Solide ist nicht genug

Das final4 in Hamburg bot eine solide Erfahrung, konnte sein Potenzial aber nicht voll ausschöpfen. Schade für ein Konzept, das wortwörtlich Schule machen könnte. Ein Kommentar von Redakteur Jan Kratochvil.

Obwohl das Konzept der Veranstaltung mehr als schlüssig ist, wirkt die Bilanz nach fünf Jahren final4 zumindest etwas ernüchternd. Nach einem schleppenden Auftakt in Magdeburg erlebte der Pokal 2009 und 2010 im Ambiente der Ernst-Grube-Halle in Leipzig seinen vorläufigen Höhepunkt, um 2011 in Ingolstadt wieder abzuschwingen und dieses Jahr in Hamburg zumindest zu bestehen. Das Ziel, zu einer regelmäßigen Muss-Veranstaltung der Szene zu wachsen, die Floorballer aus allen Ecken der Bundesrepublik einherpilgern lässt, hat man noch nicht erreicht.

Aus sportlicher Sicht war Hamburg ein solides Unterfangen. Die Mannschaften trotzten dem unangenehm schwülwarmen Klima in der Halle. Der deutliche Sieg der heimischen SG Bordesholm/Hamburg gegen Pokal-Verteidiger Grimma sowie der Kraftakt der Aufsteiger aus Bremen gegen den Vize-Meister aus Wernigerode sorgten für gute Unterhaltung. Auch aufgrund der kritischen Einstellung der Vereine gegenüber dem späten Termin der Veranstaltung (wegen der EC-Quali im vergangenen Sommer war Wernigerode beispielsweise praktisch ein Jahr am Stück im Spielbetriebs-Modus) hielt sich die Begeisterung der Aktiven dennoch spürbar in Grenzen.

Als solide lässt sich im Grunde auch die Organisation des Events beschreiben. Das Engagement und die Flexibilität der Ausrichter und Helfer waren beeindruckend und ließen sich an zahlreichen Kleinigkeiten festhalten, wie etwa der unverkrampften Spielplan-Anpassung während der Übertragung des Champions-League-Finals, das außerdem als Public-Viewing-Aktion im Hallenfoyer organisiert wurde. Es gab aber auch zahlreiche andere Details, die den Eindruck hingegen trübten. Die mutmaßlich professionelle Moderatorin etwa, die sich als externe Kraft einen Fauxpas nach dem anderen leistete (der UHC wurde rasch zum ETV und zu gewinnen gab es einen „Unihoc Infinity Floorball-Schläger… was auch immer das sein mag“) und, besser später als nie, zumindest vom Endspiel verbannt wurde.

Die Medienresonanz war akzeptabel und solide sollen auch die Zuschauerzahlen beim ersten Floorball-Großevent im Norden gewesen sein. Dann müsse sich der Anspruch der Verantwortlichen aber tatsächlich in Grenzen gehalten haben. Den atmosphärischen Höhepunkt gab es beim Halbfinalauftritt der lokalen SG-Damen. Das Herrenfinale verfolgten knapp 400 Zuschauer. Das ist zu wenig. Nicht einmal ansatzweise kam man an die Kulisse der Bundesliga-Endspiele heran. Im Finale wurden die Zuschauerränge praktisch ausschließlich durch Anhänger von Wernigerode oder Weißenfels sowie durch einige zuvor im Talentepokal aktive Nachwuchsler und deren Betreuer gefüllt. Interessierte Floorballer aus anderen Bundesländern, ja sogar aus der eigenen Region, geschweige denn externes Publikum waren zwar da, blieben aber Mangelware. Trotz Bundesliga-Revanche, trotz Großstadt-Flair. Aber warum eigentlich?

Diese Frage können der Verband als Veranstalter und der Verein als Ausrichter nicht alleine beantworten. Sie brauchen eine konstruktive Feedbackkultur. Nur dann wird die Veranstaltung tatsächlich langfristig ihre Rolle als kostbares Promo-Event erfüllen können – ähnlich wie das Cupfinale in der Schweiz oder die Superfinals in Schweden und Tschechien. Diese Modelle lassen sich zwar nicht 1:1 auf Deutschland übertragen, doch die Logik ist dieselbe: Ein Event schaffen, dass klar terminiert ist, deshalb effektiv organisiert werden kann und Medien sowie Zuschauer anzieht. Das tut das aktuelle final4 aber nicht. Doch wie gilt es, das bestehende Angebot zu verbessern?

