„Die Art von Sport, die Ruanda braucht“

Mit selbstgeschweißten Banden sorgten die einheimischen Jugendlichen eigenhändig für ihre Wettkampfbande. /Foto: Lasse Schulze

In Ruanda fand Ende Juli das wahrscheinlich erste afrikanische Floorballturnier außerhalb von Nigeria und Marokko statt. In dem ostafrikanischen Land engagieren sich Lasse Schulze und sein Freund Till Gröner, der dort als Lehrer arbeitet, um Hilfsorganisationen eine gemeinsame Kommunikationsplattform zu bieten. Mithilfe von Floorball gelang es den beiden ehemaligen Eishockeyspielern der Jugend aus dem krisengeschüttelten Land einen Tag zu bieten, um aus dem Alltag zu entfliehen. Mit durchschlagendem Erfolg.

Hallo Lasse, deine Wurzeln liegen in Berlin. Zurzeit wohnst du in Toronto. Wie verschlägt es also dich und deinen Freund Till in das afrikanische Ruanda?

Vor rund vier Monaten habe ich erfahren, dass es Till nach Ruanda verschlagen hatte, um dort als Lehrer an einer Schule und am Bau eines Frauenzentrums zu wirken. Till und ich haben bereits im Alter von zwölf Jahren zusammen ein Patenkind in Uganda von unserem Taschengeld finanziell unterstützt und sind sehr an Entwicklungshilfe interessiert. Daher fiel mir die Entscheidung ihn in diesem konfliktzerrüttetem Land zu besuchen nicht schwer.

Ich habe vom Unity Cup über unseren Weltverband, die IFF, erfahren. Wie seid ihr dazu gekommen, ein Floorballturnier zu organisieren. Um genau zu sein, was hat euch darauf gebracht, den in Deutschland mäßig populären Sport dafür auszuwählen? Kennt ihr ihn aus eurer Vergangenheit im Freien Akademischen Sportverein Siegmundshof, F.A.S.S e. V. Berlin?

Till und ich haben circa 15 Jahre zusammen Eishockey bei F.A.S.S. Berlin gespielt und sind daher freilich an allen Hockeysportarten interessiert. Die Idee Floorball zu spielen, kam durch meinen Bruder Kai. Er ist ursprünglich auch Eishockeyspieler und spielt bereits seit vielen Jahren Floorball bei den „United Lakers Konstanz-Allensbach“ und daher wurde ich neugierig, dass auch in Toronto auszuprobieren. Auch Till hat vor kurzem angefangen Floorball zu spielen und natürlich sind wir auch schon vorher in Trainingslagern und in der Sommerpause auf diesen Sport aufmerksam geworden. Die Gemeinsamkeiten zwischen Eishockey und Floorball sind grösser als ihre Unterschiede.

Gerade ich als Halbfinne – ich habe eine finnische Mutter – habe es in Finnland miterlebt, welche Bedeutung Floorball oder Salibandy in der Schule und der Bevölkerung haben kann.

Das Turnier sollte Kinder und Jugendliche aus acht verschiedenen Ländern zusammenbringen. Welche Länder haben daran teilgenommen? Kannten einige der ruandischen Kinder die Sportart bereits?

Auf einem alten Basketballplatz spielten die Kinder das erste Mal Floorball. /Foto: L. Schulze

Der Sport ist der ruandischen Bevölkerung völlig unbekannt. Wenige haben Zugang zu den einfachsten Kommunikationsmitteln wie Fernsehen und das spornte uns zusätzlich an eine neue, junge Sportart vorzustellen. Es waren Schulen, Frauengruppen und Entwicklungshilfegruppen aus Ruanda, Deutschland, den U.S.A., Finnland, Kanada, Kolumbien und Frankreich vertreten, sodass wir von einer multinationalen Beteiligung sprechen können.

Du sprichst davon, dass der Cup ein voller Erfolg war und das die Hingabe mit der die Kinder gespielt haben, atemberaubend gewesen sein muss. Welche konkreten Ziele wolltet ihr durch diese Begeisterung erreichen?

Die offensichtlichen Ziele waren den Kindern und Jugendlichen einen neuen Sport zu bieten von dem sie noch nie etwas gehört hatten. Sogar die kleinsten Kinder müssen, sobald sie laufen können, Wasser schleppen oder auf dem Feld aushelfen, sodass ihnen wenig Zeit bleibt, zu spielen und ihre Kindheit zu geniessen.Wir wollten ihnen eine besondere Gelegenheit bieten, um sie aus ihrem harten Alltag heraus zu holen, auch wenn es nur für eine kurze Zeit ist.

