Floorball als Sporttherapie

Kinder vor der Klinik im Rügener Garz. Hier werden junge Patienten mit Neurodermitis, Übergewicht oder Asthma mit Hilfe von Floorball therapiert. /Foto: CJD Garz, www.cjd-garz.de


Auf Rügen läuft ein Floorball-Projekt der besonderen Art. Die Reha-Klinik für Jugendliche und Kinder in Garz versucht Kinder mit Asthma, Übergewicht und Neurodermitis mit Hilfe von Floorball neu zu integrieren und den Heilungsprozess zu beschleunigen. Sport als Zugang zum normalen Alltag heißt das Konzept von Sporttherapeut Michael Koenen. Floorballmagazin stellt das Projekt vor.

Übergewichtige Kinder oder Jugendliche mit Asthma, frustrierte Ex-Jungtalente oder Einzelgänger mit Neurodermitis – die Klinik in Garz betreut junge Patienten mit vielschichtigen Problemfeld. Die Einrichtung ist auf die Behandlung von Neurodermitis, Adipositas (Übergewicht) und Asthma spezialisiert. Schätzungsweise zehn Prozent der deutschen Sprösslinge leiden unter Asthma. Mehr als doppelt so viele kämpfen mit Adipositas. Eine enorme Anzahl, wenn bedacht wird, dass Heranwachsende in Deutschland lediglich 20 Prozent der gesamten Alterstruktur ausmachen.

„Meist leben die chronisch kranken Kinder, die bei uns in Behandlung sind, in einer Art abgekapselten Welt. Die Klinik ist keine alltägliche Umgebung und durch ihre Krankheiten sind sie oft weniger unter Gleichaltrigen. Diese künstliche Glocke muss weg. Darum legen wir viel Wert auf den integrativen Charakter des Sports“, erklärt der betreuende Sporttherapeut Michael Koenen. Darum werden Klinikpatienten in die ortsansässigen Floorball-Trainingsgruppen und Grundschulen eingegliedert. Sie nehmen regelmäßig am Training und Spielbetrieb teil. Vor allem der mecklenburgische Verein ‚Pommerhoc‘ und der Landesverband FVBB unterstützen dieses Projekt seit Beginn. Hier müssen sich die jungen Patienten als Bestandteil des Teams bewähren und spielen zum Teil vor Publikum. All das helfe ihnen sich wieder neu einzugliedern.

Michael Koenen mit einer seiner Therapiegruppen bei einem Spiel der Brandeburg U13 Liga. /Foto: privat

Für die Behandlung von übergewichtigen oder asthmatischen Kindern oder jungen Patienten mit Neurodermitis bieten sich viele Sportarten an, um die Symptome zu lindern. Michael Koenen erklärt, wieso die Wahl für die Sporttherapie in der Garzer Klinik ausgerechnet auf Floorball fiel. „Ich sehe vor allem die Vorteile dieser Sportart in seinem vielfältigen Alters- und Leistungsspektrum. Außerdem erweist sich die Förderung der Ganzkörperkoordination, Ausdauerleistungsfähigkeit und der Teamfähigkeit als besonders nützlich für die Sporttherapie. Eigene wie auch gemeinschaftliche Fortschritte können die Patienten schnell erkennen und das motiviert sie“, beschreibt Koenen, der Floorball im Rahmen von Hospitationen während seiner Ausbildung kennen lernte. Am Projekt nehmen hauptsächlich Kinder zwischen zehn und 14 Jahren teil, aber auch Eltern-Kinder-Gruppen nehmen die Therapie mit Kindern ab drei Jahren in Anspruch. Natürlich in abgeänderter Form.

Zwar wird die Sporttherapie für alle drei Indikationen angewandt. Bei den Übergewichtigen und Asthmatikern aber hat Floorball einen entscheidenden Vorteil. Adipositas behindert die körperliche Kondition, die Hand-Augenkoordination ist jedoch meist gut ausgebildet. Damit können sie den konditionellen, läuferischen Nachteil im Spiel kaschieren. Das schafft Selbstvertrauen. Die intervallartige Belastung und der fliegende Wechsel trainiert bei Asthmapatienten die Atmung und fördert deren Belastbarkeit. „Bei den Neurodamitikern sehe ich innerhalb der Therapie die Problematik, dass es dem Spiel an Körperkontakt mangelt. Dieser soll sich positiv auf das Haut- und Körpergefühl auswirken. Aber einen Vorteil hat Floorball trotzdem, da die Kinder gezwungen sind ständig ihre Hände am Schläger zu halten. Das funktioniert also als ‚Kratzstopptechnik‘ genauso wie die ständig geforderte Aufmerksamkeit auf das Spielgeschehen“, stellt Koenen die besonderen Merkmale von Floorball als Mittel zur Therapie heraus.

/ Foto: Florian Büchting, www.unihockey-pics.de

Trotz der vielen Erfolge in der klinischen Behandlung, die zwischen vier und sechs Wochen dauert, sieht Koenen Folgeprobleme nach der Therapie. „Problematisch sehe ich die noch nicht flächendeckende Infrastruktur von Jugendgruppen im Floorball. In vielen Bundesländern wird es bereits im Schulsport gelehrt, aber noch nicht in allen. Da kommen die Patienten bei uns damit in Berührung und finden Gefallen an der Sache und dann kommen sie nach Hause und finden keinen Anschluss. Da muss also die Schule greifen“, erklärt Koenen.

Seit dem europäischen Jahr für Erziehung durch Sport 2004 existiert dieses Projekt und läuft im Rahmen des „Bündnis für Bewegung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und der Deutschen Sportjugend (DSJ). Seitdem entwickelten sich auch Kontakte zum schwedischen Svenska Innebandyförbundet. „Wir sind immer interessiert an internationalen und nationalen Kooperationen. Unser Ziel ist der ständige, sportliche Austausch junger Menschen.“

Die Klinik sucht für den Zeitraum April-Juli sowie Oktober-Dezember einen Praktikanten. Es sei also noch einmal explizit auf diese immer noch valide Stelle hingewiesen. Der Praktikant wird vor allem an der Schnittstelle zwischen den Vereinen und den Reha-Klinik zum Einsatz kommen.  Interessenten melden sich bei Michael Koenen, michael.koenen@cjd-garz.de

(ms)