Die Rote Zora: Tag sieben

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Katakomben und Power-Chillaxen. Kreativbolzen und Nati-Center Laura Neumann bloggt exklusiv von der Damen-WM in Tschechien. Mitten aus dem Herzen der deutschen Auswahl erzählt sie in ihrem Tagebuch vom unvergesslichen Alltag der Nationalmannschaft am Turnier der besten Floorball-Teams der Welt.

Meine Zora,

Heute ist Bergfest! Wir befinden uns seit nunmehr einer Woche in Tieftschechien und seit gestern in Abgrundtieftschechien.

Der neben meinem Ohr ansässige Glockenturm beendete meine Nachtruhe zeitiger als nötig und ließ mich mein marodes Muskelkonstrukt spüren. Die Matratze der Kategorie extrem-fest trug nicht zur Besserung meines Wach-Zustandes bei und katapultierte mich direkt an den Frühstückstisch. Das Frühstücksbuffet musste ich gewiss auf Herz- und Nierenpastete prüfen und verteile das Prädikat manierlich.

Die Anstrengungen des Vertilgens verlangten nach einer Verdauungspause, bevor es erstmalig in die monströse ČEZ Aréna ging, um ein Training zu absolvieren.

Oh Zora, du kannst dir ja gar nicht vorstellen, welches Ausmaß diese Veranstaltungshalle annimmt. Eine Zuschauerkapazität von etwa 10.000 und komplett blau bestuhlt. Ein blaues Wunder.
Bereits die Katakomben, in denen sich der Kabinen-Trakt versteckt hält, bieten genügend Platz, um sich selbst zu verlieren. Glücklicherweise fanden alle Spielerinnen den Weg auf den grünen Boden unseren Vertrauens, sodass mit dem lockeren Training begonnen werden konnte. Zu meiner Enttäuschung fühlte sich der Gerflor dumpf und langsam an. Neugewöhnung. Die Kameras und Großbildschirme, sowie die beiden Deko-Autos am Rande des Spielfeldes wurden gewiss in unsere Erkundungen eingebastelt. Ich konnte mich nur schwer davon abhalten, die Standfestigkeit der Autolackierung unter meinem Dauerbeschuss zu testen, doch dank meiner mentalen Ruhe, bewahrte ich Contenance.

Liebchen, normalerweise bin ich es, die auf einem der blauen Stühle außerhalb des Spielfeldes Platz nimmt. Als Zuschauerin. Morgen soll ich es sein, die umringt von tausenden Sitzplätzen auf einem Floorball-Feld, ihr Besten geben soll. Die Knie wurden beim Verlassen der Halle kurzzeitig zu Wackelpeter, doch ich wurde mir schnell bewusst, dass es Stolz und Freude braucht, um hier ein gutes Spiel abzuliefern und diese einmaligen Erfahrungen sammeln zu können.

Zurück in der Vroni, konnte sich erneut herausgeputzt werden, denn der Nachmittag durfte frei dem Power-Chillaxen oder dem Erkunden der Umgebung gewidmet werden.

Da ich meinen Zustand als entspannt definierte, entschloss ich mich gemeinsam mit meiner familiären Begleitung für einen Ausflug in eines der Shoppingcenter, die Ostrava zu bieten hat. Zora, hier in Ostrava kann der Weihnachts-Modus nicht aktiviert werden, denn scheinbar gibt der gemeine Tscheche gar nichts auf Dekoration und Ästhetik.

Das Shopping-Center ließ mich die Augen vor dem Grau am Himmel und dem Charme der Industrie verschließen. Leider blieben meine Sehapparate dafür weit geöffnet für Schnäppchen und schicke Teilchen. Zora, ich war erfolgreich und habe auch dir etwas mitgebracht. Die neuen Schuhe, trage ich gerade, während ich deine Seiten betinte.

Da Konsumgelüste meist Hand in Hand mit einem aufkommenden Kohldampf gehen, traf sich das komplette Team bei einem Italiener, um das letzte Abendmahl, vor dem Viertelfinal-Spiel, zu sich zu nehmen. Delikat abgespeist statteten wir sodann dem Spiel Schweden-Lettland eine Stippvisite ab. So nahm ich also doch den Platz auf dem Zuschauerrang ein. Das war mir am heutigen Abend auch wesentlich angenehmer, denn uns wurde brisant aufgezeigt, in welcher Verfassung die schwedischen Damen an dieser WM teilnehmen. Unschlagbar. Beeindruckende Technik gepaart mit Schnelligkeit und Spielverstand. Schön anzusehen.

Als wir die Vroni zurückerreichten, eilten wir in die Arme einer kurzen Theorieeinheit und der Einstimmung auf die Eidgenossinnen. Wir können nur gewinnen, lautete das Fazit des Abends. Ich für meinen Teil, liebe Zora, habe mir vorgenommen, mich gut vorzubereiten und mein Bestmögliches auf das Spielfeld zu schmettern!

Also werde ich nun, ganz strebsam, mein taktisches Auge scharf stellen und meinen Erfahrungsschatz durchforsten. Die Skala meines Motivations-Fieberthermometers genügt nicht, für die Hitze, die ich produziere. Ich brodele, Zora.

Vor dem Zubettgehen, werde ich das Fenster öffnen.

Träum süß, Zora.

Deine Laura

Foto: Iris Müller