Das nächtliche Partyturnier beispielsweise ist zwar gut gemeint und darf auch weiterhin bestehen bleiben, solange es aber nicht von einem attraktiven Alternativprogramm umrahmt wird, das ein einstündiges Warten um 2 Uhr nachts erträglich macht, kann es nur jene befriedigen, die sonst eher selten Gelegenheit zum Zocken haben. Auch die Veranstaltung von Workshops oder Lehrgängen ist, selbst wenn sie nicht den glamourösesten Part darstellt, ein unverzichtbares Herzstück des Events und sollte nicht nur vom Verband aggressiver gestreut, sondern auch von den Vereinen interessierter angenommen werden. Kurse, die insbesondere junge Vereine bei der Graswurzelarbeit der Sportartverbreitung, Akquise von Fördermitteln oder bei grundlegenden Aufgaben der Vermarktung unterstützen, wurden bereits vom Verband veranstaltet, diesmal auch geplant, aufgrund begrenzten Interesses aber wieder abgesagt. Dennoch müssen gerade solche Themen im Workshop-Programm des final4 fest verankert und intensiv an Mann und Frau gebracht werden.

Und was alles lässt sich über das Altbewährte hinaus mitaufnehmen – ohne die Kapazitäten eines ehrenamtlichen und unterbesetzten Dachverbandes und lokalen Vereins zu sprengen? Es sind häufig die kleinen Gimmicks: Ein Speedshooting-Contest für Kids, eine Bar neben dem Partyspielfeld, eine überraschende Choreographie beim Einlauf und viele weitere Details, die über das Sportliche hinaus Besuchern das Gefühl geben, hier werde ich betreut, hier hat man sich etwas für mich ausgedacht, hierher komme ich wieder.

Die Präsentation neuer Kollektionen interessierter Marken bewies sich beispielsweise beim Champions Cup oder an beiden Superfinals als besonderer Besuchermagnet. Wie auf einer Messe begutachtete Klein und Groß die neuen Produkte, mit denen man in Kürze spielen könnte. Dies ist aufgrund der Markenexklusivität der Verbandes zwar vorerst keine Option, doch zumindest Ausrüster Unihoc könnte seine neuen Produkte schmackhaft ausstellen und mit seinem professionellen Glanz die Darstellung der Sportart aufwerten. Doch man verschmähte diese Chance. Und dass sich der vorhandene Material-Stand um einiges spannender, einladender und lebhafter gestalten ließe, als es dieses Jahr im dunklen Garderobenbereich der Fall war, steht außer Frage.

Zentral bleibt vor allem die Ansprache der Breite und des Nachwuchses. Am Talentepokal lässt sich wenig monieren, bei den Teilnehmern herrscht überwiegend Zufriedenheit. Doch handelt es sich dabei meist um bereits etablierte Vereine. Die Austragung des regionalen Schulcups oder bei entsprechender Umplanung auch des Bundesfinales könnte jene junge Öffentlichkeit ansprechen, die es noch langfristig von der Sportart zu überzeugen gilt. Es bietet sich aber auch an, über ein Modell nachzudenken, dass beispielsweise einen Teil des Kleinfeld-Betriebs, vielleicht sogar in seiner DM-Phase, integrieren lässt, wie es in der Schweiz der Fall ist. Entweder ausschließlich in einer begleitenden Zweithalle oder anderweitig über Finalspiele in der Haupthalle.

Aber auch die Spitze darf persönlicher angesprochen werden. Die Blade Awards, die sich vor einigen Jahren bemühten, etwas Glamour in die Szene zu tragen und die erfolgreichsten Aktiven zu küren, kamen damals mit Sicherheit zu früh und würden vermutlich auch heute den Bogen noch überspannen. Dennoch ließe sich am Samstagabend eine Gelegenheit finden, in entspannter Atmosphäre eine nüchterne Veranstaltung auszurichten, die Entwickler der Szene zusammenbringen und das Netzwerken erleichtern würde. Eine Ehrung der besten Spieler der Saison könnte für eine entsprechende Umrahmung sorgen.

