Die Illusion einer Konkurrenz

Die überzeugend inszenierte WM bot den heimischen Schweizerinnen dennoch kein Happy End. / Foto: Elke Scholz

Die überzeugend inszenierte WM bot den heimischen Schweizerinnen dennoch kein Happy End. / Foto: Elke Scholz

Die achte Floorball-Weltmeisterschaft der Damen in St. Gallen ist Geschichte. Schweden ist Weltmeister, Finnland nicht, die Schweiz ist deprimiert, Tschechien erleichtert, Deutschland zufrieden. Redakteur Jan Kratochvil gönnt sich einen rück- und vorausblickenden Kommentar zum Stand der Dinge.

St. Gallen bescherte dem internationalen Damen-Floorball eine Veranstaltung nach Maß. Die eine oder andere Macke, wie die problematische Video-Übertragung, die zu Beginn Länder wie Schweden oder Deutschland ausschloss, oder die eindeutige Klassengesellschaft, die der sportlichen Konkurrenz irgendwie nicht gut tut und sich noch schlechter verkaufen lässt, wurden sonst von einem herzlichen und präzise organisierten Event größtenteils überstrahlt.

Schwedens Dominanz war aufgrund vorhergehender Testläufe nicht allzu überraschend. Finnland war viel zu gut für Tschechien, viel zu schlecht für Widar & Co. Die Tschechinnen schafften dennoch im achten Anlauf endlich den Sprung aufs Treppchen und das trotz diverser Kaderquerelen im Vorfeld. Und die Schweiz begeisterte als Organisator, scheiterte aber als Teilnehmer. Dass man auf heimischem Boden zum ersten Mal seit 2001 ohne Edelmetall und mit einer mehr als dürftigen Schlussvorstellung gegen Tschechien abschneiden würde, hatte man sich zum Turnierbeginn hin nicht erhofft. Schweizer Medienkollegen sprechen sogar vom “Kollektivversagen”. Und Deutschland hat bestanden, mit vielen Hochs und einem Tief.

Insgesamt wurde vor allem die lästige Illusion gebrochen, die “Konkurrenz” käme den Topnationen in ihrer spielerischen Leistungsfähigkeit näher. Wenn Schweden den fünftplatzierten Norwegen mit 19:0 oder Tschechien die ambitionierten Slowakinnen mit 15:1 demontieren, sollte auch dem letzten Tagträumer klar sein, dass dies mit Nichten der Fall ist. Im Gegenteil, Entwicklungsländer, auch jene die sich in der Vergangenheit in der A-Division bereits mit den Topnationen messen durften, werden sogar noch derber abgefertigt als es an den vorherigen Turnieren der Fall war. Ja sogar innerhalb der führenden Nationen treten Schweden und Finnland noch dominanter auf als zuvor.

Der hierfür weniger wichtige Grund ist zunächst der neue Modus, der den Topnationen praktisch erst im Halbfinale das erste fordernde Spitzenspiel garantiert und sie somit hinterrücks motiviert in der Gruppenphase und im Viertelfinale nicht auf Sparflamme unterwegs zu sein, sondern Fahrt aufzunehmen, um bei der ersten harten Probe mit Schwung von Beginn an zu überzeugen.

Eine wesentlichere Rolle spielt die Ausbildung und der Leistungsstand in den Topnationen selbst. Die breite Masse wird immer stärker, Nachwuchsspieler wachsen bereits in anspruchsvollen Wettbewerben auf und der Professionalisierungsgrad steigt von Jahr zu Jahr. Somit weisen Schweden, Schweiz & Co. endlich Kader auf, in denen auf gleicher sportlicher Leistungsstufe erfahrene Routiniers mit dreisten Nachwuchslerinnen kombiniert werden können.

