Lauras Tagebuch: Kapitel sieben

Ach Heidi,

die Ereignisse haben sich überschlagen.

Also beginne ich, um dich nicht zu verwirren und überfordern, an jenem Punkt, an dem meine Augen einem freundlichen Tag entgegenblickten. Ein noch früher Morgen spannte seinen blauen Himmel über uns und ließ den Spaziergang, trotz unstudentischer Uhrzeit, vergnüglich erscheinen.

Mit einem satten Frühstück im Bauch, entschieden wir uns heute gegen ein Training. Stattdessen statteten wir, abgenabelt vom Trainer- und Betreuerstab, der Innenstadt von St. Gallen einen Besuch ab. Nicht Grundlos, denn wir hatten eine Mission.

Simon Brechbühlers Aufgabe an uns lautete am heutigen Vormittags: „Teilt euch in Fünfergruppen. Hier hat jede Gruppe fünf Franken und jetzt tut etwas Gutes, es ist schließlich Weihnachtszeit. Damit ihr die Kohle auch wirklich verbratet, filmt ihr euch bitteschön dabei und stellt uns das Videowerk dann vor!“.

Prima, dachten wir uns und machten uns auf den Weg von der Turnhalle Kreuzbleiche in Richtung Stadtzentrum St. Gallen. Vorbei an einem Coiffeur nach dem anderen, die ich nach dem gestrigen Nagelscheren-Einsatz an meinem Haupt für sinnlos erachte, erreichten wir einen Blumenladen. Der Plan stand. Unser Hühnerhäufchen Deutschland wollte fünf Schweizer Franken in einen Strauß Blumen investieren und den Helfern und Organisatoren der Floorball-WM einen monströsen Dank aussprechen.

Natürlich ohne viele Worte, denn das erledigen bekanntlich die Rosen. Kurzeitig kam unser Vorhaben ins Wanken, als mir das Preisschild der Fair-Trade Rosen in meiner neuen Lieblings-WM-Farbe rosa ins Gesicht sprang. Nun gut, eine alte bäuerliche Weisheit besagt, „Fragen kostet nichts“ (das weiß ich übrigens, weil ich meine Kindheit in einer dörflichen Region verlebte). Also ran an die Floristin, das mobile Datengerät mit Kamerafunktion in den Griffeln und schon gehörten schätzungsweise zwölf rosarote Rosen uns. Die blumige Fracht fand schnell ihre Abnehmer und der kleine Gruß wurde äußerst positiv aufgenommen.

Frische Luft macht müde. Kombiniert mit Verdauungswärme, die in den Kopf steigt und einem Buch, sowie einem Bett bot sich mir die perfekte Mittagsschlafgrundlage, die ich gewiss zu nutzen wusste.

Frisch und Munter traf die Mannschaft dann im Theorieraum ein und die Kleingruppen stellten gegenseitig ihre Werke vor. Es wurde gelacht und gestaunt über die Vielseitigkeit und Kreativität der Ideen. Ein tolles Teamevent.

Der Nachmittag bot erneut die Möglichkeit zur Nahrungsaufnahme um Energiepolster, vielleicht nicht nur diese Polster, anzulegen und eine knappe Theorieeinheit. Und Abfahrt zum Spiel gegen Russland. Schon während des Einspielens machte sich eine gewisse Banalität breit. Die Schnelligkeit, Spritzigkeit und das freche Lächeln auf den Lippen waren irgendwo auf dem Weg verloren gegangen. Motiviert waren alle, aber wie es schien, hatte jemand an unseren Willens-Gläsern genippt.

Der Gegner Russland wurde von uns nicht unterschätzt, dennoch war es uns heute nicht möglich, über eine solide Leistung hinauszuwachsen und das Spiel für uns zu entscheiden. Vor allem die schwankende mentale Stabilität, auch bedingt durch die Verletzung von Pauline Baumgarten gegen Ende des Spiels, brachte die Entscheidung.

Krokodilstränen kullerten und die Sorge um das Jungtalent Pauli rückte in den Vordergrund. Naiv wie Bienen vor einer offenen Blüte, rochen wir den süßen Duft der Illusion, den neunten Platz erreichen zu können.
Heidi, habe ich dir schon berichtet, wie sehr ich es hasse zu verlieren?! Sehr.

Mein Ziel für das Spiel, „alles kann, alles muss“, wurde nicht erfüllt. Die Niederlage knickt mein Ego enorm und den Fokus auf das morgige Spiel zu setzen, wird schwer fallen. Mich überkommt eine Trägheit und das Gefühl versagt zu haben. Noch blieben meine Wangen von Salzwasser unbenetzt, doch der Druck fällt ab und die Enttäuschung drückt auf meine Tränensäcke.

Vor dem Schlafengehen werde ich mir meine blauen Flecken und Blessuren noch einmal vorführen müssen, um mich daran zu erinnern, gekämpft zu haben.

Heidi, kannst du mich nicht kurz in den Arm nehmen und mir sagen, dass der Floorball-Sport nicht alles ist, was mich auszeichnet und der Schmerz des Verlierens vorüber geht? Ich würde dir zwar im Moment kein Wort glauben, aber sicher morgen einsehen, dass du Recht hast.

In diesem Sinne und mit Hoffnung auf einen sonnigen Freitag im Bauch, verabschiede ich mich in die Waagerechte.

Deine Laura

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4 Kommentare vorhandenKommentieren
  1. Nun sagt doch mal Heidi oder Laura, gibt es Neuigkeiten bezüglich Pauline und ihrer Gesundheit? Das interessiert mich ehrlich gesagt am meisten.

  2. Hi babbel, auch uns war das natürlich das wichtigste und wir hatten gestern gleich schon im Spielartikel (http://www.floorballmagazin.de/2011/12/08/bittere-pleite-gegen-russland/) informiert: “Nachtrag: Pauline Baumgarten geht es gut, sie ist ansprechbar und wird im Krankenhaus mit einer Platzwunde sicherheitshalber noch zur Kontrolle verweilen.” Coach Brechbühler hat dies bestätigt, sie habe Glück gehabt, dass es nicht so schlimm war.

  3. Hey Laura,

    mach’ dir nix raus. Nur wer verlieren kann, kann auch seine Siege geniessen. Ich finde, dass ihr bis vor dem Sturz (ab dem Anfang des dritten Drittels ;) ) eine gute Leistung gezeigt habt, was auch die kurzfristige Führung gezeigt hat. Natürlich bringt einer immer eine Verletzung eines Mitspielers etwas aus dem Konzept, da fehlen dann halt doch die Nerven aus Stahlseilen, aber dafür seid ihr menschlich… ;)

    Achso…ich glaube, dass du ganz gut schreiben und witzig kannst. (neben Floorball);) Aber in “den Arm nehmen” überlasse ich gerne der Heidi.

  4. Na wunderbar, danke Jan. “Gute Genesung” an Pauline und danke für deinen aufopferungsvollen Einsatz!

    Und danke Laura für die witzigen, abwechslungsreichen Einblicke in dein persönliches WM-Tagebuch.

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