Andreas Gahlert mit Kraftakt gegen Norwegen – Der 26-Jährige steuerte drei Treffer und eine Vorlage zum 7:9 bei.
WM-Qualifikation. Es wurde das erhoffte spannende Endspiel um den Turniersieg in Münster. Gastgeber Deutschland und Favorit Norwegen lieferten sich ein enges Duell, Soutters Equipe beeindruckte dabei mit einem starken Comeback im zweiten Drittel. Am Ende waren die Skandinavier dennoch den entscheidenden Tick besser.
Es war das im Vorfeld erhoffte Szenario: Gastgeber Deutschland sollte am Samstag Abend ohne Druck ins Spiel gegen Turnierfavorit Norwegen starten können – im Endspiel um den Sieg beim heimischen WM-Qualifikationsturnier in Münster. Nach drei deutlichen Erfolgen gegen Frankreich, Spanien und, am wichigsten, im Schlüsselspiel gegen Dänemark wurde diese Wunschvorstellung Realität. Soutters Equipe, bereits qualifiziert, durfte gegen die Norweger um den Turniersieg kämpfen.
Soutter: “Norwegen ist ernsthafter Gradmesser”
Vor der heutige Partie übte sich das deutsche Lager in Understatement: Die erfahrenen Skandinavier seien wohl noch eine Nummer zu groß, hieß es. Gleichzeitig sei es aber eine wichtige Standortbestimmung. “Es ist ein ernsthafter Gradmesser”, sagte Nationaltrainer Philippe Soutter.
Einem Gradmesser, dem Deutschland anfangs mit sichtbarem Respekt begegnete. Ungenauigkeiten, Fehlpässe und unnötige Ballverluste bestimmten die ersten Minuten von Soutters Equipe. Immerhin stand die Defensive, viele Schüsse wurden geblockt. Eine Überzahl in der 6. Minute (Borth saß wegen Haltens) konnte ebenso überstanden werden, auch weil Kohler dreimal stark hielt. Kurz darauf war Deutschlands Nummer eins aber chancenlos, als Kronberg einen Abpraller Kohlers aus der Ecke holte und Sturmpartner Mossin-Olesen allein gelassen im Slot fand. Norwegen blieb in der Folge überlegen und drohte zu enteilen: Durch einen Doppelschlag in der 12. Minute stand es plötzlich 3:0 für den Favoriten, Rognlien und wieder Mossin-Olesen hatten getroffen.
Starke Reaktion auf 0:3-Rückstand
Doch statt einem Einbruch sahen die 688 Zuschauer in der Berg Fidel Arena, wie Deutschland endlich ins Spiel fand. Zunächst vergaben Dominic Mucha und Robert Müller binnen 15 Sekunden zwei Großchancen. In der 17. Minute wurde Soutters Auswahl dann für ihre Bemühungen belohnt: Als Fredrik Holtz nur mit einem Foul am Abschluss gehindert werden konnte, trat Andreas Gahlert zum fälligen Penalty an. Der Schweiz-Legionär täuschte einen Bogenlauf an, knickte den Schuss jedoch ab und erwischte Norwegens Goalie Rönnmark in der rechten Ecke. Kurz vor der Pause verhinderte Deutschlands Torhüter Kohler mit einer Weltklasse-Parade zunächst die erneute Drei-Tore-Führung Norwegens. 30 Sekunden vor der Sirene war er aber machtlos, als Ketil Kronberg, der Topspieler der Skandinavier, einem flachen Pass Straetes von der Mittellinie mit dem Rücken zum Tor und einhändig an Kohler vorbeilenkt. Deutschlands Defensive, die im ersten Drittel immer wieder Lücken offenbarte, hatte Kronberg offenbar vor dem eigenen Gehäuse vergessen. Kurz danach ist Pause.
Der zweite Abschnitt begann mit einer Umstellung, die sofort Wirkung zeigt. Cheftrainer Soutter stellte auf zwei Reihen um. Deutschland erarbeitete sich direkt mehrere Abschlüsse – im ersten Drittel hatte es noch weit mehr als zehn Minuten bis zum ersten deutschen Torschuss gedauert. “Jungs, dieses Spiel gibt niemand auf”, beschwörte Soutter seine Ersatzspieler. Es klang wie eine Vorahnung, auf das was folgte.
Linienumstellung zeigt Wirkung
Zunächst blieb aber eine Überzahl in der 23. Minute ungenutzt. Dennoch, auf einmal war es Norwegen, das fehlerhafter agierte. So führte ein von Borth provozierter Ballverlust in der 26. Minute zu einer weiteren Überzahl. Dort rollte ein Ball eher zufällig unbehelligt durch den gesamten Slot, an dessen linker Ecke in Holtz schließlich ins Tor bugsierte. In der Folge schubste Norwegens Rongsjord an der Mittellinie ohne Not Gahlert um – wieder zwei Minuten, große Aufregung bei den Skandinaviern.
Kapitän Evensen, der sein 100. Länderspiel bestritt, in angeregter Diskussion mit den Schiris. Dessen Trainer zog unmittelbar die Auszeit, um seine erhitzten Spieler zu beruhigen. Diese Maßnahme zeigte Wirkung. Deutschland konnte die Überzahl nicht nutzen, danach fand Norwegen zurück ins Spiel. Kurz nach Spielmitte verhinderte Deutschlands Goalie Kohler mit einem starken Reflex, als er einen verdeckten Weitschuss mit der linken Hand aus der Ecke fischte, die erneute Drei-Tore-Führung der Skandinavier.
