„Abwendbares Schlamassel“

Viele Baustellen im Spielbetrieb ausgemacht - Lilienthal-Trainer Andreas Blankenstein. /Foto: Tim Fuhrmann

Am Samstag trat Lilienthal in einer denkwürdig überflüssigen Serie gegen Chemnitz an: Beide Teams spielten praktisch nur noch um die Ananas, sportlich ging es um nichts mehr. Im Interview mit dem Floorballmagazin lässt Lilienthal-Trainer Andreas Blankenstein die zwei Partien binnen fünf Stunden noch einmal Revue passieren und äußert Kritik an den Regeln des Spielbetriebs. „Hier gibt es eindeutig Handlungsbedarf“, so Blankenstein.

Floorballmagazin: Hallo Andreas, euer erstes Spiel gegen Chemnitz war 16 Uhr, das zweite 19 Uhr angesetzt. Wie kam es denn zu dieser Lösung?

Andreas Blankenstein: Chemnitz und wir hatten sich im Vorfeld ja eigentlich darauf geeinigt, die Spiele abzusagen. Die Begründung war, dass es erstens durch die zu frühe Meldung zum Aufstieg in die erste Bundesliga keinen sportlichen Wettbewerb mehr gab, zweitens keine Platzierungsspiele zwischen Dresden und Berlin stattfanden, drittens, dass beide Mannschaften erheblichen Spielermangel zu beklagen hatten und zuguterletzt viertens, dass die beiden kleinsten und am weitesten voneinander entfernten Vereine dafür rund 2.000 Euro Kosten zu stemmen hätten.

Wir hatten uns mehr Fingerspitzengefühl gewünscht.

In dieser besonderen Situation, insbesondere durch die Aufstockung der Liga auf zehn Teams, hatten wir uns mehr Fingerspitzengefühl vom Verband gewünscht. Leider hat dieser unserem Wunsch nicht entsprochen. Wir haben dann also innerhalb der Wettbewerbsregeln nach Möglichkeiten gesucht, die finanzielle und zeitliche Belastung der Vereine zu minimieren. Da es keine Regelung gibt, wie viel Zeit zwischen zwei Spielen liegen muss und zudem ein Verein auf das Heimrecht verzichten kann, haben sich wir uns mit den Floor Fighters schließlich darauf verständigt, Spiel eins und zwei an einem Tag durchzuführen. Das war auch mit der SBK abgesprochen.

An dem Doppelspieltag standen sich dann acht Chemnitzer und neun Lilienthaler Feldspieler gegenüber. Zudem hast  Du Deine Nummer eins Nils Hallerstede auf dem Feld statt im Tor eingesetzt…

Chemnitz ist mit acht Feldspielern plus Torhüter aufgelaufen. Um eine ähnliche Feldstärke zu haben, haben wir Nils Hallerstede, der aufgrund von Abschürfungen am Knie nicht ins Tor hätte gehen können, auf dem Feld eingesetzt. Da unsere Nummer zwei Ralf Hallerstede durch eine Fingerverletzung ebenfalls passen musste, kam unser dritter Torhüter Thorven Arjangui zu seinem zweiten Bundesliga‐Einsatz. Nils gehört aber zu jenen Torhütern, die auch gerne den Schläger in die Hand nehmen und so hat er eine feine Partie abgeliefert.

Wie ließe sich die Intensität und das Spielniveau der beiden Partien beschreiben?

Es waren sportliche Freundschaftsspiele ohne Strafen und körperlichen Einsatz. Das Spielniveau war angesichts der Vorgeschichte und Laune beider Teams kein gutes. In sehr lockerer Atmosphäre wurden die Spiele abgewickelt. Mir war es wichtig, dass sich niemand verletzt. Dieses Ziel haben wir erreicht und können nun in die Saisonpause gehen.

Generell: Wie beurteilst Du, dass Ihr die Serie spielen musstet?

Es gibt immer zwei Seiten: Natürlich ist es richtig, dass der Spielbetrieb aufrecht erhalten werden muss. Es gibt Regeln, die müssen eingehalten werden, sonst können wir uns auch in der Kneipe treffen und würfeln. Aber auf der anderen Seite gibt es auch besondere Ausnahmesituationen. Und diese war eine. Schon im Spiel eins gegen Berlin war bei meiner Mannschaft die Luft raus. Wir haben mit allerhand Tricks und Kniffen versucht, uns zu motivieren, aber es hat nichts gebracht. Im zweiten Spiel haben wir uns dann noch einmal aufrappeln können, weil es uns auch um den Respekt ging. Mit den Ausfällen von Marc Lubes, Dennis Heike und später Tobias Melde in Berlin fehlten uns drei wichtige Säulen unseres Spiels. Bei so einer unerfahrenen, jungen und vor allem kleinen Truppe wird es schwer, dann noch einmal alles zu mobilisieren, wenn der sportliche Reiz fehlt. Den Chemnitzern ist es den Ergebnissen gegen Dresden nach zu urteilen, ebenfalls schwer gefallen.

