Thomas: „Wir haben Blut geleckt!“

Jennifer Thomas und der "Segen" der Personalunion. / Foto: Johannes Waschke, johannes-waschke.de

Gut eine Woche nach den entscheidenden Partien der Europacup-Quali läuft beim ausrichtenden MFBC Wikinger Grimma weiter die Nacharbeit. Der Verein möchte die Chance nutzen, sich als Vorreiter in Sachen Entwicklung und Öffentlichkeitsarbeit zu profilieren. Das Floorballmagazin unterhielt sich mit Jennifer Thomas, Spielerin und Marketingbeauftragte beim Mitteldeutschen Floorballclub.

Floorballmagazin: Hi Jenni, erst einmal Glückwunsch zu einem gelungenen Turnier. Seid ihr mit dem angepeilten und am Ende auch erreichten dritten Rang zufrieden?

Jennifer Thomas: Danke Jan! Wir sind sowohl sportlich als auch organisatorisch zufrieden. Dieser dritte Platz hat uns als Team enorm weiter gebracht und wir haben uns sehr darüber gefreut, dass wir uns täglich, über viel Zuschauerresonanz freuen durften. Die Zuschauerzahlen von 100 bis 300 Leuten pro Tag  ist im Damen-Bereich ein guter Meilenstein und wir haben erstmals ein Herren-Event, nämlich die Quali in Norwegen, getoppt – da waren’s 150 Zuschauer. Wir betrachten unser Event auch von dieser Seite.

Das Schlüsselspiel war mit Sicherheit die Partie gegen Tunet. Nach einem furiosen Start hattet ihr bereits mit 4:1 geführt, um dann doch noch die drei Punkte abzugeben. Was war passiert?

Zuerst muss man sagen, dass wir eine sehr gute Einstellung auf den Gegner durch die Trainer erhalten haben. Unser Herrentrainer David Makin hat gemeinsam mit Lutz Gahlert die Norwegerinnen dazu eingehend beobachtet. Ich denke, dass uns genau hier die internationale Erfahrung bzw. Routine gefehlt hat, aber auch die Kraft und die Alternativen auf der Bank. Wir haben bereits gegen Spanien am Vortag viel Kraft in den Sieg investiert, indem wir die Partie über 60 Minuten mit einem hohen Lauftempo bestritten haben. Das erste Drittel gegen Norwegen war ebenfalls so rasant, dass uns dann die Puste fehlte.

Die furiosen Tore und unsere Kaltschnäuzigkeit vom Anfang der Partie schien die Norwegerinnen keineswegs zu beeindrucken und sie spielten ihren Stiefel routiniert runter. Personell wurde auf die vermeintlich zehn stärksten Spielerinnen zurückgegriffen, aber nicht in jeder Reihe lief alles perfekt. Hier fehlten die Alternativen, gerade mit dem krankheitsbedingten Ausfall von Susanne Straßburger und dem Verletzungspech von Sophie Kühne. Die Köpfe blieben nach der Niederlage dennoch oben, obwohl man sich nach so einer Partie immer fragt „Was wäre wenn?“. Auch unsere Trainer meinten, dass man mit einer vorangegangenen Ergebnisprognose von 5:7 hätte gut leben können. Aber so haben wir bis weit ins zweite Drittel mit 3:0 und 4:1 geführt.

Gegen Fredrikshavn war es dann aber leider eindeutig. Was fehlt dem MFBC, um auf das Spielniveau des dänischen oder norwegischen Meisters zu gelangen?