Mitten in diese Drangphase tauchte auf einmal Borth völlig frei vor Rönnmark auf. Kristian Holtz hatte ihn mustergültig frei gespielt. Und der Youngster ließ sich die Chance nicht nehmen, verkürzte auf 3:4. Danach Hektik: In der Jubeltraube ging Ersatzgoalie Schmidt unvermittelt zu Boden, hielt sich den Unterleib. Nun standen die polnischen Schiris im Mittelpunkt, beließen es aber bei mahnenden Worten. Ein Hechter von Fredrik Holtz brachte danach eine Strafe gegen Deutschland wegen Bodenspiels. Die nutzte Rognlien eiskalt, indem er vom Point einen Strahl unhaltbar unter die Latte setzte.
Highlights des 4. Spieltags der WM-Quali in Münster
Doppelschlag bringt Ausgleich
60 Sekunden später konnte sich wieder Kohler auszeichnen. Der Torhüter, der eine starke Leistung bot, kratzte einen Abpraller noch so gerade von der Linie. Es war wie ein Weckruf an sein Team. Denn kurz darauf tankte sich Andreas Gahlert in der Mittelzone technisch stark an zwei Norwegern vorbei und hatte dabei noch den Blick für Dominic Mucha, der ohne Probleme einnetzte – Traumtor! Deutschland nun wie im Rausch: Als der Hallensprecher gerade den Anschluss ansagen wollte, fand Borth bereits Kristian Holtz am rechten Slotrand. Der traf zwar nur den Innenpfosten, doch der Ball trudelte zu seinem Bruder Fredrik, der ungehindert zum 5:5-Ausgleich einschoss. Nun stand die Berg Fidel Halle Kopf. Die Partie war wieder völlig offen. Kurz darauf: Drittelpause, durchatmen.
Eine gute halbe Minute nach Wiederanpfiff erwischte Norwegens Superligan-Legionär Torp Deutschlands Goalie Kohler mit einem Bogenlauf in der kurzen Ecke. Der erste kleine Fehler des sonst starken Torhüters. Nur zwei Minuten später Unterzahl Deutschland. Wie schon beim 1:4 übersah die Defensive im Boxplay Norwegens Kronberg, der Kohler ohne Probleme überwand. Im weiteren Verlauf fand Soutters Equipe in Überzahl zu Riesenchancen, die aber ungenutzt blieben. Kaum komplett traf dafür Norwegen, als Straete in der 47. Minute mit einem leichten Schuss von der linken Seite Kohler im langen Eck überraschte. Nun schwamm Deutschland, während die Skandinavier wieder ihre Sicherheit vom Spielstart fanden. Sie kamen besser in die Zweikämpfe, agierten druckvoller.
Rönnmark lässt Deutschland verzweifeln
Dazu konnten sich die Norweger zu Spielende hin auf ihren Goalie Rönnmarkverlassen: Der 32-jährige Routinier ließ Deutschlands Offensive in der Schlussphase massenhaft verzweifeln. Vor allem die Muchas scheiterten reihenweise an Rönnmark. So z.B. in der 55. Minute, als Dominic Mucha im Alleingang vergab. Kurz darauf dann die Entscheidung: Im Spielaufbau verlor Deutschland den Ball, Kronberg passte zu Mossin-Olesen, der zum 9:5 einnetzte. Danach das gleiche Bild wie in den Minuten zuvor: Die Muchas gegen Rönnmark, der wieder drei Riesenchancen vereitelte.
Das Tor schien wie vernagelt, bis Andreas Gahlert den norwegischen Schlussmann mit einem Knaller von der rechten Seite unter die Latte in der letzten Minute doch noch überwand. Dominic Mucha und Rönnmark leisteten sich in der Folge noch ein kurzes Scharmützel. Vier Sekunden vor Ende war es erneut Gahlert, der im Slot einen Schuss von Dominic Mucha ablenkte. Der versöhnliche Schlusspunkt.
Am Ende verliert Deutschland also mit 7:9. Unterm Strich präsentierte sich Norwegen den Tick eingespielter, erfahrener, letztlich abgeklärter und siegte verdient. Die Skandinavier werden das Turnier in Münster also wie erwartet gewinnen. Doch auch Deutschland kann trotz der Niederlage viel Positives aus dem Duell mitnehmen. Über weite Strecken war man dem WM-Sechsten von 2010 ebenbürtig, teilweise sogar überlegen. Die Unterschiede zwischen beiden Equipen waren bei weitem nicht so groß, wie erwartet. Ein Zeichen Richtung WM, die im Dezember in der Schweiz stattfindet? “Den wichtigen Sieg gegen die Norweger haben wir uns für die Endrunde aufgehoben”, sagte Goalie Janek Kohler anschließend augenzwinkernd.
Eine Aussage, die nach diesem Duell durchaus ernstzunehmen ist. “Es ist viel Potential in diesem Team”, sagte Philippe Soutter vor dem Spiel. Seine Mannschaft belegte das heute einmal mehr. (tn)
Deutschland – Norwegen 7:9 (1:4, 4:1, 2:4)
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