Augenringe und bittere Tränen

Hitzige Atmosphäre schon im Vorfeld der Partie.

Eine Bildchronik des Finals - Hitzige Atmosphäre schon im Vorfeld der Partie.

3:4 musste sich der gastgebende SSC Hochdahl in einem dramatischen Finale bei der Kleinfeld-DM am vergangenen Wochenende der TSV Berkersheim geschlagen geben. Die Verletztenmisere mag da als mögliche Ursache durchgehen.  An einem Umstand wird es jedoch keines Falles gelegen haben – der Unterstützung durch die eigenen Fans. Denn was man bisher nur vom Fussball kannte, hat nun auch, zumindest im kleinen Rahmen, im deutschen Floorball-Kosmos Einzug gehalten: Ultras. Ein Begriff, oftmals kontrovers diskutiert, der aber eigentlich nichts anders als totalen Support für das eigene Team bedeutet – Wie auch die folgende Geschichte der „SSC-Ultras“ verdeutlicht.

Die Idee der „Ultras SSC“ wurde kurz nach dem Finale der deutschen Meisterschaft 2009 geboren, das Hochdahl trotz einer unglaublich guten Stimmung in der heimischen Rankestraße gegen Bonn verloren hatte.

Motiviert durch die gute Stimmung, die damals allerdings sehr spontan und unkoordiniert verlief, kamen ein paar Mädels und Jungs aus dem Umfeld und Freundeskreis des SSC Hochdahl auf die Idee, eine organisierte Fangruppe auf die Beine zu stellen, um den Spielern auf dem Feld die nötige Rückendeckung von den Rängen zu geben.

Der Name „Ultras“ war relativ schnell gefunden, da er eine Einstellung des Fan-Daseins beschreibt, die wir, wenn auch nur im kleinen, absolut vertreten wollten: Alles für die Jungs auf dem Platz geben – Singen, Klatschen, Fahnen schwenken und Trommeln, einfach laut und kreativ sein, den SSC Hochdahl zum Meistertitel schreien! Es ging aber auch darum, den Namen „Ultras“, diese Lebenseinstellung vieler Menschen nicht in den Dreck zu ziehen. Wir wollten diesen Namen mit Anspruch, Qualität und Ehrlichkeit füllen.

Fahnen statt Feuer während des Spiels.

Im Laufe der Planungen wurden immer mehr Leute angesprochen, es wurden unzählige Nachrichten und Mails unter dem Motto „Support your local Sportverein“ verschickt, um mehr Freunde und Bekannte für diese Aktion zu gewinnen. Im kleinen Kreise von circa fünf Leuten wurde allerdings schon weiter geplant. So wurden zahlreiche Entwürfe für Fahnen und Banner gebastelt, die in stundenlangen Diskussionen über Schriftart und Logos endeten. Stoff und reichlich Farbe wurde besorgt und ein Klassenraum wurde zeitweise komplett mit Zeitung ausgelegt, um unsere Banner zu malen. Mit einigem Stolz und einem breiten Grinsen auf unseren Lippen schauten wir auf das trocknende Stück Stoff herunter, welches später die Halle an der Rankestraße zieren sollte.

In der Woche vor der deutschen Meisterschaft wuchs die Anspannung, aber auch die Sorge um das Gelingen der ganzen Aktion. Letzte Vorbereitungen wurden abgeschlossen, die Fahnen wurden noch genäht und an Fahnenstöcke geklebt. Immer wieder wurden Freunde und Bekannte angerufen und genervt, dass sie bloß ja kommen.

Und dann kam der große Tag, der 19 Juni. Unsere größte Sorge war stets, nicht genügend Menschen erreicht und motiviert zu haben, doch die sollte sich bereits beim ersten Spiel als unbegründet erweisen. Rund 25 Jungs und Mädchen versammelten sich hinter der „Ultras SSC“-Fahne. Schnell wurden noch kleine rote Fähnchen herumgereicht, die letzten Streifen Panzertape an die Schwenkfahnen geklebt und dann ging es los. Fahnen wurden in die Luft gerissen, die Trommel pumpte einen wunderbaren Rhythmus in die Enge der Halle und durch lautstarke Fangesänge konnte der erste Sieg eingefahren werden. Über die drei Vorrundenspiele konnten wir uns stetig steigern, immer mehr Leute kamen zu uns hinter das „Ultras SSC“-Banner, wollten Fahnen schwenken und Lieder singen.

