„Das Halbfinale war verdient“

„Gänsehaut pur“ – Dominic Mucha (2. v. l.) nach seinem entscheidenden Treffer zum 4:2 im Viertelfinale gegen Lettland. /Foto: IFF/ Gregor Meier/ gmpx@gmx.ch / wfc 2012

Gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Manuel wirbelte Dominic Mucha bei dieser WM einmal mehr die internationale Elite durcheinander. Mit sieben Punkten war der quirlige Angreifer Topscorer des deutschen Teams. Im Interview lässt der 28-jährige die einmalige Endrunde Revue passieren. Ein Gespräch über Gänsehaut, Sensationen und die eigene Zukunft in der Nationalmannschaft.

Floorballmagazin: Dominic, zunächst einmal Gratulation: Du bist WM-Topscorer der deutschen Nationalmannschaft, mit sieben Toren und keiner Vorlage. Aber die Frage sei erlaubt: Spielst du auch mal ab?

Dominic Mucha: Das ist wirklich eine gute Frage… (lacht) Mir ist erst nach ein paar Spielen aufgefallen, dass ich nur Tore geschossen habe. Das war mir gar nicht bewusst. Es ist aber natürlich immer ein tolles Gefühl und ein toller Moment, wenn man bei einer WM ein Tor schiesst. Der Empty-Net Treffer gegen Lettland wird mich noch ein Leben lang verfolgen. Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich das Video sehe und wie sich das ganze Team danach riesig über den Einzug ins Halbfinale freut.

Im Bronzematch gegen die Schweiz seid ihr im ausverkauften Hallenstadion aufgelaufen. Hast du jemals in deiner Karriere eine solche Gänsehaut gehabt? 

Es war einfach unglaublich vor 10.500 Zuschauer zu spielen. Die Stimmung war der Hammer. Während dem Spiel blendet man das Ganze aber aus. In dem Moment spielt es keine Rolle, ob es 100 oder 10.000 Zuschauer sind. Aber ich denke, so einen Moment werde ich in meiner Karriere nicht mehr erleben, vor so vielen Personen Floorball spielen zu können. Es war ein unglaubliches Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Gänsehaut pur!

Wie war das Turnier generell?

Die WM war super, alles war immer top organisiert und Rösti (Teammanager Marco Rusterholz, d. Red.) hat immer alles perfekt abgeklärt. Der einzige Negativpunkt war die Umkleidekabine im Hallenstadion. So was habe ich auch noch nie erlebt. Es war ein Container und dazu sehr eng.

Wir hätten auch gegen Tschechien eine Chance gehabt.

Vor der WM gabst du in unserem Printmagazin das Weiterkommen in der Gruppe als Dein Ziel an. Am Ende wurde es Rang vier. Wie viel davon war Können, wie viel glückliche Fügung?

Ich habe immer daran geglaubt, dass es möglich ist, in ein Halbfinale einzuziehen. Man muss sich immer hohe Ziele setzen. Unser Staff hat uns perfekt auf jeden Gegner eingestellt. Vor jedem Spiel gab es eine Videoanalyse. Wir wussten genau, was und wie der Gegner spielen wird. Durch unseren tollen Zusammenhalt im Team sind wir verdient ins Halbfinale eingezogen. Klar, wir haben „nur“ gegen Lettland im Viertelfinale gespielt, aber das Spiel muss man auch erstmal gewinnen. Wenn und Aber, das spielt keine Rolle, wir hätten sicher auch gegen Tschechien eine Chance gehabt. Ich denke, es war 80 Prozent Können und 20 Prozent Glück. Das Glück muss man sich aber auch während des Spiels erarbeiten, und das haben wir definitiv getan.

In der Aufstellung bewies Trainer Philippe Soutter während der WM ein gutes Händchen, z. B. bei der Besetzung der Torhüterposition. Zudem habt ihr taktisch sehr variabel gespielt, angepasst auf Gegner und Spielsituation. Wie groß ist folglich der Anteil des Trainerteams am Erfolg?

Ohne das Trainerteam wären wir niemals ins Halbfinale eingezogen, das wäre nicht möglich gewesen. Wie bereits erwähnt, waren wir perfekt eingestellt. Das ganze Team inklusive allen Beteiligten hinter der Bande hat einen Superjob gemacht. Dadurch kam dieser tolle Erfolg überhaupt erst zustande.

Dominic ist in der Schweiz geboren und lebt seit jeher in dem Land. Insofern war das Duell gegen die Eidgenossen für den Stürmer etwas Besonderes. Hier stoppt er im kleinen Finale den Schweizer Youngster Manuel Engel. /Foto: IFF/ Fabian Trees www.imagepower.ch / wfc2012

Wie schätzt du diese Platzierung, gemessen am Leistungsstand des Teams im Vergleich zu den anderen Nationen, ein?

Das wir den vierten Platz erreicht haben, ist einfach unglaublich. Klar, ich hätte auch sehr gerne die Bronzemedaille gewonnen. Schlussendlich muss man aber auch realistisch sein. Wir haben alles gegeben und mehr war leider nicht möglich. Wenn mir vor dem Turnier jemand gesagt hätte, dass wir Vierter werden, hätte ich sofort unterschrieben.

Platz vier? Das hätte ich vor dem Turnier sofort unterschrieben.

