Der Schmetterlingseffekt

Mit vollem Einsatz - Schwedens Keeper Aman hebt ab. / Foto: André Burri, www.burrifotografie.ch / wfc2012

Mit vollem Einsatz – Schwedens Keeper Aman hebt ab. / Foto: André Burri, www.burrifotografie.ch / wfc2012

Die neunte Auflage der Floorball-Weltmeisterschaft bot einen bis dato einmaligen Ablauf. Etablierte Kräfteverhältnisse und Rollen wurden durcheinandergewürfelt, überdacht und überbewertet. Der internationalen Szene wird der eine oder andere Irrtum aber nicht unbedingt schaden. Ein sportlicher Rückblick.

Rollenwechsel

„Dafür gibt es keine Entschuldigung“, noch im Pressegang des Zürcher Hallenstadions ist die finnische Legende Mika Kohonen fassungslos über das vor wenigen Augenblicken abgepfiffene Endspiel gegen Schweden. Nach der Hälfte der abgelaufenen Spielzeit lag Finnland mit 0:9 zurück. Das befürchtete Massaker ereilte in den Medaillenspielen nicht Deutschland, sondern den amtierenden Weltmeister. Am Ende stand ein 5:11 zu Buche, das eher Mitleid als Versöhnung versprach.

Nur zwei Jahre nach Finnlands dominanter Titelverteidigung auf heimischem Boden wurden Kohonen, Järvi, Tiitu, Kivilehto, Toivoniemi und alle weiteren Großmeister ihres Handwerks gedemütigt und vorgeführt. Doch was unfassbar und unerklärlich erscheint, zwitscherten die Spatzen schon vor der WM von den Dächern.

Schwedens Siegestaumel

Während der neu angetretene Head-Coach Jan-Erik Vaara Schwedens Denkzettel vom 11. Dezember 2010 ernst nahm, es sich nicht zu Schade war, Kaliber wie Svensson oder Calebsson aus dem Kader zu streichen, und der bequem gewordenen Mannschaft temporeiches Offensivspiel aufzwang, vertraute Petri Kettunen auf altbewerte Namen.

Plötzlich war eine junge, hungrige schwedische Mannschaft im Stande brilliantes Kombinations-Floorball zu spielen, während Finnland nur noch auf Konter und einfache Querverlagerungen zu setzen vermochte. Ein bekanntes Bild aus vergangener Zeit mit vertauschten Rollen. Finnland erwartet nun ein schmerzhafter Kahlschlag und zwei Jahre aufgestaute Wut. Die WM 2014 im schwedischen Göteborg kann bereits jetzt nicht zu viel versprechen. Die Rechnung ist offen.

Zwischen Ernüchterung und Desaster

Aussprechen möchte es niemand, aber viele denken es. Ohne eine einzige ernsthafte Herausforderung bewältigt zu haben, sackt die Schweizer Mannschaft Bronze ein. Das einzige Spitzenspiel, das Halbfinale gegen das am Folgetag abstürzende finnische Team, geht trotz 3:1-Führung in der Verlängerung verloren. Keine Überzahlsituation, keine geniale Vorlage, keine Traum-Kombi, sondern ein unscheinbarer Schlenzer von Kivilehto und ein einmaliger Patzer von Streit begraben zwei Jahre intensive Vorbereitung im Nu.

Die Schweiz war bestens vorbereitet und wirkte stärker denn je. An diesem Turnier hätte sie aber auch ohne Trainingslager in Dubai, ohne den „Alchemisten“ Nykky und vermutlich mit noch weniger Zusammenzügen als Deutschland Edelmetall geholt. Als Trostpflaster durfte Emanuel Antener die Scorerkrone erobern und Matthias Hofbauer die historische WM-Marathontabelle. Eine Heim-WM als Vorbereitungsturnier für 2014.

Affentheater in Tschechien - Jetzt müsste sich Ostransky (l.) nur noch die Ohren zuhalten und das Bild wäre perfekt. / Foto: Robert Pfiffner, robert.pfiffner@gmail.com / wfc2012

Affentheater in Tschechien – Jetzt müsste sich Ostransky (l.) nur noch die Ohren zuhalten und das Bild wäre perfekt. / Foto: Robert Pfiffner, robert.pfiffner@gmail.com / wfc2012

Von „Schande“, einem „Fall in die Tiefe“, von „dunklen Zeiten“ und von einem „totalen Kollaps“ spricht man hingegen in Tschechien. Der Bronzemedaillist von 2010 stolperte nicht nur in seiner Gruppe über Lettland, nach dem Viertelfinal-Aus auf der „Abkürzung“ über Finnland scheiterten die Tschechen im Penalty-Schießen sogar an Norwegen und belegten mit dem 7. Platz die historisch schlechteste Platzierung ihrer Floorball-Geschichte.

