Talentschmiede Schule

Gelbe Übermacht: Die schwedischen Floorball-Talente rekrutieren sich auch aus so genannten Innebandy-Gymnasien. /Bild: © JDUBOiS PHOTO / wfc2011

Zur Damen WM in St. Gallen wurde es allen überdeutlich: Die Entwicklung der Floorballspieler in Skandinavien erreicht jedes Jahr neue Dimensionen. Immer weiter entfernen sich Nationen wie Schweden und Finnland von dem was der Rest glaubt Floorball spielen zu nennen. Schulen mit speziellem Profil verstärken diese Entwicklung.

Ein Innebandy-Gymnasium oder ein Innebandy-Profil an einer allgemeinbildenden Schule gibt es in Deutschland noch nicht. Schweden hat bald drei Dutzend davon und züchtet dort seinen Nachwuchs heran, der außer Konkurrenz zu anderen Floorball-Nationen an der Weltspitze steht.

Nationales Floorballgymnasium

Nur 12 Schüler dürfen ans Elite-Gymnasium

„Der Schwedische Sportbund unterstützt Elite Sportschulen in den populärsten Sportarten. Für den Bereich Floorball wird national derzeit eine Schule unterstützt, das Riksgymnasium Innebandy (RIG) in Umeå. Im Jahr werden dort 12 Schüler aufgenommen, sechs Jungs und sechs Mädchen“, erklärt Emil Persson vom Svenska Innebandyförbundet (SIBF). Ziel des Elite-Gymnasiums ist die Kombination aus einer umfassenden Floorballausbildung in technischer, taktischer, physischer und mentaler Hinsicht mit einer anspruchsvollen schulischen Ausbildung in der Sekundarstufe II.  Für das RIG bewerben sich Schüler und werden durch den Verband  anhand eines Leistungstest nach ihren Floorball Skills ausgewählt, nicht wie sonst üblich nach ihren Zensuren. Wer diesen Test nicht besteht, wird nicht an der Elite-Schule, die seit neun Jahren besteht, aufgenommen. „Wer es nicht schafft, kann an eine der zahlreichen lokalen Sportschulen wechseln, die ein Floorball-Profil anbieten.“

Floorball-Geschichte Teil des Lehrplans

Damit meint er Schulen wie Borås oder Mora, in Finnland z. B. Mäkelänrine. Unterstützt werden die Schulen vom SIBF oder dem Schwedischen Sportbund. Sie bieten speziellen Unterricht an und sind damit ein wichtiger Faktor für die zahlreichen talentierten Floorballspieler, die Schweden hervorbringt. „Der Unterschied der lokalen Sportschulen zur Elite-Einrichtung RIG ist die Anzahl der Trainings pro Woche. Das Training an sich ist das gleiche“, so Persson. Insgesamt haben die Schüler drei Mal Floorball-Unterricht pro Woche. Jedoch mindestens acht Wochenstunden. Meist sind es mehr. Neben dem reinen Training unter optimalen Bedingungen (die Schulen sind mit Großfeldhallen, Theorie-Räumen, Fitnessstudio ausgestattet) werden unter anderem auch Floorball-Geschichte, mentales Training und Spielsysteme, wie die der U19-Nationalmannschaft, gelehrt.

Ab diesem Jahr wird der schwedische Verband den Zugang zu den Floorball-Schulen ändern. Bisher selektierten sie Bewerber anhand ihrer schulischen Noten, nicht der Floorball-Fertigkeiten. Doch seit Winter 2011 können Schulen mit Floorball-Profil ihre Spieler ebenso anhand der Floorballfähigkeiten aussortieren. Schwedenweit wählen insgesamt 22 Schulen pro Jahrgang maximal 15 Spieler aus, die an diesem Bildungsprogramm teilnehmen. Ab 2012 werden es 36 Schulen sein. Somit werden pro Jahr 500 Schüler mit Bildungsschwerpunkt Floorball ausgebildet.

