Das dritte Auge

Erik Schuschwary (r.) schaffte den Sprung in die Nationalmannschaft über die U19. Aber welche Rolle spielt die Bundesliga als Talentschmiede? / Foto: Tim Fuhrmann / IFF

Erik Schuschwary (r.) schaffte den Sprung in die Nationalmannschaft über die U19. Aber welche Rolle spielt die Bundesliga als Talentschmiede? / Foto: Tim Fuhrmann / IFF

Wie nah ist die Auswahlarbeit der Bundestrainer am Ligaalltag und auf welche Weise lässt sich sinnvolles Feedback über Schiedsrichter-Einsätze sammeln? Die Augen der Entscheider können nicht überall sein, ein bisschen mehr Umsicht täte dennoch gut, die Vereine könnten helfen. Observing für Anfänger. Ein Kommentar von Redakteur Jan Kratochvil.

Auswahlarbeit mit Fundament

Wenige Wochen vor WM-Beginn wurde der Kader von Philippe Soutter kurzzeitig erschüttert. Center Andreas Gahlert fällt aus, auf Ersatz wird verzichtet. Fredrik Holtz war umgeknickt, bis zum Auftakt gegen Finnland am 2. Dezember soll aber alles wieder im Lot sein. Die Auswahl scheint ohnehin bestens vorbereitet zu sein. Der neue Trainerstab wird für seinen geschickten Umgang mit Spielern aller Formen zurecht geschätzt. Die Jugend bekommt ihre Chance und die Ergebnisse lassen bislang keinerlei Kritik zu.

In den vergangenen Jahren gelang es dem Verband, mit einer Abstimmung der Auswahlarbeit in der Herren-Kategorie einen roten Faden zu zeichnen, der Spieler von der U17 über die U19 in den A-Kader begleitet. Das Resultat trägt Namen wie Lutz Ackermann, Erik Schuschwary, Nicolas Kujat oder Jonas Hoffmann – Spieler, die im Nachwuchsbereich überzeugten und nun an der Herren-WM in der Schweiz auflaufen werden. Ein wichtiger Schritt.

Doch separiert man im Augenblick scheinbar die Auswahlarbeit verstärkt vom täglichen Ligaalltag. Ein Umstand, der in der Zeit nach Holtz, Mucha, Gahlert & Co. hart zurückschlagen könnte. Denn möchte man sich krisenfest wappnen, sollten die stärksten deutschen Wettbewerbe langfristig das Fundament der Nationalmannschaften bilden. Neulich hatte mich ein aktueller Nationalspieler gefragt, ob jemand überhaupt mitbekäme, wenn er in der Liga konstant gut spiele oder ob er das eigentlich nur für sich und sein Team täte und für die Chancen in der Nationalmannschaft am Ende sowieso nur die zwei, drei Zusammenzüge zählen würden.

Tatsächlich ist im Augenblick eher letzteres der Fall. Außerdem halten sich die Anzahl offener Sichtungslager in der Senioren-Kategorie und damit ein umfassendes Scouting in Grenzen. Dies hat zur Folge, dass Spieler, deren Formkurve erst verspätet nach oben zeigt, kaum Chancen haben, sich zu empfehlen. Im jetzigen System eigentlich gar nicht. Ein Grund hierfür ist auch, dass der aktuelle Trainerstab kein festes Mitglied zählt, das die Akteure deutscher Wettbewerbe zumindest sporadisch vor Ort im Auge behalten könnte.

Scouting-Pool kann helfen

Stefan Erkelenz, Ressortleiter Sport beim Dachverband, bestätigt, dass aufgrund der neuen Staffellösung die Trainer im Damenbereich deutlich näher an den Vereinen, Vereinstrainern und Spielerinnen arbeiten würden, als es bei den Herren im Augenblick möglich sei. Man wolle hier in Zukunft einen engeren Austausch forcieren, doch koste dies viel Zeit und Geld. Aber gibt es tatsächlich kein Instrument, dass den Bundestrainern zumindest als Hilfsmittel zur Seite stehen könnte?