Wie gesagt stehen aber nicht nur der Dachverband als Veranstalter oder der lokale Partner als Ausrichter in der Pflicht einen Schritt nach vorne zu machen – auch die Vereine selber, egal ob direkt beteiligt oder nicht, sollten die Chance nutzen ihre Mitglieder mit der Szene identifizieren zu lassen und mit ihrer Teilhabe auch die öffentliche Wirkung der Veranstaltung zu stärken. Soll sich Floorball Deutschland gegenüber bestehenden und potenziellen Sponsoren gut verkaufen können, sollen regionale und überregionale Medien auf unsere Sportart aufmerksam gemacht werden und soll das Event über eine einmalige Atmosphäre tatsächlich zum Höhepunkt der Saison avancieren, ist die Bereitschaft der Vereine gefragt, ein entsprechendes Angebot nachzufragen und anzunehmen. Der Verband ist bemüht, braucht aber Input. Was muss getan werden, damit Ihr eure Jugendspieler in den Reisebus packt und zum final4 aufbrecht? Was wäre ein Grund, 200, 300, vielleicht auch 400 km zu bewältigen, um an der Veranstaltung teilzunehmen?

Die bisherigen Erfahrungen gilt es nun zu sortieren und zu evaluieren, mögliche neue Ideen zu konkretisieren, zu kürzen, zu erweitern und auf ihre Umsetzbarkeit zu prüfen. Fest steht aber, dass das final4 das richtige Konzept fürs deutsche Floorball ist, es aber einen Weg vom obligatorischen Lokaltermin zum allseits populären und wirkungsstarken Event finden muss. 2013 wird das final4 in Chemnitz stattfinden. Selbst ohne jegliche Veränderung, alleine durch den günstigeren Termin Anfang März oder die attraktiveren Räumlichkeiten der Richard-Hartmann-Halle lässt sich absehen, dass die Veranstaltung erfolgreicher sein wird als jene in diesem Jahr. Über den Bedarf einer Optimierung des final4-Konzeptes darf dies dann aber nicht hinwegtäuschen. Denn möchte man gegen die Hallensport-Konkurrenz bestehen, ist solide leider nicht genug.

Jan Kratochvil ist als Bundesligaspieler und ehemaliger Bundestrainer auch als Herausgeber des Floorballmagazins und regelmäßiger Floorball-Experte von Eurosport in der Welt des Lochballs unterwegs.

Kommentare

  1. Ich wäre für einen festen Zeitpunkt und auch einen festen Standort für das final4 im Allgemeinem, denn so könnte man das gesammte Konzept nach und nach aufbauen, verbessern und eine feste Grundlage für die Zukunft schaffen!

  2. Fester Zeitpunkt ja, fester Standort nein !!
    Grade mit diesen Veranstalltungne können wir Floorball in anderen Regionen voran bringen.
    Wir müssen an unsere Entwicklung in allen Regionen denken.

  3. Ich persönlich bin nicht nach Hamburg gefahren, da das final4 an einem langen Wochenende statt fand. Dieses nutze ich im Frühling/Sommer dann doch ganz gern anders. Wüsste gern ob der Termin so gewollt war.

  4. Ich persönlich bin gerade wegen des langen Wochenendes nach Hamburg gefahren (schon am Freitagmorgen) und habe die Zeit genutzt, mir die Stadt anzuschauen. Insofern gibt es also auch den umgekehrten Fall.

    Jans Kommentar halte ich für sehr gut gelungen, ohne Abstriche. Und über die Moderatorin rege ich mich heute noch auf, zumal das Ganze ja vermutlich Geld gekostet haben dürfte. Hoffentlich wird die gute Frau nicht im nächsten Jahr bei der U19-WM zum Einsatz kommen, wie man aus einer ihrer Bemerkungen heraushören konnte. Auch wenn sie sonst eine geübte Moderatorin sein mag, für den Job, ein Floorball-Event zu kommentieren, gar eine Weltmeisterschaft, hat sie sich meiner Meinung nach durch ihr Auftreten eindeutig disqualifiziert.