Coach Tomas Trnavsky, der sich bereits vor der WM mit dem nationalen Verband nicht auf eine Vertragsverlängerung einigen konnte, sowie die Hälfte seines Kaders wurden in der tschechischen Presse zerrissen. Von mangelhafter Einstellung und verschlafener Zeit war die Rede. Man sei aus dem Dunstkreis der Titelkandidaten herausgefallen und von bisherigen Entwicklungsländern überholt worden – Slowakei, Lettland, Norwegen und sogar, ganz bitter, Deutschland.

Die völlig überzogenen Reaktionen gehen sogar soweit, dass man den langfristigen Verlust des Ansehens der Sportart bei Medien und Öffentlichkeit befürchtet. Ein halbes Jahr nach dem ersten Superfinale in der Prager O2-Arena will man einen solchen Rückschlag in der Entwicklung des Sports nicht hinnehmen. Trnavskys Nachfolger soll jedenfalls bereits feststehen. Rekordnationalspieler Radim Cepek, den Trnavsky mit reichlich Nachhall kurz vor der WM 2010 aus dem Kader strich, dürfte den Geächteten ersetzen.

Tschechen verursachen Schmetterlingseffekt

Wird aus der „Big Four“ jetzt eine „Big Five“? Oder vielleicht sogar eine „Big Six“? Die fast schon hysterische Freude verschiedener Funktionäre sowie diverser ausländischer Szenemedien über die sensationellen Erfolge Deutschlands und Lettlands beschreibt herrlich die Verzweifeltheit, mit der man sich nach einem Aufbrechen der bestehenden Herrschaftsverhältnisse sehnt. Diese bleiben aber vorerst unangetastet. Der Leistungseinbruch der Tschechen bewirkte einen Domino- oder besser Schmetterlingseffekt, der in den Augen vieler Zwangsoptimisten das geltende Machtgefüge ins Wanken brachte.

Einen rabenschwarzen Tag Tschechiens, dessen Aussetzer keine Seltenheit sind und es zuletzt 2010 gegen Estland ins Penalty-Schießen schickten, nutzte Lettland (später mit dem 6. Platz sogar einen Rang schlechter postiert als 2010) zum unerwarteten 5:4-Erfolg. Als Gruppensieger mussten die Balten gegen Deutschland antreten, das mit einer starken Leistung wiederum einen rabenschwarzen Tag der Letten nutzte und plötzlich im Halbfinale stand. Als dann Tschechien, nach dem Viertelfinal-Aus gegen Finnland moralisch kollabiert, an den Norwegern scheiterte, gab es kein Halten mehr. Chaos für alle. Die 15 Minuten Ruhm mit etwas Scheinwerferlicht werden den Entwicklungsländern aber gut tun.

Deutsches Weihnachtsmärchen - Bronzespiel gegen die Schweiz in Zürich vor über 10.000 Zuschauern. / Foto: Elke Scholz

Deutsches Weihnachtsmärchen – Bronzespiel gegen die Schweiz in Zürich vor über 10.000 Zuschauern. / Foto: Elke Scholz

Tatsächlich erweitert das Teilnehmerfeld seine Reihen und rückt leistungstechnisch zusammen, die „Big Four“ bleibt aber die „Big Four“, länger als allen, sogar ihr selbst, lieb ist. Dennoch gab es Wortmeldungen aus der dritten Reihe, die zu unrecht größtenteils unbemerkt blieben. So schaltete die Slowakei gleich bei ihrem ersten WM-Auftritt in der Gruppe A Estland aus und zog ins Viertelfinale ein. Russland musste hingegen einsehen, dass für eine erfolgreiche Teilnahme mittlerweile eine reguläre Vorbereitung notwendig ist und überhaupt hob sich das sportliche Niveau bemerkbar.

Alles in allem erlebte die Schweiz eine schöne aber seltsam verwirrende Weltmeisterschaft, die trotz oder gerade wegen Gesangseinlagen statt Tonbandhymnen, Dunkelkammern statt Dauerbeleuchtung oder Kantersiegen statt Overtime-Krimis irgendwie dennoch Spaß machte – besonders den Deutschen.

Endplatzierung
1. Schweden
2. Finnland
3. Schweiz
4. Deutschland
5. Norwegen
6. Lettland
7. Tschechien
-. Slowakei
9. Estland
10. Russland
11. Polen
12. USA
13. Kanada
14. Ungarn
15. Japan
16. Singapur

Allstars
Goalie
Henri Toivoniemi, fin
Verteidiger
Tatu Väänänen, fin
Martin Östholm, swe
Stürmer
Kim Nilsson, swe
Matthias Hofbauer, ch
Emanuel Christoph Antener, ch

Topscorer
1. Emanuel Antener, ch 26 (9+17)
2. Rasmus Enström, swe 22 (15+7)
3. Kim Nilsson, swe 22 (3+9)
4. Matthias Hofbauer, ch 22 (11+11)
5. Henrik Stenberg, swe 19 (10+9)

Goalie-Ranking (SV%)
1. Meier Pascal, ch 92.9%
2. Åman Patrik, swe 86.2%
3. Bundzenieks Guntis, lat 85.0%
-.Õige Marek, est 85.0%
5. Kohler Janek, ger 83.3%

Alle Ergebnisse und Statistiken der WM gibt es hier.