Stoll: „Enorme Potenziale“

Ab 2009 bis 2014 leitete der Sportpsychologe Oliver Stoll Floorvall Deutschland als Verbandspräsident. / Foto: Rudolf Schuba, floorball-europe.com

Ab 2009 bis 2014 leitete der Sportpsychologe Oliver Stoll Floorvall Deutschland als Verbandspräsident. / Foto: Rudolf Schuba, floorball-europe.com

Nach fünf Jahren im Dienst von Floorball Deutschland trat Oliver Stoll diese Woche als Verbandspräsident zurück. Im Interview mit dem Floorballmagazin erklärt er, was ihn persönlich zu diesem Schritt motivierte, welche Fehler er sich selber eingesteht und was die Szene nun zu erwarten hat.

Floorballmagazin: Blossin wurde von der überwiegenden Mehrheit der Teilnehmer als sehr positiv gewertet. Hat dieser Zuspruch nicht für ausreichend Rückendeckung gesorgt?

Oliver Stoll: Die Konferenz in Blossin war im Prinzip wirklich eine gut angelegte und auch insbesondere durch Jürgen Wetteroth, Anton Sefkow und Gunnar Richter gut moderierte Veranstaltung. Das ist auch von allen Teilnehmern so wahrgenommen worden. Das Problem für mich war der Samstag vormittag, an dem Michael Lachenmaier seinen Bericht zur U19-WM in Hamburg abgegeben hat. Nicht die Tatsache, dass er dies getan hat, denn das war natürlich notwendig und auch gefordert und wichtig. Das Problem entstand als ich wahrnahm, dass dies mehr wie ein „Tribunal“ ablief. Die Berichterstattung war natürlich wie erwartet hoch emotional geladen und musste unterbrochen werden, weil Michael nahe an einer persönlichen, situativen Krise stand. Ich trage seit fast 15 Jahren Personalverantwortung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Meine Mitarbeiter und auch ich machen Fehler, auch im Beruf. Dennoch habe ich noch niemals vorher in meinem Leben eine solche menschenunwürdige Atmosphäre in einem Zusammenhang mit dem Eingestehen von Fehlern erleben müssen.

Die Führung des Floorball-Verbandes Sachsen hatte gestern die Bezeichnung „menschenunwürdige Atmosphäre“ strickt abgelehnt (siehe Artikel „Keine menschenunwürdige Abstrafung„). Wodurch soll sich diese konkret geäußert haben?

Wenn ein Mitarbeiter eines Bundesverbandes in der dort anwesenden Öffentlichkeit, ähnlich wie vor einen Tribunal, mehr oder weniger dazu gezwungen wird, öffentlich Fehler oder Fehlentscheidungen einzugestehen und er emotional so belastet ist, dass eine längere Pause nötig wird, da sonst zu befürchten ist, dass der Mitarbeiter unter Umständen ansonsten zusammenbricht, dann hat das aus meiner Sicht nichts mehr mit einem konstruktiven Umgang zu tun. Eine rein schriftliche Beantwortung dieser Fragen mit Möglichkeit auf Detailfragen zu beantworten hätte aus meiner Sicht völlig genügt. Ich hatte aber das Gefühl, dass dort jemand „hingerichtet“ werden sollte. Das war zumindest meine Wahrnehmung. Der Rest der Konferenz war aus meiner Sicht dann in der Tat konstruktiv und lösungsorientiert.

Ich hatte aber das Gefühl, dass dort jemand „hingerichtet“ werden sollte.

Im offiziellen Statement verweist ihr gemeinsam vor allem darauf, dass in Blossin auf die offenen Briefe aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen beziehungsweise auf die darin enthaltenen Rücktrittsforderungen nicht eingegangen wurde. Warum nicht? Hättet ihr dieses Thema nicht selbst vortragen können?

Ja, das ist korrekt. Ich habe drei Anläufe unternommen, um diesbezüglich Antworten oder Reaktionen zu erhalten. Gleich zu Beginn am Freitag Abend und dann noch zwei mal am Samstag und am Sonntag. Am Freitag und am Sonntag waren die Verbandsvertreter von Sachsen und Sachsen-Anhalt nicht anwesend. Am Samstag hatte ich das Gefühl, dass mich die drei Vertreter der besagten Landesverbände, zumindest im Plenum, mit meinem Anliegen nicht ernst genommen haben. Dies, gemeinsam mit dem Erlebnis am Samstag vormittag, hat schlussendlich meine Entscheidung maßgeblich beeinflusst.

Auch lässt der Rücktritt die Frage offen, ob man aufgrund der kritischen Haltung lediglich dreier Landesverbände tatsächlich zurücktreten muss. Schließlich stärkte die Mehrheit der Landesverbände dem Dachverband zuletzt den Rücken. Hätte man hier nicht oponieren können? Schließlich ist es sportpolitisch nicht unüblich, dass es in Sportverbänden aller Art derartige Oppositionen gibt.

Im Prinzip gebe ich Dir Recht. Dennoch handelt es sich bei diesen drei Landesverbänden um sehr mitgliederstarke Landesverbände und damit aus meiner Sicht um wichtige Säulen innerhalb von Floorball Deutschland. Ich hätte ein großes Problem, mein Amt weiter zu führen, ohne das Vertrauen dieser drei Protagonisten sicher zu sein. Zusätzlich hatte ich nicht das Gefühl, dass alle anderen Landesvertreterinnen und -vertreter, außer Niedersachsen, sich der Problematik der Rücktrittsforderungen angenommen haben. Eher wandten sie sich vertrauensvoll in Richtung geschäftsführender Vorstand und äußerten sich zumindest nicht explizit im Plenum. Sehr wohl habe ich individuelle Unterstützung und Wertschätzung unserer Arbeit in den Konferenzpausen wahrgenommen.

