlos hineingelangten, mussten sich die Schweden noch weitere zehn Minuten bis zur Dusche gedulden.

3. Wir bleiben beim Duell Schweden – Schweiz, verlegen aber den Fokus. Angesichts der 1.300 Zuschauer schien das gute lettische Schiedsrichtergespann Gross/Larinovs am Anfang etwas nervös. Gross verlor am schwedischen Slot sogar kurz seine rote Karte aus der Brusttasche. Glücklicherweise blieb diese während des restlichen Spiels dann aber unbenutzt.

4. Der Hallensprecher schien ebenfalls etwas indisponiert und machte die lettischen Schiris kurzerhand zu Esten. Ein weiterer Fauxpas dann am Sonntag bei der Ansage des Endresultats. Finnland wurde irrtümlicherweise als Zweitplatzierter genannt. Der Sprecher bemerkte die Verwechslung jedoch rasch, entschuldigte sich für den „peinlichen Fehler“ und korrigierte seine Durchsage.

"Old School" statt "Stabil" - Schwedens Samuelsson mit spezieller Schuhwahl. /Foto: Rudolf Schuba /floorball-europe.de

5. 80 Dezibel war die vom Bahnhofsmanagment auferlegte Höchstgrenze für die Boxenbeschallung. Die Zuschauer ließen sich davon offensichtlich anstecken. In Sachen Stimmungsmache brauchen die Schweizer in jedem Fall noch Nachhilfe. Klatscheinlagen hatten eine Halbwertzeit von zehn Sekunden, die meisten Gesänge ebenso.

6. Für Abhilfe sollten am Sonntag dann eine ganze Armada junger Kids sorgen. Die wurden zudem großzügig mit luftbefüllten Pompons zum Klatschen ausgestattet. Das ging solange gut, bis eines der Kinder feststellte, dass diese beim Zertreten knallen wie ein Chinaböller. Fortan ähnelte die Geräuschkulisse neben der Medientribüne eher der eines Kriegsfilms. Manchen Medienvertreter rauschen noch jetzt die Ohren.

7. Dass Schweden einen ausgeprägten Faible für Mode haben, ist hinlänglich bekannt. Bei Verteidiger Matthias Samuelsson reichte dieser sogar bis aufs Spielfeld – Statt modernen Sportschuhwerk bevorzugte der Schwede Adidas Sneaker der Marke „Old School“.

Statistiken und ausführliche Berichte von den einzelnen Partien gibt es auf der Website von Swiss Unihockey, Zusammenschnitte aller Spiele findest du hier.

(tn, ms)

Kommentare

  1. Toller Beitrag über diese schon etwas kuriose Veranstaltung!

    An dieser Stelle möchte ich auch mal global ein großes Lob an die Floorballmagazin-Macher austeilen: Das neue Format ist goldrichtig, die Spielberichte sind aktuell, kompakt und präzise. Schöne Interviews und Hintergrunddarstellungen, nicht zu vergessen die hervorragende Qualität der Bilder.

    Wann gibt’s einen neuen „freischlag“ von Herrn Heine?