Support über die vollen vierzig Minuten.

Obwohl die Mannschaft bereits qualifiziert für das Halbfinale war, kamen am Samstag Abend circa 40 Leute zum dritten Spiel, welche die Mannschaft lautstark und kreativ nach vorne peitschten. Zwar ging das Spiel verloren, trotz allem gingen wir sehr zuversichtlich nach Hause.

Am folgenden Tag um 9 Uhr das nächste Spiel und wieder war die Sorge groß, ob die vielen Menschen kommen würden. Doch auch für diese wirklich unangenehme Zeit am Sonntag Morgen war eine ordentliche Anzahl an Fans gekommen, um an die großartige Leistung vom vorherigen Tag anzuknüpfen. Trotzdem waren die Müdigkeit und die Anstrengungen des ersten Tages klar zu erkennen – Augenringe und die ersten schlapp machenden Stimmen waren klare Indizien. Aber trotz des, aus unserer Sicht mäßigen Supports, erreichten die Jungs das Finale. Die Zeit bis dahin wurde dann zur Regeneration genutzt, die Stimmen wurden noch einmal geölt und die angespannte Vorfeude wuchs bei uns ins Unermessliche.

Am Ende jubelten jedoch die Gäste aus Berkersheim.

Während sich die Halle immer mehr füllte und viele bekannte Gesichter wieder den Weg in unseren Block gefunden hatten, verteilten wir Fahnen an die Leute, richteten die Trommeln ein und besprachen letzte organisatorische Dinge. Gut 50 Leute standen nun hinter der Fahne, viele weitere noch überall in der Halle verteilt – eine wunderbare Kulisse für eine deutsche Meisterschaft. Und dann ging es los. Unser SSC legte einen unglaublich lautstarken Start hin, die Fahnen wurden von allen Beteiligten benutzt, die Gesänge inbrünstig mitgesungen – Alle drehten kollektiv durch und schrien für die Mannschaft auf dem Feld. Doch es sollte nicht sein. Als der Schlusspfiff ertönte – nur noch Sprachlosigkeit. 3:4 verloren, wieder den Titel so unglaublich knapp verpasst. Nicht nur auf dem Spielfeld rollten Tränen. So viel Arbeit wurde in dieses Projekt gesteckt, so viel Fleiß und Kreativität.

Doch keine Sekunde kamen Zweifel an der Sache selbst, die Jungs hatten gekämpft, unter Schmerzen alles gegeben. Es sind keine Millionäre, die seelenlos bei irgendeinem Fußballclub ihr Geld verdienen, die ein Emblem küssen und in der nächsten Saison ein anderes. Nein, es sind unsere Freunde, Verwandten, Liebsten, die da gespielt haben und darum geht es. Mit Leidenschaft und Liebe eine Mannschaft zu unterstützen, die es verdient hat, dass man sie anfeuert, dass man alles gibt für die Menschen, die man schätzt und gerne hat. Wir haben zusammen als Fans und Mannschaft ein Wochenende erlebt, dass vielen Menschen unfassbar viel Freude, Spaß und Emotionen gegeben hat und das uns noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Und Hochdahl blieb nur der Dank für die einmalige Unterstützung.

Unser Dank geht an alle, die mitgeholfen, die gesungen und die Fahnen geschwenkt haben. An alle, die um 9 Uhr aufgestanden sind, an alle Helfer, die uns mit reichlich Bier und Köstlichkeiten versorgt haben. Unser Dank geht an die Mannschaft, die uns so viel Spaß und Freude bereitet hat. Danke, herzlichen Dank!

An dieser Stelle auch ganz herzlichen Glückwunsch an den deutschen Meister TSV Berkersheim!

Support your local Sportverein!

Ultras SSC

alle Fotos: Julian Jung