Gute Trainer, schlechte Trainer

Unterschiedliche Trainermentalitäten – Coach Jeffi schickt sofort den Physio, Coach Ludwig richtet erstmal die Bande. /Foto: Rudolf Schuba, floorball-europe.com

Feldwebel oder bester Freund? Verbessert sich ein Floorballspieler eher durch militärischen Drill oder durch Streicheleinheiten? Trainingsblogger Marco Galle dröselt diese Grundsatzfragen von hinten auf und fragt sich: Was macht einen schlechten Trainer aus? Galles Analyseinstrument: Feldbeobachtungen bei Ludwig und Jeffi.

Was charakterisiert einen guten Trainer? – Für mich ist es DIE legendäre Frage im Trainerbusiness, oft diskutiert und nie beantwortet. In Lehrgängen oder in Interviews von erfahrenen Trainern höre ich immer wieder unterschiedliche und teils widersprechende Meinungen. Ich will hier keinen Frontalangriff an dieses waghalsige Thema starten und euch nicht mit positiven Eigenschaften unterhalten. Ich nutze lieber eine Hintertür, drehe den Spiess einmal um und frage: Was macht einen schlechten Trainer aus?

Das klingt doch schon viel einfacher – oder?

Wie auch immer. Der erste Teil dieser Beitragsreihe handelt von allgemeinen Infos über zwei Trainertypen.

I. Die zwei Trainertypen und ihre Einstellung

Während meiner Überlegungen auf eine gescheite Antwort sind mir zwei Trainertypen eingefallen. Der erste heisst Jeffi. Er ist ein Überlebender der 68´er Bewegung und scheint dieser Zeit immer noch nachzueifern. Sein Motto ist 100 Prozent laissez-faire. Alle seine Handlungen beruhen auf spontanen und willkürlichen Aktionen. Jeffi plant nichts und reagiert nur. Er fühlt sich seinen Spieler unheimlich stark verbunden und betont in jedem zweiten Satz, wie gern und lieb er doch alle hat.

Jeffis Gegenspieler ist Ludwig. Ein extremer überakkurater Mensch: Sekundengenaue Planung, akribische Anweisungen und einen knallharten Führungsstil zeichnen ihn aus. In geheimen Gesprächen mit seinen Spielern erfuhr ich, dass er hinter vorgehaltener Hand „Bulle“ genannt wird. Nach meiner Meinung passt der weniger spektakuläre „allgegenwärtige Kontrolleur“ besser.

II. Das Playbook

Als ich Jeffi nach einem Playbook fragte, machte er grosse Augen. Nach kleinen Erklärungsversuchen meinerseits wusste er endlich, was ich meinte, und kramte ein vergilbtes und zerknittertes Buch aus den 80ern heraus. Das zerknautschte Etwas entpuppte sich als ein Liederbuch für Gitarrenmusik. Bevorzugt für Lagerfeuer-Aktion. Jeffi meinte, Noten seien wie Spielzüge. „Sie verändern sich ständig.“

Ludwigs Playbook entpuppte sich als Floorballwälzer. Über 300 A4-Seiten fasste das Werk. Nichts fehlte: Teamregeln (geschätzte Anzahl: 352), Spielzüge für jede Spielsituation (geschätzte Anzahl: 519), Trainings- und Spieltermine sowie eine Ernährungstabelle mit folgenden Befehl: Alle Spieler müssen ihre eingenommenen Nahrungsmittel protokollieren und ihre Kalorienaufnahme dokumentieren. Per SMS erhält Ludwig jeden Abend die Angaben jedes Spielers. Für ihn selbstverständlich. Er weiss alles über seine Spieler: Von deren Liebesgewohnheiten bis hin zum Stuhlgang. Einfach alles!

III. Die Bande

Typisch Jeffi – In seinem Staff gibt es gleich zehn Physios. Sie sind ständig im Einsatz und rennen schon los, wenn ein Spieler in die Nähe der Bande gerät. Kommt ein Spieler mal zwischen die Fronten seiner Gegenspieler und fliegt in hohen Bogen über die Bande, geht in Jeffis Trainingshalle die Post ab. Alle Trainierenden, Jeffi natürlich in der vordersten Reihe, rennen sofort zu dem Spieler und fragen nicht nur, ob es ihm gut gehe. Nein, sie betätscheln ihn von oben bis unten und lassen keine Gelegenheit aus, ihn zu bemitleiden und ihr Beileid auszusprechen.

Der extrem strenge Ludwig dagegen schert sich nicht um einen Spieler, der die Bande touchiert und drüber rollt. Ihm liegt die rechtwinklige Ausrichtung der Bande mehr am Herzen, als das Leiden seiner Spieler. Für ihn steht und fällt alles mit dem 90 Grad Winkel. Selbst bei seinem Anzug (mit Schlips und Kragen) habe ich das Gefühl, dass hier ein Profischneider am Werk war. So viele rechte Winkel in einem Stoff habe ich noch nie gesehen.

 

Fortsetzung folgt. Im nächsten Beitrag zu Jeffi und Ludwig geht es um die Trainingsorte.

 

Marco Galle ist als Floorballspieler und -trainer in der Schweiz aktiv, spielte dort u.a. bei GC Zürich. Der gebürtige Sachse (stammt aus Hoyerswerda) studiert in Zürich Erziehungswissenschaften und Psychologie. Weil ihm der trainingswissenschaftliche Aspekt im Floorball nicht ausreichend abgedeckt schien, startete er im Mai 2011 das Projekt Unihockeyuebung.blogsport.de, ein Blog rund ums Floorballtraining. Inzwischen hat er auch ein Buch zu diesem Thema geschrieben. Als „Trainingsblogger“ veröffentlicht Galle regelmäßig Beiträge im Floorballmagazin.