Lauras Tagebuch: Kapitel acht

Meine wunderbare Heidi,

da meine Kehle vom Sprudelwasser bereits befeuchtet wurde und ich gewillt bin, mich der Siegesgesänge und Feierlaune vollends hinzugeben, werde ich dir heute nur kurz Bericht erstatten.

Uns stand ein Tag voll gepackt mit individuellen Beschäftigungsmöglichkeiten bevor. Mir suggerierte diese Tatsache allerdings eine Art Resignation und Erschöpfung, auch von Seiten des Trainerstabes. Die gestrige Niederlage halb verdaut ging einiges drunter und drüber, vor allem emotional. Der Hühnerhaufen rupfte sich gegenseitig einige Federn des prächtigen Gewandes heraus. Missverständnisse kamen auf und mussten beiseite geräumt werden. Tja, Heidi so ist das, wenn Frauen zusammengepfercht auf engstem Raum über eine längere Zeit zusammenleben und gemeinsame Erfahrungen machen. Jede nutze die Zeit, um über das verlorene Spiel nachzudenken, Gespräche zu anderen Spielerinnen und zu den Trainern zu suchen, oder sich der Nichtstuerei anzuschließen.

Es wurde eine Bombe in Mitten unserer eingeschworenen Nationalmannschaft gezündet, die uns zwischenzeitlich voneinander entfernen ließ.

Die Zündschnur war leider zu kurz, sodass die Bombe hochging und wir uns gemeinsam im Theorieraum zu einer bewegenden Ansprache versammelten. Die motivatorische Leistung des Trainerstabes bewirkte, dass wir unsere Willens-Kelche auffüllten und hochkonzentriert in das letzte Spiel gegen die Slowakei starten wollten. Dies gelang uns auch, trotz schwerer Knochen und einem Sack voll Gedanken auf dem Rücken. Jede von uns konnte ihre eigenen Blessuren und Wehwehchen in den Schatten stellen und sich das knackige Hinterteil für ihr Mutterland aufreißen. Der Sieg ist unser und auch unser allerletztes Spiel dieser WM im schönen St. Gallen ist gespielt. Mein Herz hüpft, aber dank Erschöpfung und Erleichterung nicht zu hoch. Das Realisieren und Reflektieren hebe ich mir wie einen Schokobon für den morgigen Tag auf. Jetzt heißt es Hochprozentiges, natürlich in Maßen, hinter die Binde zu kippen und ein Lied nach dem anderen anzustimmen.

Heidi, ich muss los, die Mädels verlangen ihre Dance-Ra. Dance-Ra stammt übrigens im Wortursprung von Dance und Laura ab. Diese Kombination von Worten ermöglicht es mir, Laura, verschiedenste Facetten anzunehmen und meinen Spitznamen flexibel zu gestalten. Zu späterer Stunde werde ich mich wohl zu Schnarch-Ra transformieren, denn die Müdigkeit steigt mit jedem Schluck in eine höher gelegene Abteilung meines Körpers.

Bis morgen Heidi, auf uns.

Deine Laura.

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