Die U19 Damen aus Schweden und Finnland unter sich: EFT 2011 in Helsinki. /Bild: Florian Büchting

„Zukunft im High-Level-Floorball“

Kein Wunder also, dass vor allem Schweden der Jugend-Entwicklung anderer Länder Lichtjahre voraus ist. Als Vergleich: Floorball Baden-Württemberg, einer der Landesverbände von Floorball Deutschland, zählt nicht einmal 500 Mitglieder insgesamt – bei zehn Millionen Einwohnern.  Schweden verzeichnet als ganze Nation lediglich neun Millionen Einwohner und füllt seine Floorball-Schulen dennoch ohne Probleme. Sicherlich wären es noch mehr Spieler, gäbe es keine so strengen Zugangsbeschränkungen. Micael Svensson, seines Zeichens ehemaliger deutscher Herren-Nationaltrainer und geprüfter schwedischer Elite Floorball Lehrer, kennt die Situation. „Bevor ein Schüler den begehrten Platz an einer Schule bekommt, muss er viele Tests und Auswahlen bestehen. Es kommen nur Spieler in Frage, die eine Zukunft im High-Level-Floorball haben. Ein „normaler“ Schüler hätte hier keine Chance“, erklärt er.

70 Prozent schaffen Sprung in die Svenska Superligan

„Die Neuorganistation der Zulassung ist eine wichtige Entwicklung für den schwedischen Floorball. Das RIG bleibt zwar die Elite Floorball Schule. Mit dieser neuen Organisation aber können wir den Schülern der lokalen Schulen ermöglichen in ihrem gewohnten Umfeld zu bleiben und im Heimclub weiterzutrainieren“, rechtfertigt sich Persson beinah für die Umstrukturierung. Damit schwappt eine enorme Qualität in die Vereine. Ein Schüler mit Floorball-Profil in seiner Schule trägt Know-How und spielerische Klasse in das Training vor Ort. Davon wiederum profitieren Mitspieler und Trainer. Eine Spirale der Professionalität kommt in Schwung. Diese mündet in atemberaubenden Statistiken. Beinahe 70 Prozent dieser ehemaligen Schüler spielen später in der Svenska Superligan (SSL). Vorher schaffen es über 50 Prozent von ihnen ins U19-Nationalauswahlteam, Jungs wie Mädchen.

Wann kommt Floorball an Deutsche Sportgymnasien?

Deutschland ist von solchen Strukturen noch weit entfernt. Knackpunkt ist auch hier wieder einmal die Mitgliedschaft im DOSB. Wäre diese gegeben, dann wäre Floorball eine förderungsfähige Sportart, die im Laufe der Entwicklung auch Einzug ins Sportgymnasium halten könnte. Micael Svensson sieht jedoch noch einen weiteren Grund als entscheidend: „Ich sehe in Deutschland noch keine geeigneten Floorball Elite Lehrer, die den Spielern so viel über den Sport beibringen können wie nötig.“ Ein Ansatz wäre die schulische Forcierung der Sportart zur allgemeinen qualitativen Entwicklung allemal. In Schulen ist Floorball bereits verankert, der erste Schritt ist gemacht. (ms)

Kommentare

  1. „Der Schwedische Sportbund unterstützt Elite Sportschulen in den populärsten Sportarten“
    Das ist doch das Hauptproblem in Deutschland! Nicht die fehlenden Sportschulen. Es ist die Popularität, die BREITE!

    Ich hab mal wieder Lust, mich aufzuregen: „Hört mal endlich auf mit den Träumereien von der Spitze“, drängt sich mir leicht genervt auf, ins weite WWW zu schreien. Gerade in Deutschland mit der unglaublich guten Förderung von Spitzensport wird die Spitze „automatisch“ vorne mitmischen. Aber was wir zuerst brauchen ist die breite Masse!

    Graswurzelarbeit. Graswurzelarbeit. Graswurzelarbeit.
    Neue Vereine/Vereinsabteilungen. In die Schulen. Die Schulen mit den Vereinen verknüpfen, …

    Unsere 150 Vereine mit vielleicht 4000 Kindern und Jugendlichen, die für so eine Förderung wenigstens von alterswegen in Frage kommen würden, sind lächerlich für dieses riesige Land wie Deutschland. Wie will man da noch selektieren? Was bleibt da noch übrig?

    Jede Schule die mit einem der wenigen Vereinen mit systematischer Jugendarbeit verknüpft ist, ist wertvoll. Aber es ist massiv zu wenig. Wir haben vielleicht ein Dutzend Vereine in Deutschland, die einen konsequenten, nachhaltigen Weg mit Schulen und Nachwuchsarbeit gehen wollen und nicht alleine das kurzfristige Ziel „Jugendmeisterschaft“ oder ähnliches propagieren.

