Lauras Tagebuch: Kapitel zwei

Liebe Heidi,

eine alte ländliche Weisheit besagt: „Morgenstund’ hat Gold im Mund!“. Der Tag begann mit einem frühmorgendlichen „Footing“ durch das provinzielle Idyll. Hier in Teufen, wo ein gewisses TV-Format auf einem dieser Privatsender eine prima Location für den knuddeligen Kuhbauern Knut und seine resolute Roswita gefunden hätte, genossen wir kurz nach dem Aufstehen die regenschwere Luft. Da uns ein Bus bereits gegen neun zum Training abholen sollte, fiel das Frühstück mager aus. Die obligatorischen vier Tassen Kaffee ließ ich mir natürlich nicht nehmen.

Im Athletik Zentrum St. Gallen angekommen bewunderte ich noch kurz dessen Ausmaß und zog mich mit meinen Teamkameradinnen in die Kabine zurück. Das Training auf dem Gerflor-Bodenbelag war unspektakulär. Eine Stunde Bodengewöhnung und das „Flair“ der noch leeren Halle spüren. Da sich die Organisatoren für ein sattes Pink im WM-Logo entschlossen haben, findet sich diese Farbe nun im gesamten Sportkomplex wieder. Gemischt mit einigen Weihnachts-Dekoelementen kommt ein Hauch von Kitsch rüber.

Pünktlich zwölf Uhr machte sich ein kleines Hüngerchen bemerkbar und wurde sofortigst gestillt. Michael -Mic- Ryser, der Team-Koch, erfährt täglich mehr Sympathien.

Fanalarm! Die ersten heimischen Gesichter, die eigens zur Unterstützung angereist waren, besuchten unsere Villa. Ich bin sicher, die haben während der Fahrt kräftig Fangejohle und Anfeuerungsrufe einstudiert… zumindest haben sie sich gefreut, uns zu sehen. Den verbleibenden Teil des Tages nutzte jeder nach seiner Facon. Freizeit! Shopping-Marathon, Bettlägerigkeit und Krafttanken im mütterlichen Schoß zählten zu den Hauptacts des Nachmittags.

Ich entschloss mich natürlich, mich auf die Suche nach Schnäppchen in einem Land, in dem ich in meinem Pessimismus keinerlei jener erhoffte, zu machen. Gern hätte ich dir etwas mitgebracht Heidi, aber ich erfuhr Bestätigung, wurde jedoch durch ein Abendessen entschädigt. Die Theorieeinheit, die sich anschloss entwickelte sich zu einer motivationalen Einstimmung auf das morgige Spiel gegen Lettland und auf die WM im Allgemeinen.

Unter dem Motto „Deine Geschichte“ präsentierte nicht nur der Trainerstab seine Ansprache, sondern auch einige Spielerinnen ließen musikalische und kreative Einflüsse auf die Mannschaft wirken. Juliane Hoffmann bestückte unsere Rücken alle samt mit einem Blatt Papier und rüstete uns mit Schreibgeräten aus. Ihre Aufgabe an uns bestand darin, jeder Spielerin einen positiven Gruß „hinter dem Rücken“ zu hinterlassen. So kamen kurze Stichworte und Romane zusammen, die auf die Gesichter einer jeden Spielerin ein Lächeln zauberten.

Die Emotionen kochten über, als Pauline Baumgarten und Laura Hönicke im Anschluss ein selbst umgedichtetes Lied zur Schau stellten, welches perfekt auf die Floorball-WM der Damen zugeschnitten war und das Deutsche Nationalteam vollends repräsentierte. Noch gerührt und zugleich geplättet von so viel Engagement, ließen wir uns von Coach Oli Bachhofen auf den Gegner Lettland einstimmen. Er suggerierte uns einen übermächtigen Rivalen, der in den vergangenen Jahren stets gute Leistungen bei Weltmeisterschaften ablegte. Das war uns egal. Den Abschluss bildete so eben ein Song, der von Simon Brechbühler ausgewählt wurde und genau das wiedergibt, was ein jeder von uns denkt: Egal was andere sagen, wir haben jetzt die Möglichkeit zu handeln und Geschichte zu schreiben, eine Jede von uns. Wir laufen nicht davon, wir warten nicht, wir handeln, wir siegen.

Das Bett wartet auf mich. Ich hingegen auf Morgen.

Bis dahin,

Deine Laura