Das nächste Kapitel

Sebastian Bernieck, 20, im Trikot der deutschen Nati bei der WM 2010. Nächste Saison spielt er bei Chur Unihockey in der SML. /Foto: Florian Büchting, unihockey-pics.de

Fast unbemerkt lief die Meldung über den Nachrichtenticker der Schweizer Verbandswebsite. Chur Unihockey, Schweizer Eliteklub, verpflichtet Sebastian Bernieck! Für den deutschen Nationalspieler ist es ein neues Kapitel in einer bemerkenswerten Entwicklung.

Frühe Anfänge

Ein Bild aus der Saison 2006/07: Händler (li.) und Bernieck (2. v. r.) waren damals schon Leistungsträger bei Weißenfels. Auf dieser Aufnahme ist Bernieck 15 Jahre alt. /Foto: Florian Büchting, unihockey-pics.de

Zweifelsohne ist Sebastian Bernieck einer der besten deutschen Floorballer. Gemeinsam mit Thomas Händler war er 2005, im Alter von zarten 14 Jahren, aus der Weißenfelser Jugend heraus erstmals ins Rampenlicht getreten. Während Händler damals bereits mit zur U19-WM nach Lettland fahren durfte, musste Bernieck daheim bleiben – Er war mit 14 schlichtweg zu jung! In den folgenden Jahren entwickelte sich der Center zu einem der Dreh- und Angelpunkte im Weißenfelser Spiel. Vor allem seine beeindruckende Spielübersicht zeichnete ihn aus. Dazu kam eine hervorragende Technik und mittlerweile auch eine gute Physis. Nach dem erneuten Titelgewinn mit Weißenfels, es war sein fünfter, suchte er letzten Sommer eine neue Herausforderung. Er fand sie in der Schweiz, beim Erstligisten (dritthöchste Spielklasse) Iron Marmots Davos Klosters. Zusammen mit Teamkollege Tim Böttcher wechselte er also zum Weißenfelser Partnerverein in die Alpen. Und während Böttcher nach einem Jahr nun wieder zurückkehren wird, hängt Bernieck eine weitere Spielzeit in der Schweiz ran. Doch der Reihe nach.

In seiner ersten Saison bei den Eidgenossen erlebte der Jung-Nationalspieler eine Spielzeit mit Höhen und Tiefen – und Problemen, die eher nach deutscher als Schweizer Realität klingen: „Es ist sehr schwer, in Davos Hallenzeiten zu bekommen“, so Bernieck. Das sei in Weißenfels, wo man mit der Stadthalle beste Voraussetzungen habe, ganz anders gewesen. So wurde in Davos einmal pro Woche auf Kleinfeld trainiert, eine der Großfeld-Einheiten fand wiederum in einer Halle statt, die 40 Minuten Autofahrt entfernt war. Zudem fehlte dem Team anfangs ein Trainer. Einer der Gründe, warum die Mannschaft erst spät in Tritt kam – zu spät. Zwar verlor Davos in der zweiten Saisonhälfte kein Spiel mehr, doch der Rückstand auf die Aufstiegsplätze war zu groß und nicht mehr zu kitten.

Sprung nach oben

Für den Blondschopf war der verpasste NLB-Aufstieg jedoch schnell vergessen, denn plötzlich lockte eine viel größere Herausforderung: die Swiss Mobiliar League, die höchste Liga der Schweiz. Churs Sportchef war auf Bernieck aufmerksam geworden, als der letzte Saison einmal pro Woche in Chur trainieren durfte. „Als er dann hörte, dass ich interessiert wäre, bei Chur zu spielen, ging alles recht schnell“, so Bernieck. Trotz oder gerade wegen des enormen Sprungs versprüht der 20-jährige eher Understatement als Euphorie. „Ich werde alles geben und versuchen, mich ins Team zu spielen. Zu hohe, unrealistische Ziele stecke ich mir aber nicht. Dadurch baut man am Ende nur zu großen Druck auf, denn man dann nicht gewachsen ist.“

Berniecks neuer Trainer Thomas Berger. /Foto: Rudolf Schuba, floorball-europe.com

In Chur trifft Bernieck auf einen der profiliertesten, aber auch berüchtigsten Schweizer Trainer. Nachdem Thomas Berger nach fast acht Jahren und diversen Titeln (u.a. Triple 2005) bei Wiler-Ersigen keinen neuen Vertrag erhielt, heuerte er bei Chur an. Der Erfolgstrainer gilt, allgemein gesagt, als nicht einfach. Das kann Bernieck jedoch nicht bestätigen. Zwar habe man noch nicht viel Zeit zum Sprechen gehabt, doch komme er sehr sympathisch und zielstrebig herüber. „Was er mit mir plant, weiß ich allerdings noch nicht, da der Kader auch erst seit kurzem feststeht“, sagt Bernieck. Seine Ziel mit Chur hat der Trainer dagegen schon klar kommuniziert. „Er will das Potential des schlafenden Riesen wecken.“ Und dafür werden aktuell die Grundlagen gelegt: Drei Mannschafts- sowie drei Krafteinheiten sind das aktuelle Pensum des Sommertrainings. Erst ab Ende August geht es regelmäßig in die Halle. „Der Aufwand den Spieler und Trainer betreiben, ist hier definitiv um einiges größer als in Davos“, so Bernieck.

WG mit Kiviletho

Berniecks zukünftiger WG-Kollege: Tommi Kiviletho. /Foto: Rudolf Schuba, floorball-europe.com

Vor vier Wochen ist er von Davos nach Chur gezogen: „Der Umzug war unumgänglich. Das Trainingspensum ist sehr hoch, die Entfernung mit einer Stunde recht weit.“ In Chur wohnt er jetzt in einer Spieler-WG, arbeitet dazu weiter als Büropraktikant bei einem Bauunternehmen. Sein neuer Mitbewohner heißt übrigens Tommi Kiviletho. Der Offensiv-Verteidiger hatte im Mai mit Wernigerode Berniecks Stammverein Weißenfels nach achten Jahren Meister-Abo als Champion abgelöst, wechselte danach ebenfalls zu Chur. Droht da dicke Luft? Bernieck lachend: „Wegen der Meisterschaft werde ich nochmal ein Wörtchen mit ihm reden müssen…“

Ist Weißenfels jetzt eigentlich erleichtert, dass die Regenschaft nach acht Titeln am Stück gebrochen wurde? Bernieck sieht es nüchtern: „Ich glaube, die Jungs sind weder erleichtert noch angestachelt. Sie wissen, dass sie ein junges Team sind. Und wenn man langfristig denkt und sieht wie sich die Mannschaft entwickelt, kann man auch mal eine Meisterschaft abgeben.“ In den langfristigen Plänen könnte auch das flüge gewordene Eigengewächs wieder eine wichtige Rolle einnehmen. Denn: „Mir gefällt es hier in der Schweiz sehr. Doch wie es aussieht, werde ich bald aus beruflichen Gründen zurück nach Weißenfels gehen.“ Nach Hause also.

(tn)

Was sonst noch auf dem europäischen Transfermarkt los war, lest ihr ab morgen in unserer Wochenserie „Das Transferkarussel“.

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