  5. Guter Artikel!
    Aber die Moderatorin war wirklich schrecklich…absolut keine Ahnung hatte diese Frau…wie kann man denn da auch jemanden hinstellen der 2 Tage zuvor zum ersten Mal das Wort Floorball gehört hat…

  6. Komme noch mit einem Kommentar – jetzt nur eins:
    NICHT AUFGEBEN, sondern kontinuierlich die Floorball-Begeisterung in Deutschland aufbauen,
    breit – in den Schulen, Vereinen und Regionen
    hochqualitativ – mit verbesserter Trainingsarbeit, Kontakt zu (und keine Angst vor …) und Lernen von den (noch) GROSSEN Vier FIN,SWE,CH,CZ !!!
    UND ZIELEN, z.B. Olympia 2020 und dabei Angriff auf die TOP 6 😉

  7. Mit etwas Intelligenz und etwas Vorarbeit, wäre aus ETV Hamb.. oh sorry ETV Weißenfels, gleich der FC Weißenfels geworden 😉

  8. Aber „Herr Kratoffel“ war auch nicht schlecht, aber ich glaube, das war nicht die Dame, die da ein Problem mit dem Namen hatte?!

  9. Toller gut geschriebener Beitrag… sicher waren die räumlichen Bedingungen in Hamburg nicht die besten, weder für die Aktiven, noch für die neben dem „Platz“… aber schon auf dem Weg zu Halle, quer durch HH, haben wir uns gefragt, wie jemand, der nicht „floorballverrückt“ ist, auf die Idee kommen soll, dort hin zu gehen… Beim erstmaligen Vorbeifahren an der Halle, hätten wir nicht wirklich ein sportliches „Großevent“ vermutet… naja, sicher schwierig, aber ein wenig mehr um die Halle hätte sein können… Zur Moderatorentante ist genug gesagt… ich denke, die weiß selbst, was sie dort für irre Böcke geschossen hat… aber ein wenig mehr Vorbereitung darf schon sein… (versuch ich auch bei jedem Buli-Spiel :-))

  10. Einen fixen Termin anzupeilen fände ich auch ziemlich hilfreich, weil sich einfach jeder einprägen kann, wann dieses Großereignis wieder stattfinden wird.
    Einen festen Ort wie zB beim DFB-Pokalfinale in Berlin halte ich nicht für hilfreich, da wir Floorballer wirklich noch eine Szene sind und nicht fest in der Bevölkerung etabliert, als dass wir sowas machen könnten.
    In meinen Augen als Jugendtrainer sehe ich hier auch einen großen Ansatzpunkt: den Nachwuchs in die Halle zu bekommen.
    Wie geht das?
    Ich denke mit kleinen „Gimmicks“ ist man gar nicht so weit weg von der Faszination, die man erzeugen will.
    Da darf das Final4 dann auch gerne schon einen Tag früher losgehen, sprich Freitag ist für die Fans und Zuschauer Ankunft angesagt, allerdings ist die nicht programmlos. Dass das auch mit mehr Aufwand verbunden ist keine Frage, mit der (durchaus begrenzten) Zahl an Volunteers in diesem Jahr wäre das wohl nicht möglich gewesen. Ich war selber als Helfer vor Ort und habe oft gehört, dass hier und da noch Leute gefehlt haben.
    Die Tatsache, dass auch das Lokalfernsehen(Hamburg1) über unseren Sport berichtet hat, habe ich sehr positiv aufgenommen, der Weg zu mehr Medienpräsenz muss aber weiter im Auge behalten werden.
    Hier ist jeder Verein gefragt, der an die Nachrichtenblätter Artikel schreibt (hier auf der Kieler Ecke passiert das des Öfteren, NWB als 2.Ligist, Kiel und Gettorf bringen ab und zu Berichte zu den Tageszeitungen, welche dann über uns berichten.) Wenn das konstant betrieben wird, wäre es denkbar, dass die Medien irgendwann von sich aus ein Interessse an unserem Sport entwickeln, weil ihnen ohne den Floorball immer was im Sportteil fehlt.

    Ansonsten: guter Artikel

  11. Jan! Mal wieder alles auf den Punkt. Für das final4 war es ein solides Ding, dass noch wachsen darf. In Chemnitz im März? wird es sicherlich eine andere Hausnummer. Aber für Hamburg, war das Event ein Meilenstein auf dem Weg zur U19 WM im nächsten Jahr. Gerade um gewissen Dinge zu testen und die Ehrenamtlichen einzuspielen. Das final4 hatte also sozusagen Testcharakter und stellte den Auftakt für ein spannendes Jahr in der Hansestadt da. Und dafür war das sehr, sehr gelungen.