Auf der Suche nach dem heiligen Gral

Ob der neue Bundesligamodus ab 2013 der Entwicklung der Damenkategorie hilft oder nur ein Symptom bekämpft, wird sich erst zeigen. / Foto: unihockey-pics.de, Florian Büchting

Ob der neue Bundesligamodus ab 2013 der Entwicklung der Damenkategorie hilft oder nur ein Symptom bekämpft, wird sich erst zeigen. / Foto: unihockey-pics.de, Florian Büchting

Das Trainingslager der Damen-Nationalmannschaft in Köln wurde mangels Beteiligung abgesagt. Der Versuch einer Spurensuche im Damen-Floorball von Florian Büchting.

An sich waren die Vorzeichen für dieses Wochenende aus Sicht der deutschen Floorball-Damen sehr rosig: zum Trainingslager der Nationalmannschaft wurden 45 Spielerinnen aufgeboten, so dass ein bunter Mix aus erfahrenen Kräften und neuen Talenten entweder die ersten Schritte in Richtung Leistungssport machen konnte oder eben sich auf den sportlichen Weg zur Damen-WM 2013 in Tschechien machen durfte. Doch wer in den nächsten Tagen einen verstohlenen Blick in die Sporthalle des ASV Köln wagt, wird bitterlich enttäuscht sein: das Trainingslager wurde abgesagt… musste abgesagt werden.

70% war die Zahl, die das Lager platzen ließ. So musste die Entscheidung einfach derart ausfallen, dass die organisatorischen und logistischen Aufwände nicht mehr gerechtfertigt waren. Sicherlich, der Termin liegt in den Schulferien von mehreren Bundesländern, trotzdem ist Stefan Erkelenz, Ressortleiter Sport beim nationalen Verband, etwas ratlos: „Eine wirklich schlüssige Erklärung habe ich nicht, das Lager war lange vorher bekannt. Sicherlich sind Ferien, aber eigentlich dachte ich, dass die Nationalmannschaft einen gewissen Stellenwert bei den Spielerinnen besitzt. Scheinbar ist für viele die Berufung in den Kader mehr Last als Lob“.

Die Absage eines einzelnen Trainingslagers wäre keineswegs Begründung genug, einen längeren Artikel darüber zu verfassen. Doch es scheint mehr dahinter zu stecken – die deutsche Krise Damen-Floorball scheint eine Motivationskrise zu sein. Man kann über die eine oder andere Maßnahme des Verbands vielleicht streiten, aber unter dem Strich muss man doch attestieren, dass vieles versucht wird, auch bei den Frauen den Aufschwung zu schaffen.

Beispielsweise der „Floorball Deutschland Cup“ im Vorjahr: Was Schiedsrichter-Kontingente, Modus und Spielzeit anging, orientierte man sich im Reglement sicherlich an der Schmerzgrenze – dass nach einem überzeugenden Einstand mit elf Teams in der Premierensaison es in der Saison 2012/13 keine Wiederholung gibt, ist der Tatsache geschuldet, dass zu wenig Teams erneutes Interesse bewiesen. Offenbar war auch diese flach eingestellte Hürde noch zu hoch, um einen nationalen Großfeld-Wettbewerb in der Breite zu etablieren.

Hierbei drängt sich das Thema „Motivation“ geradezu auf. Haben zu wenig Frauen Lust, ihren Sport zu entwickeln und dafür zu investieren? Erkelenz sieht das etwas differenzierter, „Ich glaube schon, dass wir Sportlerinnen haben, welche 24/7 für diesen Sport leben. Aber davon gibt es in vielen Vereinen nur eine bis zwei und der Rest spielt, um Spaß zu haben. Das ist sicherlich im Ansatz nichts schlechtes, aber so ist es natürlich für die mit Ambitionen umso schwieriger, nach mehr streben zu können.“.

Die möglichen Wege, den Sport über die Breite zu entwickeln und auch bei den Damen am Floorball-Aufschwung teilhaben zu lassen, sind bald erschöpft, auch ein kontrollierter Schritt zurück erscheint nicht sinnvoll. Auf die Frage, ob man vielleicht – nach niederländischem Vorbild – einen nationalen Kleinfeld-Spielbetrieb zunächst etablieren solle, ist Erkelenz doch eher skeptisch, „Ich bin mir nicht sicher, ob uns das wirklich hilft. In Niedersachsen bricht der Kleinfeldspielbetrieb zusammen, Hamburg und Bremen spielen zukünftig in Schleswig-Holstein mit. Wenn es keine Spielerinnen gibt, gibt es keine Teams, auch wenn man vielleicht weniger Spielerinnen braucht, ist das unerheblich ob auf Kleinfeld oder Großfeld“.

So sind die Hoffnungen im Bezug auf den Damenspielbetrieb der nächsten Saisons eher bescheiden. „Ich denke es wäre ein großer Schritt, wenn alle Teams aus der Saison 12/13 auch in der Saison 13/14 noch dabei sind und es vielleicht noch das ein oder andere Team mehr wird“, antwortet Erkelenz auf diese Frage und spielt damit auf die große Fluktuation der Teams an, die man nicht erst in den letzten Jahren beobachten könnte. Der einzige Ausweg bleibt die Breite: „Jedes Team veranstaltet einen Girls-Day zu seinem Heimspieltag. Wenn dann noch in dieser Saison Mädchenmannschaften (U13, Anm. d. Red.) gegründet werden, dann ist endlich Nachhaltigkeit zu erkennen, das wäre super. Um wirklich die Breite zu erreichen, müssen wir in die Schulen“. Der heilige Gral scheint die Jugend zu sein, ein tiefes Tal für die nächsten Jahre vielleicht dadurch unausweichlich. Dass die U19-Nationalmannschaft der Damen nicht an der nächsten Weltmeisterschaft teilnehmen wird, ist hier – leider – nur folgerichtig.

Zurück nach Köln. Die Leidtragenden sind natürlich die Mädchen und Damen, für die das Trainingslager bis zum letzten Wochenende mit Vorfreude im Kalender markiert war. Die Absage trifft sie nicht nur emotional und hemmt die sportliche Entwicklung, sondern schmerzt eventuell auch finanziell. Wie bei Svenja Zell – die deutsche Nationaltorhüterin wäre für das Trainingslager aus der Schweiz angereist. Ihr Flug in die Domstadt kann nun entweder touristisch genutzt werden oder verfällt zugunsten des Anbieters.

Der Sport muss aufpassen, dass solche Spielerinnen nicht demotiviert werden und dass Absagen wie diese nicht zu einer negativen Außendarstellung führen. Die hohe Zahl von Absagen schadet vorrangig nicht der Entwicklung der einzelnen Spielerin, sondern der Entwicklung des gesamten Sports im Damenbereich – und damit auch Weißenfels, Grimma oder anderen intakten Mannschaften, die vor jeder Saison geradezu gebetsmühlenartig um eine ausreichende Zahl von halbwegs wettbewerbsfähigen Gegnern flehen. Als Schuldiger wird zu schnell der Verband ausgemacht – doch dieser kann nur so stark sein wie seine Mitglieder, die nun gemeinsam auf die Suche nach dem Gral gehen sollten.

Florian Büchting ist als ehemaliger Spieler und professioneller Fotograf in der deutschen aber auch internationalen Floorballwelt zuhause. Auf seiner Website unihockey-pics.de finden Floorballer Berichte und tausende Fotografien aus allen erdenklichen Spielklassen – von schwedischen Nachwuchs- bis zu deutschen Bundesligen, von regionalen U17-Turnieren bis zu WM-Finals.