Die durchaus positive Entwicklung in der zweiten, dritten und vierten Klasse hat hingegen aber zunächst nur bedingt Einfluss auf die Stärke derer Spitzenkader. Hier wächst die Breite, Schulen werden integriert, Sponsoren schaffen bessere Bedingungen und Trainer erfahren eine hochwertigere Ausbildung. Auch das Niveau der nationalen Wettbewerbe steigt. Die vorerst noch wachsende Dominanz der Elite kann dies aber noch nicht auswiegen.

Anders verhält es sich mit der Konkurrenz innerhalb der zweiten, dritten und vierten Klasse. Diese beginnen mit einigen Ausnahmen größtenteils zu verschmelzen, was auch der Umstand beweist, dass die deutsche Mannschaft drei von vier Spielen gegen Nicht-Spitzennationen mit jeweils einem Tor Unterschied gewann oder verlor. Darüberhinaus ist Deutschland nicht unbedingt ein ideales Beispiel für den Trend der kleinen Länder, da man sich zuletzt nicht kontinuierlich vorwärts entwickelte, sondern die vergangenen Jahre eher in wechselnden Auf- und Abschwüngen erlebte.

In St. Gallen bestand die Arbeit von Nationaltrainer Brechbühler und seinem Team allerdings ihre bisher schwerste Prüfung. Die Erfolge der deutschen Auswahl waren zweifelsohne der Leistungsgleichstand mit Lettland, einer Nation, die in den vergangenen Jahren als Bindeglied zwischen Topländern und Verfolgern galt, sowie der nur vermeintlich selbstverständliche 8:0-Sieg gegen die Australierinnen, denen man zwei Jahre zuvor noch traumatisch unterlag. Auch die sehr gute Leistung gegen Finnland oder der abschließende Erfolg gegen die Slowakei hinterließen einen feinen Eindruck. Einzig die irgendwie doch vermeidbare Niederlage gegen eine massiv geschwächte russische Mannschaft schmerzte. Bei den Czech Open 2009 hatte das russische Team Nauka mit einem Rumpfkader und einer schier unglaublichen Vitalität zahlreiche Elitevereine zur Verzweiflung gebracht. Das prominente Beispiel hätte den Spielerinnen eine Warnung sein können. Aber offene Rechnungen sind da, um beglichen zu werden – vielleicht in zwei Jahren.

Die deutschen Damen waren also trotz 11. Rang eigentlich erfolgreich. Als Mannschaft sowie als Einzelkönnerinnen waren sie technisch und taktisch den meisten ihrer Gegnerinnen überlegen. Im internationalen Vergleich wurden aber dennoch wieder zwei bekannte Baustellen offensichtlich. Die erste betrifft eine bestimmte individuelle Reife, die es dem Kader erlaubt schwierige Augenblicke ohne Konzentrationsverluste etwas besser zu verkraften – Ein- und Auswechslungen, Chaosphasen, Verletzungen von Mitspielerinnen u.ä. Hierbei darf aber auf den Erfahrungsschatz des jungen Teams verwiesen werden, der von Spiel zu Spiel heranwächst und dies auch bereits deutlich getan hat.

Die zweite Baustelle bleibt die mangelhafte Fitness. Mit Ausnahme einiger weniger Vollblutsportlerinnen, wie Franziska Mietzsch, Laura Neumann oder Madeleine Voigt (die als Rückkehrerin zur vielleicht stärksten deutschen Spielerin des Turniers avancierte), hinkt der deutsche Kader der direkten (Norwegen, Russland oder Lettland) sowie potenziellen Konkurrenz (Tschechien, Schweiz, Finnland) körperlich stark hinterher. Zwar konnte man erneut vieles durch Willen und Kraft wett machen, um beispielsweise in unübersichtlichen Zweikämpfen zu bestehen oder auch in den letzten Minuten eines Spiels sämtliche technischen Fertigkeiten abrufen zu können, muss die deutsche Nationalmannschaft in den kommenden Jahren ein anderes Level der Beweglichkeit, Ausdauer und Spritzigkeit erreichen. Dies wissen und forcieren die Bundestrainer bereits, bleiben aber weiterhin von der Eigenverantwortung der Spielerinnen sowie dem Anspruch derer Vereine abhängig.

