Die Kluft von Münster

Die deutschen Herren schaffen beim Turnier in Münster die Qualifikation zum Finalevent in der Schweiz, die Sportart ihren nächsten Sprung in die Schlagzeilen. Und was lernen wir daraus? Redakteur Jan Kratochvil ist von Eindrücken überrumpelt und gönnt sich einen Kommentar zur Bedeutung der vergangenen fünf Tage.

Er war bitter nötig, der nicht nur organisatorische, sondern vor allem sportliche Höhenflug, den das deutsche Floorball insbesondere in seiner Herrenkategorie schon so lange herbeigesehnt hatte. Zurücklehnen und genießen müsste doch jetzt eigentlich drin sein. Wenn nicht jetzt, wann eigentlich dann, bitte sehr? Aber was erzählt uns Münster tatsächlich zwischen den Zeilen, abseits von Torwartraum, Mixed Zone und Fanshop?

Aus sportlicher Sicht, war es die perfekte Show. Der Sieg gegen Dänemark war zwar an sich keine Überraschung – Deutschland landete an der vergangenen WM trotz einiger Enttäuschungen drei Plätze vor den Skandinaviern, hatte ihnen beim 4-Nationen-Turnier in Wernigerode mit Nachwuchstruppe ein 8:8 abtrotzen können, genoss den Heimvorteil und hatte alle Spitzenkräfte beisammen. Die Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit mit der Soutters Garde ihren Gegner im Schlüsselspiel zerlegte, beeindruckte aber. Ähnlich übrigens wie die allgegenwärtige Hilflosigkeit der Dänen, die nun zum ersten Mal nicht am Finalturnier teilnehmen werden. 14:3 – Ein Klassenunterschied, der unterstrich, dass Deutschland nicht nur mehr in der Masse der Aktiven, sondern auch zumindest in der Performance seiner männlichen Seniorenauswahl an seinen nördlichen Nachbarn vorbei gezogen ist. Ein ähnlicher Erfolg bleibt bei den Junioren und Damen bislang aus.

Dass Frankreich, Belgien und Spanien an Soutters Auswahl zerschellen würden, war zu erwarten. Dass man sich mit der einstigen Topnation Norwegen aber einen derart offenen Schlagabtausch bieten und sogar mit einem Zwischenstand von 5:5 ins Schlussdrittel starten könnte, bestätigte nur den gehobenen Anspruch, den die Leistung gegen Dänemark ankündigte. Bei der WM im Dezember wird Deutschland vermutlich erneut auf mindestens zwei stärkere Gruppengegner treffen und wird sich dann unvermeidbar mit noch höheren Erwartungen konfrontiert sehen als es 2010 der Fall war und als eigentlich angemessen und gesund sein dürfte.

Ein Fehler wäre es jedoch nun, vom vermeintlichen sportlichen Aufschwung der Nationalmannschaft direkt auf einen ähnlich euphorischen Fortschritt bei der Ausbildung und Entwicklung im Breitensport zu schließen, handelt es sich speziell im deutschen Fall doch noch um zwei so verschiedene Arbeitsfelder. Die sportlichen Erfolge bei der WM-Quali stützen sich immer noch zu einem entscheidenden Teil auf Leistungen sogenannter “Bildungsausländer”, also Spieler, die ihr Handwerk von klein auf in ausländischen Wettbewerben erlernt haben (gegen Norwegen waren es sieben der elf Akteure in den ersten zwei Blöcken). Seit 2005 und noch intensiver seit 2008 sind auch ausländische Trainer stärker involviert. Nichts Neues und bei weitem auch nichts Schlimmes – im Gegenteil. Denn auch Spieler wie Kapitän Philipp Hühler oder Andreas Gahlert, die ihre Grundfertigkeiten in Deutschland beigebracht bekamen und sich nun im Ausland zu behaupten wissen, sowie junge Bundesligaspieler wie Ramon Ibold oder Tim Böttcher füllen die Kaderliste nicht nur statistisch auf, sondern tragen erheblich bis gleichwertig zum Erfolg bei – unter Soutter & Kern sogar vorerst erfolgreicher und systematischer als je zuvor.

