Lauras Tagebuch: Kapitel fünf

Heidi du Stück,

es geht mir auf den Sack, dieses verschmitzte Grinsen, dieser selten dämliche Gesichtsausdruck und jene zwei Zöpfe, die mein Haupt verunstalten. Gemobbt wurde ich, dank des Portraits, welches mein Tagebuch, dich Heidi, ankündigt, auch schon. Frauen können so sehr auf Äußerlichkeiten fixiert sein…

Tja Heidi, ich halte es nicht länger aus, ich schieße jetzt ein neues Bild von meinem Antlitz, um keine falschen Hoffnungen aufkommen zu lassen. So sehe ich nämlich während einer WM tatsächlich aus:

In diesem Sinne wünsche ich dir und euch liebe Leser einen prall gefüllten Nikolausschuh und schicke die dicken Schneeflocken aus St. Gallen ins ferne Mutterland. Mein Weihnachtsmodus wurde übrigens erneut aktiviert, als ich heute Morgen den ersten Schneeball in meinen Händen hielt.

Der Tagesablauf gleicht bisher dem Gestrigen – Frühstück, Training, Mittagessen.

Ach, da fällt mir ein, eine kleine Anekdote des gestrigen Abends hätte ich dir noch zu berichten. Nach dem erfolgreichen Spiel gegen die Australierinnen begegneten wir der Zorro-Künstlerin der Auswahl aus Down Under am Getränkestand mit einem Bier in der Hand. Die Frage, ob sie ihren Frust im Alkohol ersticken müsse, verneinte sie, gab aber an, uns ohne die beruhigende Wirkung des Ethanols die Knochen hätte brechen müssen.

Weiter im Programm. Finnland, die Übermacht. Unser Ziel war es, die Blau-Weißen wenigstens zu ärgern. Den Ärger und vor allem Angst hatten wir hingegen im ersten Drittel des Spiels. Eingeschüchtert und überfordert vom Spiel der finnischen Damen rasten zwanzig Minuten an uns vorbei. Nach einer Ansprache in der Drittel-Pause gelang es uns, eine “Scheißegal-Stimmung” einzunehmen und schon rollte der Ball. Zwar noch nicht Richtung gegnerisches Tor, aber immerhin weniger häufig in die eigenen Maschen. Das Spiel hatte eindeutig zwei Hälften und ich muss mich im Nachhinein leider darüber ärgern, dass wir uns haben einschüchtern lassen und unsere Torhüterin Nancy Gatzsch nicht besser unterstützen konnten.

Auf dem Papier steht eine Siegermannschaft, Finnland, und ein klar unterlegenes Deutschland. Doch das Protokoll trügt, denn zwei Drittel lang konnte das junge Schwarz-Rot-Goldene Team überzeugen. Diese Erinnerungen bleiben in unseren Köpfen. Wir haben Finnland geärgert. Auch ihnen Körperschmuck verpasst und gezeigt, dass wir einer Spitzennation die kunterbunte Stirnband-Stirn bieten können.

Nach dieser Niederlage grinsten unsere Gesichter nichtsdestotrotz, denn weniger als zehn Gegentore einzukassieren stimmt bei diesem Gegner froh. Klar war nun auch, dass wir es definitiv nicht in die nächste Runde schaffen. Ach Heidi, das stand eigentlich schon am Sonntag fest. Die Gewissheit ist schwer zu ertragen, allerdings geht die gesamte Mannschaft mit positiven Erfahrungen und Emotionen aus der Vorrunde und freut sich auf den nächsten Gegner, der bereit ist, eine Klatsche einzustecken. Der Willens-Becher ist noch immer randvoll – jetzt erst recht! Alles kann, alles muss. So lautet zumindest meine Divise, denn ich habe das Verlangen die bestmögliche Platzierung nach Hause zu tragen, egal wie verziert ich das heimische Gefilde erreiche.

Heidi, stell dir vor, wir haben Fans. Echte Fans, die unsere Gier nach brauner Kakaomasse in Form von Täfelchen stillen und uns trotz unweiblichem Schuhdunst eine Nikolaus-Freude machen! Vielen Dank an dieser Stelle!

In mir macht sich eine kleine lauwarme Vorfreude auf den morgigen freien Tag breit. Könnte aber auch die Verdauungswärme des Mitternachts-Abendessens sein.

Regenerierung, Körperpflege und ein Presse-Empfang stehen auf dem Plan. Quasi Entspannung pur.

Dennoch genug philosophiert für heute. Ich geh ins Bett und dich lege ich unter mein Kopfkissen, schlaf schön Heidi.

Deine Laura.

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