Damen im Fegefeuer

Im Nordwesten tut sich das Großfeld schwer, dem Kleinfeld geht's besser. / Foto: Florian Büchting, unihockey-pics.de

Im Nordwesten tut sich das Großfeld schwer, dem Kleinfeld geht's besser. / Foto: Florian Büchting, unihockey-pics.de

Der bundesweite Damenbetrieb stagniert. Während 2011/12 die Bundesliga auf drei Teams schrumpfte, waren im Floorball Deutschland Cup elf Mannschaften unterwegs. Die Antwort auf die Frage, was nun 2012/13 und danach passieren soll, drifted ins Philosophische ab. Die Interessen von Breite und Spitze scheinen aneinander zu prallen.

„Nach einer Umfrage unter den Mannschaften wurde deutlich, dass sich zur kommenden Saison neben den beiden Teams aus Weißenfels und Grimma auch Teams aus Berlin, Köln und Heidenau/Chemnitz eine Teilnahme vorstellen könnten. Andere Mannschaften mussten mit großem Bedauern aller Anwesenden ihren Rückzug aus dem Großfeldspielbetrieb für die Saison 2012/13 ankündigen, darunter das ehemalige Bundesligateam aus Seebergen und das noch junge Team aus Mittelnkirchen. Andere Teams, wie zum Beispiel Bordesholm, sehen sich aktuell noch in der Aufbauphase und wollen vor allem die Basis stärken, um dann perspektivisch gesehen das Abenteuer Bundesliga angehen zu können,“ verkündete der Dachverband auf seiner Website.

Eine Frage des Anspruchs

Eine Telefonkonferenz hatte zuvor Einblicke in die Wünsche und Möglichkeiten beteiligter Vereine gegeben. „Wichtig war, dass die Konferenz in diesem Jahr sehr zeitig stattfand,“ schätzt Ralf Kühne, Teamchef der Wikinger Grimma. „Alle waren bemüht, eine Lösung zu finden. Aber wir drehen uns im Kreis, denn die Probleme können nur vor Ort gelöst werden. Es wird keine Problemlösung von Dritten möglich sein, beispielsweise vom Verband. Manche Argumente sind seit Jahren bekannt und werden immer wieder gebracht – ‚wir sind im Aufbau, es dauert deshalb noch etwas, wir haben kein Geld; der Druck ist so groß, wenn der Spielbetrieb Bundesliga heißt; die Mädels sind sehr engagiert, aber wie wollen nicht jedes Wochenende unterwegs sein‘ u.ä. Die Konferenz wird immer nur eine Zustandsbeschreibung des Elends bleiben.“

Entwicklerin Elke Scholz, wünscht sich mehr Behutsamkeit und prangert in einem Brief an unsere Redaktion an, dass der Norden „hinten runter fallen“ gelassen werde. „Die Spielgemeinschaft Bordesholm/Hamburg hätte sich zum Erhalt der Pokalrunde Nord/West auch getrennt. Man konnte die Pokalrunde der Damen auch mit einem kleinen Kader spielen. Aber der Pokal für die Damen, in seiner für die Entwicklung des Damen-Floorballs sehr wichtigen Form, ist nun schon wieder out. Wir brauchen die Entwicklung von der Basis her und müssen bei Frauen einfach einen Gang langsamer vorgehen, um zu einer Konsolidierung des Projektes zu gelangen. Man sollte das gesteckte Ziel nicht schon an dieser Stelle aus den Augen verlieren.“

Und genau hier scheinen unterschiedliche Ansprüche insbesondere zwischen Ost und Nord aber auch West und Süd aneinander zu stoßen. Scholz erklärt, Damen wollten in der jetzigen Phase in erster Linie Spaß. Der Gedanke an die ‚Leistung‘ musste bei vielen Spielerinnen erst geweckt werden. Aber das sei inzwischen auch okay. Wichtig wäre, dass der Rahmen für andere Aktivitäten im Damen-Leben auch noch gegeben bliebe. Die Anzahl der Spieltage müsse also überschaubar bleiben. Auch der Begriff „Bundesliga“ habe mit Sicherheit viele abgeschreckt.