Ich denke, unser Team kann immer um die Platzierung zwischen Platz fünf und acht spielen. Da gehören wir momentan hin. Aber aus meiner Sicht ist immer eine Überraschung möglich – gegen jedes Team. Das haben wir gegen Lettland gezeigt, denn da hatte niemand erwartet, dass wir gewinnen würden. An diesem Tag war jeder im Team bereit und deshalb haben wir es verdient, unter den Top-4 Nationen zu sein. In Zukunft muss es das Ziel sein, näher an die Topländer heranzukommen. Vor sechs Jahren war das Endresultat gegen die Schweiz noch 22:5, nun nur noch 8:0. Man sieht, das wir vorwärts kommen und jetzt muss weiter hart gearbeitet werden.

Ihr durftet euch bei dieser WM mit den drei besten Nationen der Welt – Schweden, Finnland und Schweiz – messen. Dabei setzte es 31 Gegentore ab, während euch selbst nur ein einziger Treffer gelang. Woran lag das und wo siehst du im allgemeinen die Hauptunterschiede zwischen diesen Ländern und Deutschland?

Der größte Unterschied sind die Erfahrung sowie die breiten Kader der Topnationen. Jede Linie ist praktisch ausgeglichen. Während dem Spiel muss man auch sehr viel Defensive leisten, dadurch fehlt manchmal die letzte Kraft, im Angriff eine gute Aktion abzuschliessen. Ich denke aber, dass wir auch Pech gehabt haben. Mehr Tore wären sicher möglich gewesen. Wenn wir gegen die Schweiz den Anschlusstreffer gemacht hätten, wäre es vielleicht noch spannend geworden. Am Schluss hat uns jedoch sicher die Kraft gefehlt, da wir zuvor  in zwei Spielen mit nur zwei Linien gespielt hatten. Was auch auffiel ist, dass Fehler von uns knallhart bestraft wurden. Ich denke, es waren ein paar Tore dabei, die wir geschenkt haben. Aber das ist ganz normal, denn, ich glaube, wir waren das jüngste Team in diesem Turnier.

Deutsche Vereine müssen auf die Jugend setzen, nicht auf ausländische Spieler.

Was sind die wichtigsten Punkte, um das Team in den nächsten Jahren weiter zu entwickeln und den Rückstand zur Weltspitze unter Umständen verringern zu können?

Jeder muss hart an sich arbeiten. Das fängt schon beim Sommertraining an. Dann muss in Deutschland mehr auf die Jugend gesetzt werden und nicht auf ausländische Spieler. So können die deutschen Spieler bereits mehr Verantwortung in der Bundesliga übernehmen und so wertvolle Erfahrung sammeln. Dadurch entsteht mehr Konkurrenzkampf im Nationalteam und jeder muss noch mehr tun und hart an sich arbeiten, um an einer WM teilnehmen zu können.

Dieses Zwillingsduo, hier beim entscheidenden Gruppenspiel gegen Russland, steht für Torgefahr. Manuel (vorn) sammelte bei dieser WM sechs Punkte, Dominic sieben – Spitze im deutschen Team. /Foto: IFF/ Gregor Meier/ gmpx@gmx.ch / wfc 2012

Gutes Stichwort. Werden wir Dich und Deinen Bruder in zwei Jahren in Göteborg wieder im Nationaltrikot wirbeln sehen? Es wäre dann Eure fünfte WM.

Gute Frage. Zuerst einmal müssen wir uns qualifizieren. (lacht) Ich habe mit Manuel noch nicht darüber gesprochen, wie es mit uns weitergeht. Aber ich denke, das werden wir zu 100 Prozent gemeinsam entscheiden. Es ist noch zu früh, etwas darüber zu sagen. Zuerst einmal muss ich das Ganze verarbeiten, denn was wir erreicht haben, ist einfach fantastisch. Es war genau so emotional wie vor vier Jahren, als wir in Tschechien die B-Division gewonnen haben.

Wir werden uns das sicher gut überlegen. Eins ist klar, für uns ist es immer eine Ehre für Deutschland zu spielen. Es macht einfach unglaublich viel Spass. Ich vermisse jetzt schon jeden, das Team inklusive Trainerstaff, obwohl erst ein paar Tage vergangen sind. Die Truppe ist einfach super zusammengewachsen und wir hatten auch außerhalb des Spielfeldes sehr, sehr viel Spaß miteinander. Das war auch der Hauptgrund, warum die WM so toll gelaufen ist. Aus diesem Grund ist es eigentlich schwer, nicht für Deutschland zu spielen. Die andere Frage ist aber auch, ob der Trainerstaff weiter auf uns setzt oder nicht. In ein paar Monaten werden wir wissen, wie es mit uns weitergeht.

Auf dem Videoportal floorball-live.tv kann man die WM noch einmal nacherleben. Dort finden sich alle Videos zum deutschen Team, von Manni Berzels schon jetzt legendärer Video-Reportage aus dem deutschen Lager bis hin zu Dominic Muchas Empty-Net Tor im Viertelfinale gegen Lettland.

Kommentare

  1. Soviel ich weiss sind doch die Ränge 1-5 automatisch qualifiziert, in sofern steht die Teilnahme doch eig. schon fest…?