Die Rote Zora: Tag 10

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Fernbedienung und Tanzschuhe. Kreativbolzen und Nati-Center Laura Neumann bloggt exklusiv von der Damen-WM in Tschechien. Mitten aus dem Herzen der deutschen Auswahl erzählt sie in ihrem Tagebuch vom unvergesslichen Alltag der Nationalmannschaft am Turnier der besten Floorball-Teams der Welt.

Zora, leck mir die Stiefel,

mein Erholungszeitraum in der letzten Nacht glänzte nicht durch seine Geräumigkeit. Träge, unausgeschlafen und mit wehleidigem Gesicht trat ich in den ersten Kampf des Tages in den Frühstückssaal. Heute im Ring: die Wurst und ich. Mein Magen-Darm-Trakt nahm nur widerspenstig auf, was mein Kauapparat so mühsam zerkleinerte.

Den meisten Damen erging es ähnlich wie mir, sodass das Bild von malmenden Kühen auf einer Weide entstanden sein musste. Schwerfällig bewegte die müde Muskulatur das geschundene Knochengerüst.

Direkt nach dem Akt der Nahrungsaufnahme fanden wir uns zu einer knappen Theorieeinheit zusammen. Der bekannte Gegner wurde kurz vorgestellt und Lehrsätze verfeinert.

Die letzte Abreise in Richtung Čez Aréna startete und wir schafften es erneut uns in den Katakomben dieses Monuments nicht zu verlaufen.
Ich deutete die Ruhe in der Kabine und während des Einspielens als die „Ruhe vor dem Sturm“. Leider liegt meine Stärke nicht im Wahrsagen, beziehungsweise hatte ich meine Glaskugel vergessen und prompt schenkte uns Polen das erste Gegentor ein.

Jene Ruhe zeigte uns auf, dass unsere Kräfte geschwunden waren und jede Spielerin ihre Aufgabe darin sah, auf sich selbst zu achten, anstatt miteinander zu spielen und die Gegnerinnen mit Spielintelligenz und Pfiffigkeit zu überlisten. Ein Kampf gegen sich selbst.

Ach Zora, ich war mir so sicher, dass wir die Polinnen schlagen würden! Dann das, erneut verlassen wir eine Weltmeisterschaft mit einer Niederlage. Zwar versuchte ich die letzten 60 Minuten WM-Feeling zu genießen und die Erinnerungen in meinen Gedächtnis-Stein zu meißeln, doch der Hammer ließ sich gar schwer schwingen, sodass im Moment nur das Wort „Niederlage“ geschrieben steht. Hoffentlich werde ich bis zum morgigen Tag die erreichte Leistung wertschätzen können und meinen Stolz wieder ausgraben können.

Polen war ein schlagbarer Gegner, doch es hätte Glück und die Kraft aller Spielerinnen gebraucht, um zu gewinnen. Wir verlieren als Mannschaft und hinterlassen definitiv einen positiven Eindruck, das tröstet mich minimal. Wir haben Fans gesammelt und standen füreinander ein.
Zoralein, bei diesem Teamgeist wird mir ganz schwummrig und warm.

Den übrigen Teil des Nachmittags verbrachten wir mit der Beobachtung und Analyse der Halbfinalbegegnung Finnland-Schweiz. Der finnische Schopf wedelte dabei in einem Tempo über das Spielfeld, dem die Eidgenossinnen nicht gewachsen waren. Sie riskierten viel, doch in das Finale werden eindeutig die Skandinavierinnen einziehen. Gröhlende Fanmassen schwängerten die Luft mit Euphorie und ich atmete letztmalig tief ein, denn es würde das letzte Mal sein, dass ich mich als Zuschauerin auf der blauen Bestuhlung der Arena niederlasse.

Das tschechische Heimspiel gegen die Schwedinnen sah ich mir, zurück in der Vroni, live und in Farbe im regionalen Fernsehen an! Zora, ich musste nur die Fernbedienung zücken, um Floorball zu sehen! Ein grandioses Ereignis!

Ich bin gespannt, was der Abend mir zu bieten hat. Die Wahl meines Outfits werde ich wohl überdenken müssen, denn es lauern überall Kritiker, doch eins ist klar, die Tanzschuhe stehen parat. Deutschland putzt sich heraus und ist, dank des achten Ranges, in feierlicher Laune.

Zora, ich trinke ein Gläschen Sekt auf dich! Versprochen.

Auf in die Nacht!

Deine Laura

Foto: Iris Müller