Wie wäre es mit einem Scouting-Pool aus Bundesligatrainern, ehemaligen Nationalspielern und weiteren erfahrenen Akteuren der Szene, die nah am Spielgeschehen sind und über Empfehlungen und Kommentare die Auswahlarbeit der Bundestrainer systematisch beratend unterstützen könnten. Dabei wäre es nicht nur ihre Aufgabe, Kräfte aus eigener Umgebung zu empfehlen, sondern mit objektiven aber auch subjektiven Argumenten den Wissensstand des Bundestrainerstabs zu ergänzen – wobei dessen Entscheidungskraft unangetastet bliebe.

In der Praxis könnte dies wie folgt aussehen: Im Anschluss an jede Weltmeisterschaft füllt der Ressortleiter Sport in Absprache mit den Bundestrainern und ihren Teamchefs jenen Pool mit fünf bis acht engagierten Experten, die in den kommenden zwei Saisons verstärkt auf potenzielle Auswahl-Kandidaten achten. Zwei bis dreimal im Jahr findet ein persönliches oder telefonisches Treffen zwischen dem Bundestrainer und seinem nationalen Scouting-Pool statt. Die Berater können den aktuellen Kader kommentieren und auf Spieler hinweisen, die sich mit konstanten Leistungen in der Liga aus bestimmten Gründen empfahlen.

Die Folge wäre ein neues Bewusstsein unter Spielern, dass nicht nur einmalige Zusammenzüge (wo häufig aktuelle Form oder zufällige Umstände das Urteil der Bundestrainer verfälschen können), sondern auch die konstante Leistung und Entwicklung im Ligaalltag (wie in entwickelten Sportarten üblich) eine wesentliche Rolle spielen. Ein WM-Kader stünde am Ende auf einem noch glaubhafteren Fundament und auch die Bundestrainer dürften eine derartige Zuarbeit durchaus zu schätzen wissen.

Schiedsrichter im Fokus

Und wo wir schon beim Thema Observing sind: Auch dem Schiedsrichterwesen täte eine zusätzliche Perspektive gut. Mit BAT Berlin konnten wir schlechter in die Saison kaum starten. Vier Spiele, vier Niederlagen. Mit einer Ausnahme stand stets außer Frage, dass sämtliches Scheitern auf das Unvermögen unserer Mannschaft zurückzuführen war, keineswegs auf jenes der Schiedsrichter.

Dennoch hinterließ die Mehrheit dieser Partien aufgrund von überforderten Schiedsrichterpaaren einen bestimmten Nachgeschmack. In einem speziellen Fall artete die Situation sogar aus. Mangelhafte Regelkenntnis, arrogantes Auftreten, katastrophale Kommunikation, Fehlpfiff nach Fehlpfiff – eine Leistung, die nicht nur in der Bundesliga eine Zumutung für alle Beteiligten darstellte. Mit der selbstgefälligen Attitüde, mit der jene Herren die Halle betraten, verließen sie diese auch wieder. Um mich profilaktisch vor Vorwürfen der Frustration und Parteilichkeit zu schützen, verweise ich im Zweifelsfall gerne auf unsere Gegner, deren Meinung – trotz Siege – sich von meiner nicht unterschied, im Gegenteil, sogar noch negativer ausfiel.

In anderen Sportarten würde man in solchen Fällen mit Spielsperren arbeiten. So etwas kann sich die RSK aber aufgrund des Personalzustandes nicht erlauben. Nicht einmal die Begutachtung der Schiedsrichter kann gewährleistet werden. Erkelenz nach möchte die RSK zukünftig vermehrt das Observing in den Vordergrund rücken. Man wolle hier mehr Geld zur Verfügung stellen, allerdings fehle es an flächendeckenden Observern. Tatsächlich darf die Kommission auf fruchtbare Jahre sehr guter Arbeit zurückblicken – auch dank engagierter Ausbilder. Die Mittel bleiben nunmal dennoch begrenzt.