Wir stellen einen solchen Antrag ja nicht aus einer Sektlaune heraus.

Ihr hättet also gerne darauf verzichtet.

Es wäre in dieser einmaligen Situation schön gewesen, wenn unserem Antrag stattgegeben worden wäre. Wir stellen einen solchen Antrag ja nicht aus einer Sektlaune heraus, sondern aus sportlicher Notwendigkeit. Die Folgen der Spielansetzung waren eigentlich inakzeptabel: Ich finde es sportlich unverantwortlich, dass zwei Bundesligaspiele hintereinander ausgespielt werden können! Ebenso ist aus gesundheitlichen Gründen der Umstand zu hinterfragen, dass wir in Berlin um 19 Uhr am Samstag spielen und am Folgetag um 10:30 Uhr das nächste Spiel haben – das gilt natürlich auch für BAT. Wo ist da die Regenerationsphase, die nötig wäre, um Bundesliganiveau zu spielen? Genauso unsportlich empfinde ich Spiele, die sonntags um 16 Uhr ausgetragen werden, wenn es eine sechsstündige An­‐ und vor allem Abreise gibt und am nächsten Tag die Spieler zur Arbeit gehen sollen.

Gesundheitlich fragwürdig - Zweikampf zwischen Lilienthals Bothe (li.) und Berlins Piegert um 11 Uhr vormittags. Am Abend zuvor waren sich beide Teams schon einmal auf dem Feld begegnet. /Foto: Andreas Schulz

Siehst Du Handlungsbedarf?

Ich denke, dass es in den Regeln unseres Spielbetriebes noch einige Baustellen gibt, die für einen ernsthaften Sport- und Ligabetrieb behoben werden müssen. Hier gibt es eindeutig Rede­‐ und Handlungsbedarf. Wenn dies den zu entscheidenden Personen bekannt ist, dann kann man in einer solch einmaligen Situation Größe zeigen, ein Auge zu drücken und es in der Zukunft besser gestalten. In unserem Fall war im Vorfeld klar, dass wir uns nicht wehtun werden. 13 Gegentore im ersten Spiel gegen Chemnitz sind zwar in gewisser Weise schmerzhaft, aber es hat sich auch niemand gewehrt. Über das zweite Spiel will ich erst überhaupt nichts sagen. Für die Liga und unseren Sport waren diese beiden Spiele ein Schlamassel, das man hätte abwenden können. Ich bin für die Aufstockung und für eine eingleisige Bundesliga, aber wir müssen das besser organisieren. Von daher begrüße ich die Einladung der Teamverantwortlichen, zusammen mit der Ligaleitung eine reichhaltige Disskussionsrunde zu führen.

Wie viele Zuschauer haben sich eigentlich zu dem Doppelspieltag gegen Chemnitz verirrt?

Im ersten Spiel waren neun Zuschauer da, im zweiten zwei.

Kommentare

  1. „Wir haben dann also innerhalb der Wettbewerbsregeln nach Möglichkeiten gesucht, die finanzielle und zeitliche Belastung der Vereine zu minimieren.“

    „Ich finde es sportlich unverantwortlich, dass zwei Bundesligaspiele hintereinander ausgespielt werden können!“

    Genau das zeigt doch das Dilemma, in dem wir alle stecken: Nicht zuviele und nicht zu wenig Regeln. Am Schluss sind immer die Entscheider im Verband ohne Fingerspitzengefühl die Doofen. Hätten sie dem Antrag entsprochen, hätten die Betroffenen vom nächsten ähnlichen, aber abgelehnten Antrag laut „Willkür“ geschrien. Das ist Jahr für Jahr und Mal für Mal das Gleiche.

    Und wie hier http://www.floorballmagazin.de/2012/03/08/relegation-vorzeitig-entschieden/ schon erwähnt: Schlupflöcher im Regelwerk (= „Möglichkeiten innerhalb der Wettbewerbsregeln“) findet man immer. Im Notfall handelt man dann auch innerhalb dem Rahmen, den man schon selbst als „sportlich unverantwortlich“ hält …

    Bitte nicht angegriffen fühlen, ich hätte dem Antrag auch stattgegeben. Es geht mir nur darum, dass wir ein bisschen sensibler und nachsichtiger mit den Verbandsverantwortlichen umgehen und Verständnis für ihre und somit unsere eigenen Zwickmühlen haben, die wir allesamt nicht lösen durch Regeldiskussionen und Schuldzuweisungen.