Alles in allem hat die Damen-WM endlich wieder einmal als Massenereignis getaugt, mediale Aufmerksamkeit provoziert und die nächsten sportlichen Schritte der einzelnen Länderauswahlen ermöglicht. Deutschland träumte vom Viertelfinale, hoffte später auf eine Platzierung unter den Top 10. Vielleicht noch zu früh. Ziehen noch mehr deutsche Vereine mit dem Anspruch der Nationalmannschaft mit, trauen sie sich ebenfalls Ambitionen zu haben, die vielleicht eher fern als nah liegen (wie etwa die Herausforderung überregionaler Wettbewerbe egal unter welchem Namen oder die gezielte Förderung von Mädchensport), müsste man sich für die Zukunft erstmal keine Sorgen machen.

Jan Kratochvil ist als Bundesligaspieler und ehemaliger Bundestrainer auch als Herausgeber des Floorballmagazins und regelmäßiger Floorball-Experte von Eurosport in der Welt des Lochballs unterwegs.

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4 Kommentare vorhandenKommentieren
  1. Schöner Artikel! Danke auch für die umfangreiche Berichterstattung zur WM :-)

  2. “Die zweite Baustelle bleibt die mangelhafte Fitness.” Das Dauer-Manko, nach wie vor schade. Guter Bericht!

  3. Ich finde die Analyse auch gelungen.

    “von der Eigenverantwortung der Spielerinnen sowie dem Anspruch derer Vereine abhängig” finde ich den wichtigsten Satz. Aber noch präziser wäre für mich ein “die Spielerinnen müssen wollen.” Ich glaube bei den meisten Spielerinnen des WM-Kaders diesen unbedingten Willen sportlich besser zu werden erkennen zu können. Auch zum Beispiel Madeleine Vogt oder Sandra Dirksen stehen heute dort wo sie stehen, weil sie es wollten und bereit waren dafür zu arbeiten.

    Aber wenn nun die Mädels in Bremen, Hamburg, Seebergen, Köln, Aasee, Bonn, Berkersheim, München, Dresden, Leipzig, Weissenfels, Berlin, Kiel, Itzehoe, etc. wirklich wollen, dann sind sie bereit zu trainieren UND die strukturellen Voraussetzungen für ein Vorwärtskommen aufzubauen.

    Dieses strukturelle Umfeld ist meines Erachtens der Schlüssel, dann kommt Deutschland wirklich weiter und irgendwann wird dann auch ganz logisch die Breite so stark sein, dass sie von ihrem Umfeld getragen werden. Aber noch muss das Umfeld von denen mit aufgebaut werden, die es beanspruchen wollen!

    In Schweden läuft das in Zwischenzeit anders, da werden die Spielerinnen vom Umfeld getragen und gefördert, sie können sich so ganz auf den Sport konzentrieren. Aber Schweden ist Schweden und – tatsächlich – nicht Deutschland.

    Wer wirklich geil ist auf Floorball spielt es nicht nur, sondern baut auch Strukturen, weil sie / er das Baby wachsen sehen will.

  4. Ich gebe babbel komplett recht. Erst wenn das Fundament steht, kann man hoch hinaus bauen. Ansonsten ist die Analyse sehr objektiv und trotzdem kann die Frage gestellt werden, ob es in den nächsten Jahren besser wird oder die Unterschiede sich verstärken?

    Aber noch einmal kurz zur Struktur. Leider haben wir in Marburg bspw. nicht genug Damen für eine Damenmannschaft. Aus diesem Grund haben wir uns entschlossen, dass sie in unserem KF-Ligakader in der Hessenliga mitspielen. Dort schlagen sie sich verdammt gut, weil (wie auch bei der Damennationalmannschaft) ein ungehöriger Wille vorhanden ist.

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