Ja leider! Sicherlich hatten wir auch zu Beginn einige gute Torchancen, aber ein schneller und Spiel weisender Treffer wie gegen Norwegen passiert nicht auf Knopfdruck. Dänemark hatte mit Di Nardo und Hansen zwei stürmende Torgaranten, die entscheidenden Anteil am Lösen des Endrundentickets hatten. Wir wussten das, aber wir hatten die beiden dennoch nicht unter Kontrolle. Unsere beiden „Duracell-Hasen“, Mietz und Müller, wurden vorher vom dänischen Trainer-Trio gut analysiert und durch Doppeln in Schach gehalten. Nachdem es bereits 5:0 gegen uns stand, haben wir unser Defensivsystem vom 2:1:2 aufs 2:2:1 umgestellt, was uns in den Folgedritteln nur noch zwei Gegentore bescherte. Pech im Abschluss sowie eine stark haltende dänische Torhüterin machten ihr Übriges. Unser Trainer meinte eine frühere Systemumstellung wäre der Schlüssel gewesen, um das Spiel offener zu gestalten.

Das Spielniveau grenzt sich derzeit noch in der internationalen Erfahrung, der damit verbundenen spielerischen Härte sowie in der technischen Präzision ab. Athletisch kamen wir sicherlich heran, aber auch hier sind uns die Skandinavier in ihrer Grundausbildung einen Schritt voraus. Dennoch ist der Damen-Bereich nicht so weit weg, wie es der Herren-Bereich ist. Tunet wurde nach 21 Siegen in 21 Spielen norwegischer Meister, was die Ligadichte widerspiegelt. Der Spielbetrieb in Deutschland muss langsam wieder an Fahrt aufnehmen und die Damen-Bundesliga, weil es nichts anderes gibt, nicht länger als Hobby-Liga für viele Spielerinnen betrachtet werden. Es müssen Leistungsanreize gesetzt werden. Die Spielerinnen müssen bereit sein, an sich zu arbeiten, sich zu quälen und Grenzen zu überschreiten. Aber der Damen-Bereich muss auch endlich Beachtung finden und in diesen sollte genauso investiert werden, wie in den Herren-Bereich. Für den Damen-Sport muss gelebt werden. Wir wissen, dass dies nicht immer einfach ist, denn Damen sind schon ihr eigenes „Völkchen“. Aber auch Damen-Spiele können attraktiv sein und dies in sportlicher Hinsicht. Ich denke, dass wir beim MFBC dieses Bewusstsein geweckt haben und dieses ausbauen werden. Unser Team hat auf jeden Fall Blut geleckt.

Thomas mit Fanny Gatzke, Anne-Marie Mietz und Susann Schiller (v.l.n.r.). / Foto: Johannes Waschke, johannes-waschke.de

Du selber warst mit vier Toren und fünf Vorlagen klangheimlich zu Grimmas Topscorerin avanciert. Ist das ein Wink mit dem Zaunpfahl für die neue Saison?

Wie viele Tore und Vorlagen eine Spielerin in der neuen Saison beitragen will und möchte, kann sicherlich keine einzelne voraussagen – so auch ich nicht. Ziele kann man sich sicherlich stecken, aber die spiegeln sich bei mir sicher nicht in „Punktegeilheit“ wider und zerstören auch das Mannschaftsspiel. In den beiden wichtigsten Spielen habe ich auch „versagt“ und es ist für mich viel wichtiger, Kontinuität an den Tag zu legen. Ich persönlich freue mich auch mehr über eine Vorlage, als über ein Tor – ich weiß, dass mich jetzt der Großteil meines Teams köpft, da ich stets einen Pass zu viel spiele, anstatt auch mal selber abzuziehen.

Dennoch muss ich sagen, dass die EFCQ erneut gezeigt hat, dass wir im Team stets Ausgeglichenheit beweisen und jede für Tore und Vorlagen sorgen kann. Die Torgefahr geht also nie von einer einzigen Person aus oder einem speziellen Sturm-Duo. Das zeichnet uns aus und macht uns auch ein Stück unberechenbarer. Teamgeist versetzt bekanntlich auch Berge und Spielerinnen wachsen über sich hinaus.