    Die Floorball-Geschichte in Deutschland hat meines Erachtens immer wieder viel zu viel Gewicht auf die Spitze (Bundesliga, Nationalteams) gelegt. Das ist als ob man einen Tempel bauen will und mit einem Fundament von einem Quadratmeter erst einmal zufrieden ist und schon mal die ersten Säulen draufstellt und mit dem Dach beginnt. Und dann merkt man, dass es noch nicht reicht, um zu den grössten Tempeln dazuzugehören und man baut noch ein Fundament von einem Quadratmeter und so weiter… Flickwerk. Enges, verblendetes Erfolgsdenken mit funkelnden Medaillen-Augen.

    Und ja, es stellt sich schon die Frage, welches der beste Weg ist und ich kenne ihn auch nicht. Aber er muss mit dem Anfang beginnen und dies ist immer die Breite.

    Und jetzt der konstruktive Beitrag:

    Was mir am wichtigsten erscheint, das sind die Menschen wie Blanke, Mühle, Patocka, etc. welche wirklich versuchen nachhaltig (!) Schule und (!) Verein zu verknüpfen, zu arbeiten, auch wenn es dauert und nicht alles gelingt. Und wir haben viele gute Arbeiter in Deutschland, aber jeder ist halt so mit seinem Süppchen beschäftigt, dass eine systematische Verknüpfung und somit Förderarbeit schwierig ist. Vollkommen verständlich und legitim.

    Wir können also entweder Leistungszentren aufbauen, die dann (gefördert systematisch) ausstrahlen. Bestes Beispiel ist da Weissenfels, aber auch in Bremen wurde über viele Jahre hauptsächlich koordiniert von Kasche eine solche Arbeit betrieben: Ein Bundesliga-Verein der neue Vereine im Umfeld gründet, die Schulen mit ins Boot holt und diese sogar noch fördert. Ähnliche Beispiele sind Hamburg, Bonn, Leipzig, Berlin, etc. Wenn wir diesen Weg von Leistungszentren gehen wollen, dann müssen wir diese miteinander in einen konstruktiven Wettbewerbe hinein verknüpfen und fördern, auch finanziell. Und sie vertraglich verpflichten, dass sie dafür auch nachhaltig und weiträumig, regional arbeiten und nicht nur für die eigenen Medaillenchancen arbeiten.

    Oder wir machen brutalste Graswurzelarbeit. Dafür brauchen wir gute Leute in den einzelnen Regionen, die wirklich neue Schulen und Vereine aus dem Boden stampfen – und dafür Schlägersets, Geld, etc. zur Verfügung haben. Lehrerfortbildungen mit Förderangeboten. Mentoring für Übungsleiter in den Vereinen. Gute Unterlagen, gute Fortbildungen. Und dies dann sauber koordinieren und über regionale Auswahlen dann auch langsam nach oben wachsen.

    Ob der eine oder der andere Weg oder ein Dritter – was wir brauchen ist eine gemeinsame Systematik. Die fehlt mir zur Zeit, weil wir uns im Spitzendenken verrennen.

    Alles nur eine Meinung. Aber vielleicht wert darüber nachzudenken und zu diskutieren.

  2. ich finde diesen Artikel einen gelungenen und interessanten Artikel, wie der Sport in Schweden gefördert wird. Spannend wohin die Entwicklung gehen kann, auch wenn bis dahin noch ein hartes Stück Arbeit vor uns liegt.

    @ babbel: ich denke dass es klar aus dem Artikel hervorgeht, dass die Voraussetzungen in Schweden und Deutschland unterschiedlich sind. Im letzten Absatz wird auch noch einmal darauf verwiesen, dass es Floorball an Sportgymnasien im Laufe der Entwicklung geben könnte (Zukunft).

  3. @toni3efb: Es ging mir nicht um die unterschiedlichen Voraussetzungen und nicht ums „könnte“ für die Zukunft. Ich finde den Artikel auch interessant, aber er beinhaltet zwei fatale Fehler.

    1.
    „In Schulen ist Floorball bereits verankert, der erste Schritt ist gemacht.“ Es gibt in Deutschland über 40.000 Schulen. In wievielen wird wirklich Floorball gespielt und nicht irgend ein Hockeygedöns mit anderen Regeln und gemischtem Spielmaterial (Puck, Tennisbälle, etc.)? Welcher Anker?

    2.
    Und Deutschland ist nicht deshalb noch weit von solchen Strukturen entfernt, weil die Mitgliedschaft im DOSB fehlt, sondern die Mitgliedschaft im DOSB fehlt, weil die Basis für solche Strukturen noch nicht vorhanden ist: die breite Masse = das Fundament.