Du hättest dir also eine öffentliche Rückendeckung durch die anderen Landesverbände gewünscht, richtig?

Ja, genau.

Aber gibt es eigene Entscheidungen oder Handlungen, die du rückblickend als Fehler bezeichnen würdest?

Eine wirklich schwer zu beantwortende Frage. Ich war von Anfang an davon überzeugt, dass wir den DOSB Beitritt so schnell wie möglich schaffen müssen. Hierzu brauchen wir eben Mitglieder. Darüber hinaus kämpfte und kämpft die IFF an der „Olympischen Front“ und Deutschland ist ein „Key-Player“ im internationalen Geschäft. Wir brauchen die IFF und die IFF braucht uns. Die beiden U19-Weltmeisterschaften, die wir durchgeführt haben, hatten eine große Außenwirkung auf beide aktuellen beziehungsweise zukünftigen Partner. Die strukturellen Weichenstellungen, Stichwort „bezahlte Stellen“, und die Aufteilung der Macht und somit auch der Verantwortung auf die Landesverbände in Form des Gesamtvorstandes waren aus meiner Sicht notwendig und ein richtiger und wichtiger Schritt. Was ich mir eventuell vorwerfen lassen muss ist, dass ich nicht immer und zu jeder Zeit voll und ganz Einblick und Kontrolle über einige internen Prozesse hatte. Hier hätte ich unter Umständen regulierend eingreifen können, also etwa was die Vorgänge rund um die U19-WM in Hamburg betrifft. Auch hatte ich die wachsenden Aufgaben zusammen mit dem schnellen Mitgliederwachstum einfach unterschätzt. Möglicherweise muss der Bundesverband jetzt erst einmal einen Schritt zurück gehen. Das würde ich persönlich zwar sehr bedauern, aber wenn es dazu führt, dass er dann „gesund“ wachsen kann, dann ist dies eben notwendig.

Ich hatte die wachsenden Aufgaben mit dem schnellen Mitgliederwachstum einfach unterschätzt.

Wie geht es jetzt weiter? Laut Pressesprecher Mathias Liebing willst du den DOSB-Beitritt noch begleiten? Trittst du auch von deinen Ämtern bei der IFF zurück?

Ja. Ich bin 2008 mit dem Ziel angetreten, diesen Bundesverband in den DOSB zu führen. Dies wird mir nun jetzt nicht mehr als Präsident gelingen, aber ich werde alles nur erdenkliche dafür tun, dass dies auch dieses Jahr, dann eben in einer anderen Funktion für den Verband, gelingen wird. Ich habe mich zumndest in Blossin dazu bereit erklärt, eine Arbeitsgruppe, die sich ausschließlich mit dieser Aufgabe befaßt, zu führen. Ich habe die IFF über meinen Schritt schon vorgestern informiert. Tomas Eriksson wünscht in der kommenden Woche ein persönliches Gespräch mit mir, um die Sachlage zu sondieren. Er hat mir schon jetzt mitgeteilt, dass es keinen Automatismus gibt, dass ein anderer, neu gewählter Präsident von Floorball Deutschland, Mitglied im Central Board der IFF wird und mich ersetzt, sondern dass die Wahlen persönliche Wahlen sind. Er hat mich darum gebeten, keine vorschnellen Entscheidungen vor unserem Gespräch zu treffen. Diesen Ratschlag nehme ich erst einmal an und warte dieses Gespräch ab.

Aus deiner Sicht, welche Schritte muss der Verband, muss vielleicht die ganze Szene gehen, um aus dieser Krise herauszufinden und wieder die Entwicklung anzukurbeln.

Du wirst verstehen, dass mir hierzu aktuell eine stringente und einfache Antwort schwer fällt. Ich denke, dass in Floorball Deutschland nach wie vor enorme Potenziale schlummern. Ich denke auch, dass die aktuell handelnden Personen im Gesamtvorstand prinzipiell sehr konstruktiv und lösungsorientiert ausgerichtet sind. Das ist eine gute Voraussetzung. Es wird dann also eine Person gesucht, die national wie international einen guten Ruf und gute Kontakte in die Sportwelt hat, die finanziell vom Floorballgeschäft unabhängig ist und die keine Regional- und Vereinsinteressen vertritt und zusätzlich in der Lage ist, die teilweise divergierenden Interessen, die es in Floorball-Deutschland gibt, so zu moderieren, dass eine gemeinsame Zielerreichung möglich ist. Diese Person muss dies dann eben besser machen als ich dies versucht habe. Hierzu sind meines Erachtens jedoch auch weitere Strukturentscheidungen nötig sowie das Festhalten am Budgetplan, den wir am 19.12.2013 im Gesamtvorstand beschlossen haben. Eine Umkehr bedeutet meines Erachtens nach einen drastischen Rückschritt in der Entwicklung von Floorball Deutschland.

Siehst du in deinem Umfeld Leute, die du in den Vorstand laden würdest? Welchen Rat würdest du ihnen auf den Weg geben?

Ich sehe aktuell niemanden, der die genannten Kriterien erfüllt. Ich sehe jedoch einige Personen, deren Engagement und Hintergrundwissen sowie verbandspolitische Kompetenzen groß genug wären, um zumindest die nächsten wichtigen Entwicklungsschritte einleiten zu können. Bitte erspare mir jetzt, Namen nennen zu müssen, denn eine solche Entscheidung, also als Präsident, Vizepräsident, Schatzmeister oder Jugendverbandsleiter zu kandidieren, möchte ich weder vorgeben, noch in irgend einer Art und Weise beeinflussen. Dies empfinde ich als meine persönliche ethische und moralische Pflicht nach einem solch drastischen Schritt, den ich gegangen bin.