Doch wir verfolgen natürlich auch übergeordnete Ziele. Es ging uns darum der ruandischen Bevölkerung und den verschiedenen Entwicklungshilfegruppen, die häufig alleine nebeneinander her arbeiten, eine gemeinsame Kommunikationsplattform zu bieten. So konnten sie sich gegenseitig austauschen und ihrer Arbeit gegenseitig positive Impulse geben. Zudem wollten wir aufzeigen, dass es möglich ist, etwas Besonderes zu schaffen, das dem Gemeinwohl zu Gute kommt,wenn man gemeinschaftlich zusammen arbeitet. Ein Gemeinschaftsgefühl ist in Ruanda aufgrund der Armut und der schrecklichen Vergangenheit nicht vorhanden, daher war uns dieser Punkt sehr wichtig.

Floorball ist ja nun eigentlich eine klassische Hallensportart. Auf den Bildern sieht man, dass der Cup unter freiem Himmel ausgetragen wurde, die Kinder waren dennoch mit Entzücken bei der Sache. Kannst du dir vorstellen, dass sich der Sport trotz fehlender Infrastruktur durchsetzen könnte?

Der Unity Cup hat gezeigt, dass man diesen Sport mit einfachen Mitteln und unter nicht idealen Bedingungen spielen kann. Das Turnier fand unter freiem Himmel auf einem alten Basketaballfeld statt. Wir hatten auch alte Stahlträger, die sich als hervorragende Banden erwiesen. Die Tore wurden aus Altmetall zusammengeschweisst. Diese Arbeit wurde von Jugendlichen einer Berufschule, des Nelson AMdela Education Centers, durchgeführt. Die Schläger und Masken haben allerdings aus Deutschland mitgebracht.

Dennoch konnten wir sehen, dass man diesen Sport überall spielen kann. Sogar die kleinsten Kinder nahmen sich während des Turniers einfach einen Schäger und bauten sich Tore aus zwei Steinen. Ich habe in Finnland miterlebt, dass dieser Sport überall gespielt werden kann, daher bin ich überzeugt, dass sich dieser Sport in Ruanda etablieren könnte. Der Leiter des Kamerateams sagte es sehr treffend: „Das ist genau die Art Sport, die Ruanda braucht“. Auch die Reaktionen der Schulen, welche uns fragten, ob und wie sie den Sport weiterspielen könnten, zeugen von einer ungeahnten Begeisterung für den Floorballsport. Mehrere Teilnehmer fragten uns sogar nach Unterstützung zum Aufbau einer eigenen Liga.

Das offizielle Unity Cup Plakat. /Bild: sputnic

Du dankst vor allem der IFF für deren Unterstützung für euer Projekt „Unity Cup“. Wie kam es, dass ihr von dieser Seite Hilfe erfahren habt und wie kann man sich die Zusammenarbeit mit dem Dachverband in diesem Fall vorstellen?

Als für mich fest stand Floorball nach Ruanda zu bringen, suchte ich nach Sponsoren und Unterstützern für den Unity Cup. Ich habe vor kurzem angefangen Floorball in der Elite Division der Toronto Floorball League (TFL) zu spielen. Der Gründer und Ligenleiter Juha Mikkola war einer meiner ersten Ansprechpartner. Er verwies mich auf die IFF. So kam ich in Kontakt mit dem Weltverband, welcher mit seiner Erfahrung hilfreiche Tipps geben konnte. Da Ruanda keinen nationalen Dachverband hat, fiel diese Angelegenheit in ihr Aufgabenfeld.

Die IFF hat uns mit Equipment unkompliziert unterstützt. Besonderer Dank geht an John Liljelund, dem Generalsekretär der IFF und Veli Halonen, dem Schiedsrichterkoordinator.

Im Bericht auf der IFF-Website heißt es, dass auch das Fernsehen vor Ort war und dass eine Dokumentation für das ruandische Ministerium für Kultur geplant ist. Gibt es dazu bereits Material, dass man sich anschauen kann?

Das ruandische Fernsehen hat während des „Unity Cups“ viel Filmmaterial gesammelt und zahlreiche Interviews geführt. Eine kurze und eine lange Dokumentation sind geplant, doch wird es noch ein paar Tage dauern bis das Material geschnitten und aufgearbeitet ist. (ms)

Weiterführende Quelle: IFF Bericht

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