Die Rote Zora: Tag 3

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Kanada, Kanahier. Kreativbolzen und Nati-Center Laura Neumann ist zurück im digitalen Äther und bloggt exklusiv von der Damen-WM in Tschechien. Mitten aus dem Herzen der deutschen Auswahl erzählt sie in ihrem Tagebuch vom unvergesslichen Alltag der Nationalmannschaft am Turnier der besten Floorball-Teams der Welt.

Zora, mein Herzblatt,

als mich der heiße Stern am Firmament heute zu einer widerlichen Uhrzeit (mit ganz vielen Nullen voran) weckte, wusste ich, es würde ein reizender Tag werden!

Tieftschechien hatte sich über Nacht für uns herausgeputzt und glitzerte im zarten Weiß. Auf meiner Ästhetik-Skala kletterte Brünn somit zwei Treppchen hinauf.

Stell dir vor, ich hatte sogar während meines Dornrößchen-Schlafes mit meinen WM-geschwängerten Emotionen zu kämpfen und hatte einige Gegner zu bezwingen. Hab sie alle platt gemacht!

Da Hörnchen mit dem Automaten-Kaffee auf Kollisionskurs stehen, griff ich heute zum schlichten Müsli. Abgefrühstückt und noch immer nur fähig mit etwa zehn Worten Kommunikation zu betreiben, starteten wir in Richtung Trainingshalle, um Standard-Situationen einzuüben. Der verkrüppelte Sprechfluss geriet in Gang und allzu geistreiche Namen wurden den Freistoßvarianten aufgestempelt.

Den Weg zurück in die Unterkunft legten wir gewiss nicht auf dem zügigsten Wege zurück, nein, nein, der Busfahrer hatte eigens für uns eine kleine Stadtrundfahrt in sein Programm eingebaut. Unfreiwillig lernten wir also das Brünner Villen-Viertel, die Plattenbausiedlung mit integrierter Reihenhaus-Siedlung und den Konsumtempel, leider nur aus der Ferne, kennen.

Endlich angekommen, tafelte das hauseigene Restaurant gegrillte Hühnerbrüstchen untermauert von Süßkartoffelmuß und begleitet von grünen Bohnen auf den Mittagstisch. Schmackofatz.

Als Dessert hätte ich gern den Rest meines Schoko-Weihnachtsmannes verputzt, musste mich dann doch mit einer knappen Einstimmung auf den robusten Gegner Kanada zufriedengeben. Da unsere WM unter dem Motto „Herzschlag“ steht, wurden wir von der herzlichen Whoopi Goldberg mit ihrem Schinken „Oh Happy Day“ betört. Gute Laune kam auf und die Fratze grinste.

Auch wenn der Weg zur Perfektion ein weiter ist, müssen wir Mut zeigen, die Fehler auf unserem Weg in Kauf nehmen und uns darüber im Klaren sein, dass es einer geschlossenen Mannschaftsleistung bedarf, miteinander und aneinander zu wachsen.

Zora und da ging es auch schon los. Aus Vorfreude wurde Aufgeregtheit und der Startpfiff ertönte.

Kanada, Kanahier. Kanada konnte wirklich überall die Hüfte andocken. Die körperlich sehr präsenten Damen aus Nordamerika kennen keinen Wohlfühlabstand. Sie doppelten, hüfteten, schoben, stießen. Autsch. Aber hey, Zora, was entdecke ich denn da. Ein blaues Wunder auf meiner Elfenhaut! Das erste Monument des sportlichen Kampfes auf meinem Oberschenkel! Ich spüre die Wärme des Stolzes in mir aufbrodeln, da ist er wieder: mein Körperschmuck. Formvollendetes blau-grün und rötlich gerändert. Beneidenswert.

Schlussendlich hatten die weitgereisten Damen keine Chance. Klug kombiniert und taktisch überlegen triumphierten wir 14:0.

Meine Zora, es tut gut mit einem Sieg in das Turnier zu starten und genau zu wissen, dass das Ende der deutschen Fahnenstange noch nicht erreicht ist. Die Stimmung ist formidabel. Dazu trägt natürlich auch unsere Masseurin Corinne bei, deren Zauberhände sich am heutigen Abend meiner Oberschenkel annahmen und ich vor Entspannung kaum in den Schlaf komme.

Schlaf, prima Stichwort. Die Nacht wird kurz, denn morgen früh erwartet uns eine weitere weitgereiste Frauenschaft, die Japanerinnen. Erfahrungsgemäß sparen diese weder an Lautstärke noch an Quantität ihrer Kommunikation auf dem Spielfeld. Ob dies nur dem Zweck der Verständigung dient oder der Verwirrung des Gegners, muss ich noch herausfinden.

Sherlock-Laura verabschiedet sich mit besten Wünschen für deine erholsame Nacht, Zora.

Deine Laura

Foto: Iris Müller