Die Rote Zora: Tag sechs

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Tränensäcke und Industrieschlote. Kreativbolzen und Nati-Center Laura Neumann bloggt exklusiv von der Damen-WM in Tschechien. Mitten aus dem Herzen der deutschen Auswahl erzählt sie in ihrem Tagebuch vom unvergesslichen Alltag der Nationalmannschaft am Turnier der besten Floorball-Teams der Welt.

Meine Güte Zora,

kannst du dir vorstellen, wie ich mich fühle? Ich bin überwältigt. Das Deutsche Floorball Nationalteam der Damen hat Geschichte geschrieben. Der achte Platz ist uns sicher und somit eines der allerbesten Ergebnisse an einer Weltmeisterschaft!

Ausnahmsweise startete ich zu unfreundlicher Uhrzeit mit einem Pulsschlag über Null in den Tag. Meine Pumpe beschleunigte desto näher das Spiel gegen Russland herannahte. Das Grummeln im Bauch sprach zu mir, leider verstand ich kein Wort und versuchte meine Konzentration zu bündeln.

Letzte Theorie-Synapsen wurden auf der Busfahrt gen Brünner Vodova Arena geknüpft, so dass wir kampfeslustig direkt in die Turnhalle stiefelten und das Ausmaß der dreitausend Zuschauerplätze begutachteten. Meine Haut nahm die Gestalt, der einer gerupften Gans an und die Schläge gegen meine Brust wurden lauter. Da stand ich, kurz vor dem Spiel, was unsere junge Mannschaft der Viertelfinal-Teilnahme näher bringen sollte.

Beäugt wurde ich heute aus direkter Näher von meinen Zieh-Eltern und meinem eigen Fleisch und Blut. Zora, das fühlte sich gut an, die geballte Fan-Energie ringsum zu spüren und in stolze Augen blicken zu können.

Das Spiel raste. Taktisch überlegen starteten wir in die Begegnung. Nun, leider half uns eben jene Überlegenheit nicht viel, denn die Russinnen griffen uns frühzeitig an und störten unsere so fleißig einstudierten Spielvariationen. Gegentor. In Führung ging das falsche Team, doch es dauerte nicht lange und wir drehten die Partie zu unseren Gunsten. Ein Kampf. Ende.

Die Fratze grinste, in den Tränensäcken staute sich die Siegesfreude. Eine Welle an Emotionen rollte heran und ich begann auf ihr zu surfen.

Als der Sieg greifbar wurde, überschwemmte mich hingegen die Müdigkeit und ich konnte die anschließende Busfahrt nach Ostrava vollends im Traumland verbringen.

Angekommen in der Stadt, in der die Feinstaubbelastung zeitweise höher als in Peking ist, atmete ich besser nicht so tief ein. Die Industrieschlote thronen in der Skyline Ostravas. Der Fenster-Vorhang in meiner Suite in der Vroni (Hotel Veronika) tut sein Übriges.
Der Abend stand unter dem Feierlichkeits-Stern und es durfte sich herausgeputzt werden. Hineingezwängt in meine Jeans, bewegte ich mich mit meinem hungrigen Grüppchen gen Ostrava-Innenstadt und erwählte ein nettes Restaurant. Es wurde geschwatzt, gespeist und gelacht.

Für dich, Zora, nahm ich dann später in einem kleinen Pub, in dem es nach Kegelbahn-Schuhspray roch, ein feierliches Getränk zu mir. Ich hoffe es mundete dir, so gut wie mir.

Gewiss hielt ich nicht lange durch, denn die Ereignis-Masse dieses Tages genügte für Zwei. Wie gut, dass wir den morgigen Tag der Verarbeitung und Regeneration widmen werden. Meine Mundwinkel befinden sich noch immer auf Höhe meiner Ohrläppchen, meine Zora. Ich hoffe, mich überkommen im Schlaf keine Muskelkrämpfe.

Friedlich grinsend schwebe ich nun gen Schlafgemach und genieße die Freude noch ein kleinen Wenig.

Du darfst mir gern Gesellschaft leisten, Zora!

Deine Laura

(Hinweis: Es erfolgte eine Korrektur der Bemerkung zum vermeintlich besten Abschneiden. Wir drücken aber die Daumen, dass es trotzdem klappt.)

Foto: Iris Müller