So bleibt aber trotzdem die Vermutung bestehen, dass die Ausbildung von Spielern auf deutschem Grund und Boden für einen derartigen Erfolg nicht gereicht hätte. Möchte man nach dem Abschied von Ausnahmekönnern wie den Gebrüdern Mucha oder Holtz international keinen zu harten Rückschritt erleiden, wird man bereits in naher Zukunft noch intensiver die Bindung der Spitzenauswahlen an die Entwicklung der Nachwuchs-Kategorien und des Breitensports koppeln müssen. Man wird sich noch häufiger die Frage stellen dürfen, wie die Nationalspieler von 2016 und 2018 von der vielleicht auf lange Zeit einmaligen Stärke dieser Auswahl profitieren können. Und das mit den Mitteln eines Verbandes, der viel will, aber noch so wenig darf. Mit dem Aufbau der U17-Trophy, integrierten Trainerlehrgängen und weiteren Entwicklungsmaßnahmen, die den Leistungs- mit dem Breitensport zusammenführen, scheint Floorball Deutschland zusammen mit seinen Landesverbänden zunächst auf dem richtigen Weg zu sein. Dennoch bleibt das Thema der Ausbildung von Trainern und Spielern absolut grundlegend und wird noch massiver Erweiterungen bedürfen.

CLIP: Gratulation an die deutsche Mannschaft und die Veranstalter der WM-Quali

Die Tribünen in Münster waren in der Regel zumindest ausreichend gefüllt. Eigentlich wollte man zu den Schlüsselspielen an der 1.000-Marke kratzen, zurecht, doch der Zuspruch der Zuschauer hielt sich dann doch in Grenzen. Gegen Dänemark waren es 323, am Wochenende gegen Norwegen dann doch zumindest fast 700 – ein Symptom für die Interessenskluft zwischen Breiten- und Leistungssport im deutschen Floorball. Holtz, Mucha & Co. sind praktisch nur für etablierte Bundesligisten oder besonders ambitionierte Regionalligisten ein Begriff und locken als “Stars der Szene” (die es in Deutschland noch zu bauen gilt) kaum neugierige Nachwuchstalente, geschweige denn Hobbyspieler mit Anhang in die Halle – und schon gar nicht aus weiter entfernten Bundesländern. Für die Attraktivität von Events, die der Verband zurecht zum zentralen Vermarktungsmittel ausgesprochen hat, ist das Überwinden dieser inneren Kluft von großer Bedeutung und stellt auch für uns als Nachrichtenmedium sowie für alle Landesverbände und Vereine eine Herausforderung dar.

Darüber hinaus hat die Vermarktungscrew des Verbandes zumindest nach außen hin ihre Hausaufgaben erfüllt. Von nicht zu unterschätzenden Erwähnungen bis hin zu umfassenden Reportagen schaffte man es mit einem Qualifikationsturnier ins Programm diverser überregionaler Zeitungen und Fernsehsender sowie wichtiger Onlinemedien. Der ganzseitige Bericht “Der schlafende Riese” in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, ist kein Zufall gewesen, hat Mühe gekosten und könnte bei der Verbreitung von Floorball sowie Akquise neuer Förderern Gold wert sein. Der sportliche Erfolg der deutschen Auswahl hat insbesondere in der Nachberichterstattung großen Einfluss auf die Streuung, haben positive Schlagzeilen einer Randsportart doch eine über zehnmal höhere Erfolgschance in die Druckerei durchzurutschen als ambivalente oder negative Meldungen.

Ansonsten hat die Organisation des Turniers gemäß ihren Möglichkeiten mit sehr guten Noten bestanden. Dass der lokale Videoreporter seine Interviewpartner ähnlich drangsalierte wie die englische Sprache oder dass man sich auf der Verbandsseite ein wenig mehr Drumherum und Hinterher wünschen könnte, ändert daran glücklicherweise wenig. Denn das Rahmenprogramm hat gestimmt, Florian Büchting vereinte als intelligenter und ausdrucksstarker Hallensprecher die Kompetenz von Günther Jauch mit dem Charme von Pu dem Bären und auch sonst war das Protokoll einwandfrei. Floorball Deutschland hat sich binnen weniger Jahre vom Sorgenkind, über einen Feuerlöscher bis hin zum verlässlichen Eventpartner des Weltverbandes gemausert. Für die IFF ist das eine wichtige Erkenntnis, spielt Deutschland doch eine derart gravierende Rolle im Rennen um eine Aufnahme ins olympische Programm.

Um all jene tausend Eindrücke zusammenzufassen, breche ich abschließend alle Absätze auf folgende Zeilen herunter. Erstens, die Stärke der Auswahl spiegelt zwar nicht das sportliche Niveau des gesamten deutschen Floorballs wider, kann, wird, soll, darf und muss ihm dennoch gut tun und offenbart Bedürfnisse und Baustellen in der Ausbildung der nächsten Generation. Zweitens, internationale Events sind der richtige Weg die Entwicklung in Deutschland voranzutreiben, müssen in Zukunft aber noch stärker die bundesweite Sportlerbreite erreichen und helfen, eine einheitliche Szene zu gestalten. Und Drittens, ich brauche Flugtickets nach Zürich.

