„Wir sind die Verlierer des Wettrüstens“

Favoritenrolle abgelehnt - Gahlert versucht den Druck vom Kader um Persson, Fritsche Co. zu nehmen. / Foto: Rudolf Schuba, floorball-europe.com

Favoritenrolle abgelehnt – Gahlert versucht den Druck vom Kader um Persson, Fritsche Co. zu nehmen. / Foto: Rudolf Schuba, floorball-europe.com

Hinter dem Duo Wernigerode und Weißenfels vermutet MFBC-Sportchef Lutz Gahlert in der kommenden Saison ein „großes Loch“ und sieht den Leipziger Verein als „Kaufhaus für andere Klubs“. Bewusst stapelt der ehemalige Bundestrainer tief, hofft aber noch auf weitere Zuzüge.

Es war eine bestenfalls durchschnittliche Saison. In einer historischen Serie scheiterte der MFBC in den Playoff-Halbfinals 2012/2013 zwar erst in fünf mitreißenden Spielen an den Red Devils Wernigerode, nicht lange zuvor war man aber gegen den Zweitligisten aus Bremen erneut frühzeitig aus dem Pokal gestolpert und den schwierigen Saisonstart würde die Vereinsführung am liebsten komplett vergessen.

Laut Sportchef Lutz Gahlert wird der einstige Serien-Herausforderer des Rekordmeisters aus Weißenfels vorerst weiter den Anschluss verlieren. Leipzig sei, übrigens ebenso wie der Rest der Bundesliga, „Verlierer des Wettrüstens hinter dem Brauereiverein und den Bankern“. Zuvor „erbte“ man aber einen finnischen Zugang aus dem Harz.

Floorballmagazin: Wie kam es zum Wechsel von Ahonen und wie passt dieser Spieler ins Leipziger Konzept?

Lutz Gahlert: Servus Jan, das mit dem Wechsel von Ahonen zum MFBC klingt sicher spektakulär, aber ich kann an dieser Stelle nur versichern, dass der MFBC nie mit Ahonen im Gespräch war, geschweige ein Angebot oder irgendetwas anderes vorgelegt hatte. Wir waren selber vollkommen überrascht, als Ahonen sich vor ein paar Wochen bei uns meldete. Fakt ist, dass sich Wernigerode und wir schnell im Sinne des Spielers einigen konnten. Welche Rolle Ahonen im MFBC-Team spielen kann, wird sich in der Saison zeigen. Auf alle Fälle haben wir einen Spieler mehr in unserem recht kleinen Kader.

Du hattest den MFBC in einem Vorgespräch als “Kaufhaus für andere Klubs” bezeichnet, da beispielsweise auch in Leipzig wohnhafte Studenten lieber in Weißenfels spielen würden. Woran liegt das und sind es tatsächlich so viele, die abgeworben werden?

Tatsache ist, dass es neben den beruflich bedingten Abgängen in den letzten Jahren immer häufiger zu direkten Anfragen und mehr oder weniger konkreten Angeboten an unsere Spieler von Erst- und Zweitbundesligavereinen aus Sachsen und Sachsen Anhalt gekommen ist. Insbesondere nach der abgelaufenen Saison waren mehr als ein halbes Duzend Spieler „Objekte der Begierde“. Gerüchten zur Folge darunter auch Julle Sumen, den man neben dem Leipziger Lars Schauer auch ganz gern bei den Bankern in der kommenden Saison begrüßt hätte. Nicht zu vergessen Mattias Siede. Wir haben vor zwei Jahren nach unseren Möglichkeiten alles getan, um ihn zu halten. Leider vergebens. Der letzte Saison bei den Bankern spielende Lette war letzte Saison ebenfalls ein Thema bei uns. Aber dann zog es ihn doch nach Weißenfels. Und die wenigen zugezogenen Floorball spielenden Studenten in Leipzig finden tatsächlich nicht den Weg zu uns, wie zum Beispiel Oliver Hofmann oder Ramon Ibold in der letzten Saison.

Aber wie lässt sich das ändern? Was kann der MFBC besser machen, um lokale Kräfte überzeugen zu können?

Als Sportchef des MFBC musste ich auch meine Lehren ziehen. Es reicht heute nicht mehr aus, mit den Spielern zu reden, auf ihrer Zusage zu bauen und ihn quasi per Handschlag an den Verein oder das Team zu binden. Mit Lars Schauer waren wir uns auf diese Weise bereits einig. Einige Zeit später zog es Lars nicht etwa zurück zu seinem Heimatverein DHfK sondern an die Saale. Durch langfristige Verträge mit den Spielern könnte man so etwas verhindern beziehungsweise erschweren. Es ist aus meiner Sicht vollkommen falsch zu glauben und so zu handeln, als wenn wir in Deutschland einen Spielermarkt hätten, bei dem man sich per Angebot bedienen kann. Jeder so zu Stande gekommene Wechsel schwächt in erster Linie den abgebenden Verein und das soll er sicherlich auch. Und zusätzlich müssen wir in Leipzig und auch in den anderen Großstädten etwas schaffen, was in den Floorball Kleinstädten viel einfacher zu realisieren ist. Sponsoren, damit Geld, mediale Präsenz und Akzeptanz bei den städtischen und kommunalen Behörden für die Nutzung von Sporthallen und Trainings- und Spielzeiten. Darüber hinaus sollten wir Lehrstellen, FSJ-Plätze und gar richtige Arbeitsplätze den Spieler anbieten können. Wenn wir beispielsweise einmal MFBC BMW Leipzig heißen und vier mal die Woche in der Leipziger Volkszeitung über eine Seite zu Spielen und Spielern berichtet wird, werden wir keine Probleme mit Hallen und Zeiten haben, können wir die Arena füllen und uns ins goldene Buch der Stadt eintragen. Ja, dann überzeugt man alle. Das setzt aber voraus, dass Floorball in Deutschland und seinen Großstädten bekannt und als richtiger Sport anerkannt ist. Ich gehe davon aus, dass dies frühestens in 30 bis 40 Jahren der Fall sein wird.