Zusätzliche Perspektive

Es gibt viele gute Schiedsrichter im deutschen Floorball, bundesweit, in praktisch jedem Verein – ob es genug sind, hängt vom Anspruch des Betrachters ab. Starke Leistungen werden zwar geschätzt, schlagen aber deutlich kleinere Wellen als Patzer. Doch Schiedsrichter brauchen Input, um sich weiterentwickeln zu können. Auch verlangen Vereine ein Ventil, das es ermöglicht, Feedback zu leisten, welches nicht in der Schublade landet, sondern wirkungsvoll auf Misstände hinweist. Warum also nicht beides zusammenbringen?

Solange kein flächendeckendes Observing möglich ist, könnte jeder Verein, nach interner Abstimmung der Verantwortlichen, im Anschluss an eine Bundesligapartie eine Wertung abgeben, die das Schiedsrichterpaar benotet (1 – herausragende Leistung ohne erhebliche Fehler; 5 – mangelhafte Leistung mit spielentscheidenden Fehlern) und konstruktiv kommentiert. Sicherlich wird es vermehrt Muster geben, in denen Unparteiische vom Sieger gelobt und vom Verlierer verdammt werden, und eine Verzerrung nach Abschneiden des jeweiligen Teams ist durchaus zu erwarten, grundlegende Tendenzen würden aber dennoch offenbart werden.

Ein Versuch würde jedenfalls nicht schaden. Die Daten stünden intern nur der RSK zur Verfügung, die sie an die einzelnen Schiedsrichterpaare weitergeben könnte, um auf sich wiederholende Problemmuster hinzuweisen und bei der Ansetzung zu Schlüssel- oder Krisenspielen jene Unparteiischen einzusetzen, die entsprechend gut bewertet wurden. Auch könnte man so potenzielle Vorbilder ausmerzen, die bei der Ausbildung des Schiedsrichter-Nachwuchses zum Einsatz kommen könnten.

Schiedsrichter bekämen die Gelegenheit, konkretes und konstruktives Feedback aufzunehmen – abseits von affektiertem, nicht selten unzumutbarem Gelaber der Spieler (vermutlich auch meines eigenen), Trainer und Fans. Außerdem würden ambitionierte und kompetente Paare, aus denen glücklicherweise die Mehrheit besteht, eine Wertschätzung erfahren, die sonst im flächendeckenden „Schiri-Bashing“ untergeht. Gewiss stehen dadurch auch Vereine in der Pflicht ihren Umgang mit Schiedsrichtern zu überdenken und in der Regel auch ihr Engagement für das Schiedsrichterwesen zu verstärken. Auch als Floorballmagazin müssen wir diesen Bereich noch besser abdecken. Denn wahrlich ist das Leben mit der Pfeife kein Zuckerschlecken.

Jan Kratochvil ist als Bundesligaspieler und ehemaliger Bundestrainer und Schiedsrichter auch als Herausgeber des Floorballmagazins und regelmäßiger Floorball-Experte von Eurosport in der Welt des Lochballs unterwegs.

Kommentare

  1. Und wer meldet sich für die Arbeit freiwillig? Im Dachverband und in den Landesverbänden werden überall engagierte Helfer gesucht. Jene Leute, welche Floorball in Deutschland voranbringen, arbeiten am Limit. (vielleicht bei euch auch selber,oder? @ floorballmagazin) Ich finde die Vorschläge prima, aber ich bezweifle das Personen sich finden, welche sich jetzt angesprochen fühlen und sagen, dass sie es machen. M.E. muss solches Engagement schon in Jugendjahren gefördert werden, wenn man die Jugend in der Hinsicht unterstützt, dass sie sich stärker mit den Vereinen und dem Sport identifizieren, können da ggf. qualifizierte Kräfte für die nächsten Jahre ranwachsen. Am Ende noch ein kleiner Nachtrag… ab dem letzten Spieltag werden nach den Partien in der Kleinfeldliga Hessen Feedbackbögen über die Schiedsrichter eingesammelt, welche sich an den Observerbögen des Dachverbands orientieren. Vielleicht sollte hier auch in den Landesverbänden eine bessere Kommunikation stattfinden, damit sich ggf. unterstützt werden kann.