Jan Kratochvil ist als Bundesligaspieler und ehemaliger Bundestrainer auch als Herausgeber des Floorballmagazins und regelmäßiger Floorball-Experte von Eurosport in der Welt des Lochballs unterwegs.

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8 Kommentare vorhandenKommentieren
  1. Sehr gut geschrieben und analysiert! Bin froh über eine sachliche Analyse und keine Höhenflüge trotz des sehr guten Abschneidens des Teams!

  2. Ergänzung: … trotz des guten Abschneiden des Teams und einer stets besser werdenden Organisation! ;o)

  3. Jan hat mal wieder es nicht besser ausdrücken können. Großes Lob aus Marburg. Ich würde mir nur bessere Livestreams wünschen. Mittlerweile ist es relativ leicht technisch so etwas umzusetzen.

  4. Hallo!
    Ich war am Samstag in Münster und fand es toll. Vor allem natürlich das Spiel D-Nor. Nicht nur die Jägermeisterquote der nebenan sitzenden Norweger war beachtlich, auch das Spiel und v. a. die Athmosphäre in der Halle. Die von mir mitgeschleppten Familienmitglieder sind nun ebenfalls vom Floorball-Virus infiziert. Derartige Events machen schon alleine deshalb Sinn.

    Zitat: “…geschweige denn Hobbyspieler mit Anhang in die Halle – und schon gar nicht aus weiter entfernten Bundesländern”
    <– Da würde mich mal interessieren, wie es zu dieser Feststellung kommt! Auf mich als Besucher des Events trifft diese Behauptung nicht zu.

    Zum Problem "Breitensport": Solange es sich ein Landesverband leisten kann auf wiederholte Email-Anfragen nicht zu antworten (wie ich es selbst erleben mußte), scheint man sich dort mit seiner handvoll Vereine genug zu sein. So kommt es zumindest bei mir an. Sicherlich betreiben die "Offizielen" ihre Arbeit im LV nebenher, nur muß man sich dann auch realistischere Ziele setzen als in den nächsten Jahren 5000 Neu-Aktive zu "aquirieren". Just my two cents…

  5. Kann mich nur anschließen !

  6. Ja, das ist halt eben schade, dass die Spitzenspieler die Leute eben nicht so ziehen, wie es eigentlich nötig wäre oder es in anderen Sportarten der Fall ist. In den Regionen wissen viele (nicht alle) eben nicht, was auf dem Topniveau abgeht und interessieren sich dann eben kaum bis gar nicht dafür, wie die Nationalmannschaft ihre Quali-Spiele bestreitet. Das ist schade. Da müsste man sie damit eben mehr konfrontieren, aber das ist eben nicht einfach.

    Ich habe mit meiner Freundin und zwei Mitspielern auch die lange Reise auf mich genommen und fand es grandios. Aber ich war auch enttäuscht, wie viele Leute aus meinem Umfeld (die sonst verrückt nach Unihockey sind) keinen Grund darin sahen überhaupt mitzukommen und dass aus meiner Regionalliga dann tatsächlich auch sonst niemand da war. Vereine oder unser Landesverband hatten auf die Veranstaltung auch nicht aufmerksam gemacht.

    Dabei war alles super organisiert. Insofern gebe ich dem Autor recht. Von der Masse an Spielern in Deutschland muss man zu so einem Spiel wie Norwegen, das entspannt am Samstagabend stattfindet ordentlich die Bude füllen. Zumal von den 700 Menschen vielleicht ein Drittel aus dem Ausland kam. Dafür müssten die Leute aber die Mannschaft und ihrer Spieler vielleicht besser kennen, ihnen irgendwie auch nacheifern wollen. Vielleicht muss sich diese Fankultur und eine Szene auch erst über Jahre hinweg entwickeln.

  7. was Videos oder “english” anspricht – hier könnten die beiden Portale Unihockeyportal und Floorballmagazin enger mit Floorball Deutschland arbeiten… während FG nach leidenschaftlichen Reporter-Volunteers sucht, akkreditieren sich die anderen als “private” Redaktionen.. Natürlich kann man dann die Volunteers leicht kritisieren…

  8. Cooler Kommentar!

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