Auch bezüglich ausländischer Spieler hattest du den MFBC als “Verlierer im Wettrüsten” mit Weißenfels und Wernigerode bezeichnet, wobei sich da beide Vereine auch etwas im Konzept unterscheiden. Was sagt dieses Wettrüsten über die Situation der Liga aus und kann es nicht auch positiven Einfluss auf die Entwicklung der deutschen Spieler in jenen Vereinen haben?

Ja, ganz eindeutig! Ich habe ja bereits die unterschiedlichen Bedingungen zwischen den Klein- und Großstädten, also Wernigerode und Weißenfels gegenüber Leipzig in meiner vorherigen Antwort dargelegt. Wir können eben nicht gezielt Spieler, ob in- oder ausländisch, werben und ihnen irgendwelche Dinge sei es FSJ, Ausbildung, Fahrtkosten oder eben andere geldwerte Dinge anbieten. Was die unterschiedlichen Konzepte betrifft, so sehe ich das nicht so. Man kann davon ausgehen, dass mit dem finnischen Trainer in Weißenfels auch der eine oder andere spielende Finne den Weg an die Saale finden wird. Ihr vermeintlich größtes Problem haben sie behoben. Den Torhüter.

Nun hatte der MFBC in den letzten Jahren auch gerne auf ausländische Spieler zurückgegriffen. Stenberg, Uosukainen oder Sumen waren Spieler ähnlicher Güteklassen. Zum großen Erfolg hat es aber nicht gereicht. Im Pokal hat man es nur 2009 ins Halbfinale geschafft, 2011 war man Vize-Meister. Warum waren Wernigerode und Weißenfels in den letzten drei Saisons erfolgreicher? Lag es am besseren Spielermix?

Ja, es lag auch am Spielerkader. Darüber hinaus glaube ich nicht, dass die Qualität eines Stenberg, Uosukainen oder Jokiranta mit der eines Koskinen, Reuna, Varis, Keltanen, Gustavson vergleichbar ist. Diese Liste an Spielernahmen könnte ich dann noch fortsetzen. Bis auf die Ausnahme Julle Sumen konnten wir nur Spieler aus eher mittleren Ligen nach Leipzig holen. Ich möchte auch darauf hinweisen, dass wir im Vergleich zu den anderen beiden Clubs immer die geringste Anzahl an ausländischen Spielern in unseren Reihen hatten. Vergangene Saison waren es lediglich zwei. Gehen wir mal von unseren weit aus schlechteren Grundvoraussetzungen aus, nehmen noch dazu, dass wir ständig gute deutsche Spieler wie Mirisch, Potschin, Martin und Bastian Müller, Hoidis, Knothe aus beruflichen und anderweitigen Gründen verlieren, dann finde ich in den letzten Jahren unser Abschneiden bei der Meisterschaft eher überraschend positiv. Der Pokal und dessen Modus war bisher bei uns nicht sonderlich beliebt. Aber das wird sich mit der Vorverlegung des final4 sicher ändern.

Mit den Abgängen von Sumen, Bergström und Knothe wird man einige Löcher stopfen müssen. Wie sieht die Kaderplanung des MFBC für die kommende Saison aus? Reicht das eigene Personal?

Wir können diese Löcher durchaus stopfen. Die Frage ist allerdings, können wir die gleiche Qualität erreichen. Das ist momentan eher zu verneinen. Demzufolge werden wir unsere Ansprüche nach unten schrauben müssen. Der Kader ist zu klein. Ich rechne nicht damit, dass wir mit Weißenfels oder Wernigerode wie noch letzte Saison auf Augenhöhe spielen können. Wir sind auch noch in lockeren Gesprächen mit einigen ausländischen Akteuren, die wir über Kontakte zu unseren Ehemaligen knüpfen konnten. Hier muss aber alles passen, denn wir werden ihnen keine Angebote machen. Wir helfen lediglich bei der Jobsuche auf dem freien Markt und bei anderen Kleinigkeiten. Aber vielleicht gibt es den einen oder anderen Spieler in benachbarten Clubs, die eines großen Kaders überdrüssig sind. Bei uns können sie sich entfalten und verwirklichen. Möglicherweise kommt mal ein interessanter nationaler Transfer nach Leipzig zu Stande. Dass so etwas funktioniert, hat das Ergebnis eines Jahres Kooperation und Zentralisierung der Besten in Leipzig gezeigt. Aber auch bei einem solchen Projekt muss letztendlich alles passen.

Was erwartest du von der Bundesliga 2012/2013 und wo siehst du die größten Baustellen des Wettbewerbs?

Ich begrüße ausdrücklich die Aufstockung auf zehn Teams, auch der gespielte Modus ist ok. Die Liga bräuchte in der Spitze mehr Konkurrenz und Ausgeglichenheit. Damit ist allerdings nicht zu rechnen. Nur wer ein gewisses Ausländerkontingent mit der entsprechenden Qualität vorhält, kann oben mitspielen. Ich vermute Weißenfels und Wernigerode werden die Spitze bilden. Nach einem großen Loch dahinter folgt ein breites ausgeglichenes Feld. (jk)

Kommentare

  1. Brauereiverein – Das Wort des Monats! Das lässt Neid aufkommen: Während der UHC immer nur im Geld schwimmt, tun die Devils dies im Bier und können sich ununterbrochen abschießen! Hahaha