Im Rahmen der EFCQ hatte ich eigentlich lange überlegt, nur organisatorisch in Erscheinung zu treten und auch davor daran gedacht, ob ich überhaupt noch eine Saison auflaufe. Das Organisatorische nimmt mehr und mehr Überhand und macht auch durchaus viel Spaß – darin liegt auch der bereits erfolgte Rücktritt aus der Nationalmannschaft begründet. Ich denke, eine Saison greife ich noch an und dann sollte eine spielerische Pause frischen Wind bringen.

Außerdem warst du auch als Veranstalter eingespannt. Organisatorisch lief ja eigentlich alles gut. Was sind die Erkenntnisse für die Zukunft?

Ohne die zahlreichen Helfer wäre dies nicht möglich gewesen und die wenigen Fehler bei der Organisation und Durchführung haben wir schnell beseitigt, so dass wir ein sehr positives Feedback der IFF entgegen nehmen durften. Das ehrt und freut uns. Die Erkenntnisse bei der Event-Planung für die Zukunft sind immer wieder „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“. Trotz vieler Nachtschichten, um vorzuarbeiten und sich persönlich Luft zu verschaffen, arbeitet man dennoch immer wieder bis in die letzte Minute und muss beruflich und privat einen Spagat hinlegen. Ich hatte stets zwei Stunden vor jeder Partie Organisationsverbot, damit der Kopf sich aufs Spiel einstellen konnte. Dies gelingt mir in der Saison nicht immer, aber bei der EFCQ waren wirklich so viele Helfer parat, dass ich beruhigt ins Trikot schlüpfen konnte.

Viele aus dem Team haben sich im Vorfeld ebenfalls organisatorisch stark eingebracht und ich denke, dass dieses Event das Bewusstsein geschärft hat, dass es ohne das Anpacken vieler Hände nicht geht und wir mit vielen Händen sehr weit kommen können. Weiterhin habe ich wieder bemerkt, dass wir unseren Sport bei jeder Ankündigung immer wieder erklären müssen. In jeder Pressemitteilung, auf jedem Plakat und bei Radio-Spots muss man sich immer wieder eintrichtern, dass wir kein Fußball sind und uns nicht alle kennen. Floorball-Events müssen aufgrund der „Erklärungsnot“  stets einen Ticken früher und extravaganter angekündigt werden. Dies ist, solange wir nur einen Amateursport betreiben, alltägliche Gewissheit, aber eine schöne Herausforderung. Dennoch, und das bestimmt  meinen Alltag, es gibt immer so viele Dinge zu tun, wir haben so viele Ideen und könnten 100 Dinge gleichzeitig machen. Aber unser weiser Mann im Trainer-Outfit sagt immer: „Es ist alles eine Frage des Zeitmanagements und des Willens!“. Er hat Recht und die Ergebnisse der Arbeit lohnen sich.

Ein solch internationales Event birgt natürlich ein besonderes PR-Potenzial. Wie konnte bzw. wie kann man dieses mittel- und langfristig beim MFBC nutzen?

Ich denke, dass wir via Live-Ticker und offiziellen Fotografen vor Ort sehr gut aufgestellt waren und dies besonders im Internet von den Usern dankend angenommen wurde. Die Berichterstattung, mit zweimal fast einer ganzen Seite in der LVZ Muldental, war überwältigend. Mittelfristig werden wir die Platzierung und das Fotomaterial für weitere PR-Zwecke und insbesondere für die Sponsoren-Akquise nutzen. Langfristig zeichnet uns die EFCQ neben der U19-WM der Damen 2006 als Förderer des weiblichen Floorballsports, als zuverlässigen Partner für internationale Events und regionales Aushängeschild aus. Wir setzen nun auf Nachhaltigkeit! Regional betrachtet, haben wir Wikinger-Damen vor mit dem Erringen der deutschen Meisterschaft und dem Präsentieren von attraktiven Spielen bei der EFCQ mehr Verantwortung zu übernehmen. Wir werden versuchen, die Euphorie um unseren Sport und unser Team jetzt nicht einreißen zu lassen. Wir knüpfen daran an und versuchen diesen Hype ebenfalls auf die anderen MFBC-Teams zu übertragen. (jk)

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