Lauras Tagebuch: Kapitel eins

Liebes WM-Tagebuch,

da wir uns in den nächsten Tagen des Öfteren begegnen werden und ich in Versuchung kommen könnte, dir Beschimpfungen an dein apfelverziertes Gehäuse zu werfen, möchte ich dir einen Namen geben, den ich mit positiven Gefühlen verbinde. So entschließe ich mich für HEIDI. Ich hoffe bei den werten LeserInnen keine glubschäugigen Assoziationen aus dem Leipziger Zoo hervorzurufen.

Also liebe Heidi, pünktlich 14:01 Uhr, was bei der Deutschen Bahn ein Lob nach sich zu ziehen hat – LOB, startete ich meine Reise gen St. Gallen. Grimmig beäugt von meinen Mitreisenden, deren Gedanken ich förmlich riechen konnte „wie kann man nur mit einem Koffer verreisen“, bestieg ich samt Ausrüstung den ICE. Jener sollte mich vorerst Richtung Nürnberg transportieren. Hat er auch. Dort angekommen hieß es Umsteigen in einen Regionalexpress, einen überfüllten Regionalexpress voller Menschen, die dem bayrischen Dialekt mächtig waren.

Meine Kopfhörer erfüllten ihre Aufgabe. Da mein Körper scheinbar nicht in der Lage ist, während einer Rückwärts-Fahrt im Zug zu lesen, entschied ich mich meinen Highscore in „Fruit-Ninja“ in die Höhe zu treiben. Auch diese Aufgabe scheiterte, allerdings an Langeweile. In meinem Bauch begann sich eine Vorfreude breit zu machen, denn in knapp drei Tagen werde ich mein WM-Debüt bei einer Damen-Weltmeisterschaft geben dürfen. Auf diese Freude aß ich direkt einen meiner eigens vorbereiteten Schoko-Muffins, die eigentlich als kleine Überraschung für das abendliche Zusammentreffen gedacht waren. Aber he, sich selbst zu überraschen fällt sowieso schwer.

Heidi, ich hoffe sehr, dass ich mich selbst überraschen und vor allem von mir selbst und meiner Leistung überzeugt sein kann. So langsam, ganz langsam schleicht sich die Aufregung von hinten an und der Ehrgeiz das Beste, und nur das, zu zeigen.

Die Unterkunft erweist sich als erstklassig. Eine Villa, würde der Volksmund behaupten. Drei Etagen, dabei separierte Bereiche für Spieler, Trainerstab und Physiotherapie. Außerdem einen großen Speisesaal, einen prall gefüllten Kühlschrank in einer Mannschaftsküche, in der sich unser Team-Koch bemühen darf. Die Laune ist prächtig und trotz Müdigkeit sind alle froh gestimmt auf das morgige Testspiel gegen die St. Gallener Damen. Die Schweizerinnen spielen in der Nationalliga B und verloren gegen die Australische Damen Nationalmannschaft am Montag mit 1:3. Es geht nun daran sich eine Mütze Schlaf aufzusetzen und das Kribbeln im Bauch zu genießen.

Deine Laura