Organisatorische Hürden

Kölns Trainer Daniel Mahnken bedauerte nach der Konferenz die fehlende Konkurrenz in der Region: „Durch den Rückzug der Mannschaften aus Seebergen und Mittelnkirchen gibt es im Westen nur noch drei Teams, die Großfeld spielen. Somit können wir den Spielbetrieb in Form des erfolgreichen Floorball Deutschland Cups nicht mehr aufrecht erhalten. Für mich macht es keinen Sinn, in einer Saison viermal oder noch öfter gegen den gleichen Gegner zu spielen.“ Doch man wisse was nun zu tun sei: „Wir müssen uns bewegen und auf die Vereine zugehen, die auch Großfeld spielen wollen. Das kann dann logischerweise nur ein bundesweiter, eingleisiger Wettbewerb sein. Ob der 1. Bundesliga, Damen Cup oder sonst wie heißt, ist mir egal – Hauptsache ist, dass meine Ladies spielen können.“

Doch im Laufe dieser Woche folgte ein unerwarteter Rückzieher Kölns: „Unsere Planungen haben wir auf Grundlage der bisherigen Praxis beim Floorball Deutschland Cup sowie des Konzeptes zum Ligaspielbetrieb vom 23.01.2012 vorgenommen,“ erklärt Mahnken. „Darin wird als Mindest-Schiedsrichterlizenz für neue Teams L1 oder L2 vorgeschlagen. Der von Stefan Erkelenz per eMail am 27.03.2012 kommunizierten RSK-Entscheidung, wonach alle Teams drei L1-Lizenzen vorweisen müssen, können wir zur kommenden Saison nicht nachkommen.“

Stefan Erkelenz, Ressortleiter Sport bei Floorball Deutschland, opponiert, dass man sämtlichen Teams bereits ein großes Stück entgegenkommen sei, aber: „Alle wollen immer in die Bundesliga und keiner möchte sich mit den Pflichten auseinandersetzen. Daher müssen wir die Teams verpflichten, sich um das Niveau der Schiedsrichter ihrer Ligen zu kümmern – das gilt sowohl bei den Damen als auch den Herren.“

Dilemma zweier Klassen

Auf die Frage welche Maßnahmen denn mittelfristig hilfreich wären, um einen bundesweiten Spielbetrieb schrittweise reifen zu lassen, wird das Dilemma der Situation offensichtlich. „Das Problem ist, dass wir momentan eine kleine Gruppe Spielerinnen haben, die auf einem anderen Niveau spielt, als der Rest in Deutschland. Diese kleine Gruppe spielt aufgeteilt in nur einer Handvoll Teams. Die Spielerinnen und die Teams müssen verstehen, dass die Situation, in der sie sich aktuell befinden, nicht überall in Deutschland von jetzt auf gleich zu ändern ist. Es braucht seine Zeit bis sich Teams formiert haben, bekanntlich im Damenbereich länger als bei den Herren,“ analysiert Erkelenz.

Vereine sollten versuchen alleine oder in einer SG am Großfeldspielbetrieb teilzunehmen, zumindest überhaupt damit zu beginnen. „Mal ein Turnier hier oder ein Testspiel da wäre ein guter Anfang. Der Nachwuchs muss bei allem ganz oben stehen. Ohne einen vernünftigen U16/U13-Unterbau bei den Damen sollte man sich nicht auf Abenteuer wie Bundesliga einlassen. Es muss um Nachhaltigkeit gehen, auch wenn das für viele zum momentanen Zeitpunkt schwer zu verstehen sein mag. Landesverbände und Dachverband werden sich gerade im Damenbereich zukünftig mehr austauschen müssen.“

Während es Mahnken nach kein Patentrezept gäbe, er sich bei Vereinen aber mehr Mut und Optimismus wünschen würde, schlägt Kühne diverse Maßnahmen vor, die den Damenbetrieb unterstützen sollten. Dabei handelt es sich (1) um einen Damenfond zur gezielten Unterstützung von Damenteams, die ihre Kosten für den Spielbetrieb selbst tragen müssen, der aus Lizenzgebühren aller Spielerinnen schöpfen würde, (2) die Zulassung von Regionalteams zur Bundesliga, jeweils ohne Spielerinnen die bereits in einer dortigen Mannschaft aktiv sind oder um (3) die Verpflichtung der Bundesliga-Teams der Herren zur Stellung von Damenteams im Spielbetrieb. (4) Außerdem müsse man den Posten eines Damenverantwortlichen im Vorstand des deutschen Dachverbandes schaffen und besetzen sowie auch (5) Höhepunkte wie eine Damen-Trophy in den Kategorien Erwachsene und U17 mit Teams aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, aus dem Norden, Westen und Süden ausrichten.

