Die Rote Zora: Tag 4

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Harte Arbeit für feste Schoki. Kreativbolzen und Nati-Center Laura Neumann bloggt exklusiv von der Damen-WM in Tschechien. Mitten aus dem Herzen der deutschen Auswahl erzählt sie in ihrem Tagebuch vom unvergesslichen Alltag der Nationalmannschaft am Turnier der besten Floorball-Teams der Welt.

Liebste Zora,

der heutige Tag hatte definitiv mehr Stunden, als mein weibliches Gemüt vertragen kann. Begonnen hat eben jener mit einem schrill-aggressiven Läuten meines Weckers. Ohne meine verquollenen Glubschaugen auch nur zu öffnen, gelang es mir weitere fünf Minuten im Traumland umher zu wandern indem ich blind die Snooze-Taste tippte.

Schlaftrunken stolperte ich den Beauty-Tempel, machte kurz Halt vor dem Spiegel und wünschte mir die Dunkelheit zurück. Heute morgen hatte ich ordentlich zu tun, um mein Antlitz zum Strahlen zu bringen und die Augenringe zu vertuschen. Ich behaupte, es ist mir gelungen, Zora.

Bewaffnet und geschmückt mit dem „Haarband of the Game“ begrüßte ich die durch den Frühstücksraum schlurfenden Damen sehr leise. Du musst wissen, sie sind morgens sehr schreckhaft und werden ungern dazu genötigt, ihre Verständigungskapazitäten schon jetzt auszuschöpfen.

Den Traumsack noch immer im Gepäck, starteten wir zum ersten Spiel des Tages – dem Spiel Deutschland gegen Japan.

Zora, die Schmerzen meiner Blessuren des Vortages waren allesamt verschwunden, aber das gute Gefühl des Sieges war geblieben! Die kleinen und wendigen Japanerinnen sollten keine Chance gegen uns haben und ich hatte mir fest vorgenommen, meine Leistungskurve gen Himmel steigen zu lassen.

Enttäuschung. Das erste Gegentor viel früh. Viel zu früh und weckte uns ungemütlicher, als es mein Wecker am Morgen tat. Glücklicherweise ließ sich das Spiel zügig zu unseren Gunsten wenden, sodass am Ende ein 6:3 auf dem Papier stand. Das war ein hartes Stück Arbeit. Du musst wissen, Zora, dass es nicht sonderlich angenehm ist, gegen konterstarke Gegner zu spielen. Man selbst macht die Drecksarbeit und die anderen die Tore. Heidewitzka, geschafft ist geschafft und wir haben das Ziel in die nächste Runde zu kommen definitiv erreicht! Zwar nicht optimal formvollendet und vor Ästhetik sprießend, aber verdient.

Da plumpst mir doch ein Stein vom Herzen.

Belohnung erhielten wir heute nicht in Form von Zuckerstangen, sondern in Zeit mit den angereisten Liebsten. Die freudig wartenden Eltern und Freunde durften unseren Duft der WM aus nächster Nähe inhalieren und die Zeit mit uns in reger Unterhaltung verbringen. Da meine familiäre Unterstützung noch auf sich warten lässt, habe ich mir heute Zieh-Elter auserwählt. Mein Angebot, mir einen neuen Namen geben zu können, lehnten sie glücklicherweise ab, behandelten mich aber trotzdem sehr fürsorglich, töchterlich. Gewiss habe ich mich bilderbuch-kindlich verhalten und nicht gekleckert!

Mein neues Familienglück und ich zogen in die Brünner Innenstadt und watschelten im Entengang über den kleinen, aber feinen Weihnachtsmarkt, auf der Suche nach gebrannten Mandeln. Erfolglos und durchgefroren kehrten wir wenig später in ein Café ein und gönnten uns Heiße Schoki vom Aggregatzustand fast-fest. Ein Schmäckerchen. Hier ein Anekdötchen, da eine Auswertung, dort ein Witz, hier ein Paar Wortfetzen. Ein gelungener zweiter Advents-Sonntag! Das Herz wurde warm und der Freudens-Becher quoll über.

Ordnungsgemäß in der Unterbringung abgeliefert, standen nur noch zwei Punkte auf dem Plan, um die 16 Stunden „wach“ voll zu machen. Abendessen und die Einstimmung auf den morgigen Gegner Dänemark.

Geschafft und over and out.

Zora, du musst dir heute deine Gutenacht-Geschichte selbst vorlesen.

Ich gebe mich geschlagen.

Deine Laura

Foto: Iris Müller