Scholz will auf Entschleunigung setzen: „Wir müssen das Tempo wieder herausnehmen. Strukturen zu schaffen, wo vorher keine waren ist immer schwierig. Die Einführung einer neuen Liga oder Klasse bedarf einer Konsolidierungsphase. Die wurde leider nicht eingehalten. Wenn man zu früh die Anforderungen an die Teams erhöht, werden es ganz schnell weniger. Also, wie viele Teams braucht man am Anfang, um eine stabile Struktur zu erhalten? Wie sichert man den Aufbau und den Übergang neuer Teams? Diese Grundsatzfragen müssen erörtert werden.“ Das aktuelle Cup-Modell sein ein guter Beginn. „Ich vergleiche die Pokalrunde der Damen mit der der Herren. Der Pokal wurde geschaffen, um neuen Teams zu helfen, die ersten Schritte auf dem Großfeld zu machen, die Entwicklung zu fördern und in die Breite – mehr Teams und mehr Regionen – zu wachsen. Wenn man das auch im Damen-Bereich will, muss man die Ausgestaltung des Pokals diesem Ziel unterordnen.“ Dieser fällt in seiner jetzigen Form aber weg.

Stand der Dinge

Sollte es gelingen, Köln doch in der Bundesliga-Planung halten zu können, steht Kühne nach das Gerüst für 2012/13 bereits. „Ich dachte wir waren uns einig, dass es eine Bundesliga mit 5 Teams geben wird, wobei eine Hin- und Rückrunde gespielt wird. Köln soll zweimal in den Osten reisen und an diesen Wochenenden jeweils zwei Spiele absolvieren. Ansonsten möglichst Einzelspieltage mit Spielzeiten von 3 x 20 Minuten. Der Pokal soll im K.O.-Modus ausgetragen werden und die besten vier Mannschaften reisen zum final4. Heimrecht hat immer das schwächere Team, wobei das Ranking von der SBK und Stefan Erkelenz erstellt werden soll.“ Man müsse nur vermeiden, dass Weißenfels und Grimma gleich in der ersten Pokalrunde aufeinandertreffen. Hinzu käme eine unverbindliche Challenge, damit auch Damenteams quer und ohne zeitlichen Druck einsteigen und testen können.

Diese Richtung bestätigt auch Erkelenz aus offizieller Verbandsseite: „Im Damenbereich soll es in der nächsten Saison zwei Bereiche geben. Die Bundesliga und den Pokal. Der Modus von Bundesliga und Pokal ist aber abhängig vom Teilnehmerfeld. Floorball Deutschland wird da so gut es geht und machbar ist den Wünschen der Teams entsprechen. Den bekannten Cup kann es in der kommenden Saison in seiner jetzigen Form leider nicht geben, da gerade im Nord/West einige Teams vorerst den Neuaufbau angehen müssen.“

Trotz der Tendenz bleibt das bestehende Arrangement unübersichtlich, ein bundesweites Modell, das die Entwicklung des Breiten- mit jener des Leistungssports koppeln würde, noch nicht erkennbar. Die divergierenden Interessen der Spitzenteams aus Weißenfels und Grimma mit den Entwickleransprüchen aus dem Nordwesten wirken trotz aller Kompromissbereitschaft noch unvereinbar. Entscheidend wäre Kühne nach das Engagement der Region, der Vereine und deren Verantwortlichen. Wenn der Dachverband etwas anschiebt, müsse dies auch in den Landesverbänden mit umgesetzt werden. Außerdem würde eine medial intensivere Begleitung der Damenkategorie für eine größere Aufmerksamkeit sorgen.

Kommentare

  1. Der Artikel zeigt, wie verzwickt die Lage ist. Die Region, wo man halt schon weiter ist will Programm und Anspruch für ihre ambitionierten Spielerinnen und zu diesem Zweck mögliche Gegner miteinbeziehen. Diese gibt es mit Ausnahmen aber einfach nicht und wenn man sie doch überredet und den Bogen überspannt, sind sie bald komplett weg.

    Vielleicht muss man sich aber vom Gedanken verabschieden, dass man in einem Wettbewerb beides unter den Hut bekommt und man muss es klar trennen. Dann braucht man eben weiterhin eine Bundesliga oder Challenge oder wie man es nennen will, die WSF, Grimma oder Köln auslastet und einen reinen „Anfängerwettbewerb“, der nach den Wünschen der Kleinen gestaltet wird und an dem die Großen „mitmachen“ dürfen. So wie es eigentlich jetzt der Fall war, aber ohne den Druck, dass man die Kleinen dabei auf irgendeine Bundesliga vorbereiten wolle. Dabei soll man ruhig regional staffeln, aber ich denke, das ist auf dem Großfeld noch nicht wirklich möglich. Der Wandel von Klein- zu Großfeld ist deshalb auch entscheidend.

    Jedenfalls ist es wichtig, dass diese Maßnahmen vom Verband auch klar kommuniziert und erklärt werden und man einen langfristigen roten Faden sieht, der klare Prioritäten setzt aber auch flexibel auf Änderungen eingeht. Der Cup war ja ein hervorragender Anfang. Und vielleicht muss man auch schauen, dass man organisatorisch etwas Raum lässt. Geld ist wohl nicht wirklich das Problem, aber sollte eine Teilnahme Kölns am Schirikontingent scheitern, dann wäre irgendetwas schief gelaufen – wohl auf beiden Seiten. Schließlich hat Köln doch eine recht große Abteilung, da sollte es doch möglich sein, wenn rechtzeitig kommuniziert, entsprechende Schiris auszubilden – und von guten Schiris gibt es nie genug.

  2. Ich gebe Casper total recht (bzgl. den ersten beiden Absätzen). Manchmal denke ich auch, dass man in der Damensparte in einem Jahr das gleiche Ergebnis schaffen will wie in der Männersparte in über 15/20 Jahren. Daher ist dies „Es muss um Nachhaltigkeit gehen, auch wenn das für viele zum momentanen Zeitpunkt schwer zu verstehen sein mag. “ die zentrale Aussage für mich. Was bringt es jetzt etwas durchzuprügeln, was in einem Jahr wieder in die Hose geht? Auf der anderen Seite habe ich persönlich das Gefühl, dass schon mehr Frauen auch engagiert Floorball spielen wollen. Beim UC Marburger Elche spielen drei Frauen in der Hessenliga mit und würden auch gerne GF spielen bzw. tendenziell viel mehr spielen wollen, weshalb sie überlegt haben nach Berkersheim zu fahren. Selber bekommen wir auch noch nicht genug Damen für eine Mannschaft zusammen. (auch wenn es nur KF wäre) Aber wir gehen immer wieder gerne auf interessierte Damen im Hochschulsport, bei Freunden, etc. drauf zu und wollen sie animieren dazu Floorball zu spielen. Dabei ist es jedoch auch sinnlos sie ein paar Mal ins Training zu locken und dann mit irgendwelchen Anforderungen zu überhaufen. Spielerinnen, welche erstmal Spaß am Sport haben, werden irgendwann mehr wollen.(gerade bei Kinder und Jugendlichen ist dies noch mehr der Fall). Ich finde es schade bzgl. auch dessen, dass alles schlecht ist. Bspw. richtet dieses Jahr SV Floorball Butzbach 2004 e.V. ein Damenturnier aus. Dies sind die kleinen Schritte in der großen Frauenfloorballwelt, welchen man auch Beachtung schenken sollte. Ob Änderungen im Verband (bzgl. eignen Frauenbeauftragten) oder eine finanzieller Topf (bei eh klammen Kassen) eine Verbesserung der Lage bringen, mag ich nicht beurteilen. Aber auch dies können kleine Schritte sein. Grüße vom Schreibtisch aus MR

  3. … und wieder wird von oben nach unten gedacht.

    … und wieder diskutieren fast nur Männer über die Themen der Frauen.

    … und wieder diskutiert man über Strukturen für eine nicht vorhandene Masse (max. 100 interessierte Frauen).

    Solange es nicht ganz konkret Menschen (insbesondere die Spielerinnen selber) gibt, welche neue Vereine anschieben, mit neuen Spielerinnen und regional wachsenden Vergleichswettbewerben finde ich persönlich jede weitere Diskussion über Strukturen, Frauenbeauftragte, finanzielle Investitionen, etc. irgendwie doch ein wenig unangebracht. Jährlich werden doch mindestens 10.000 EUR in die Damennationalmannschaften investiert, warum nicht in Teilzeit-Mitarbeiter (ev. selbständige Basis) als regionale Entwicklungsteams? Ich verstehe es einfach nicht…