Brechbühler: „Es geht weiter“

Die deutsche Auswahl überzeugte mit hohem Spieltempo, scheiterte aber in den entscheidenden Spielen. / Foto: IFF

Die deutsche Auswahl überzeugte mit hohem Spieltempo, scheiterte aber in den entscheidenden Spielen. / Foto: IFF

An der U19-Weltmeisterschaft in Polen belegte Deutschland trotz überwiegend attraktiven Spiels nur Platz drei der B-Division. Bundestrainer Brechbühler sucht keine Ausflüchte, mit dem Resultat sei er nicht zufrieden. Die Entwicklung der Juniorinnen sei aber dennoch bemerkenswert.

Floorballmagazin: Wir rollen das Feld von hinten auf. 3:1 geführt, dann kurios verstolpert. 5 Gegentore insgesamt. Es sah danach aus, als hättet ihr Probleme mit dem punktuellen Forcheching der Kanadierinnen gahabt (siehe „Kuriose Pleite gegen Kanada„). Ist das richtig?

Simon Brechbühler: Also um eines vorweg zu nehmen. Das Spiel gegen Kanada ist wohl eines der kuriosesten in meiner gesamten Karriere gewesen. Ich denke, es war nicht mal zwingend das Forechecking. Wir waren schlicht mit uns selber überfordert. Es haben so viele kleine Dinge nicht gepasst in diesem Spiel. Ich habe auch jetzt mit etwas Distanz noch keine Erklärung dafür. Und Kanada war in den Einzelaktionen einfach unglaublich bissig, Hut ab.

Dabei wart ihr eigentlich die aktivere Mannschaft, warum haben im entscheidenden Moment wie gegen Norwegen die Tore gefehlt (siehe „Deutschland scheitert an Norwegen„)?

Ich denke nicht, dass die Tore gefehlt haben. Norwegen war mit Abstand die beste B-Division Mannschaft der letzten fünf Jahre. In meinen Augen waren sie die Nummer fünf an diesem Turnier. Wenn sich Chancen ergeben haben, konnten wir sie meist auch nutzen. Ich sehe das Problem vielmehr im Erspielen von Torsituationen. Sobald der Gegner stärker wird und die Räume in der gegnerischen Hälfte enger, fällt es uns schwer überhaupt hochkarätige Chancen herauszuarbeiten. Nur mit Kampf und Tempo reicht das leider nicht. Dazu braucht es auch Technik und Ballgefühl. Wir haben schon bei der WM der A-Damen festgestellt, dass unsere Spielerinnen technisch größere Defizite haben als der Gegner. Wir brauchen zu lange von der Ballkontrolle bis zur Ballagabe. Auf Stufe des Nationalteams dies ändern zu wollen, ist sehr schwierig. Da werden wir uns mit den heimischen Trainern austauschen müssen und neue Lösungen suchen. Zur Frage zurück, ich denke nicht dass es an den Toren gelegen hat.

Ihr wart ins Turnier ihr mit zwei hohen Kantersiegen gestartet, Norwegen durfte gegen Kanada ran. War das vielleicht die bessere Vorbereitung fürs Schlüsselspiel?

Ich war dankbar, dass wir gegen Österreich und Ungarn starten durften. Das hat uns Selbstvertrauen gegeben. Zugegeben war es schwierig für uns alle, nach dem Norwegen-Spiel den Spannungsbogen erneut aufzubauen, beziehungsweise aufrecht zu erhalten. Im mentalen Bereich wäre auf Trainer- wie auch auf Spielerebene mehr raus zu holen gewesen.

Dennoch hat die Mannschaft einen sehr guten Eindruck gemacht. Was hat dieses Team in deinen spielerisch ausgezeichnet?

Wir sind deutlich weiter als noch vor zwei Jahren. Wir haben mehr trainiert und mehr ausgebildet. Die Resultate standen nie an erster Stelle. Vielmehr wollten wir möglichst viele Spielerinnen auf ihrem Weg begleiten und sie im Floorball weiterbringen. Dies ist uns sicherlich gelungen. Im teamtaktischen Bereich haben wir gut gearbeitet und konnten eine anspruchsvolle Taktik spielen. 45 Minuten gegen ein Team wie Norwegen mit einem Forechecking spielen zu können ohne dabei einen Gegentreffer aus einem „gewöhnlichen Gegenangriff“ zu erhalten, dies zeichnet die Klasse dieses Teams aus. Auch im physischen Bereich konnten wir stark zulegen. Hier zeigten sich zu Beginn der Kampagne erneut eklatante Mängel bei vielen Spielerinnen. Zur WM waren wir physisch aber sicherlich nicht schlechter aufgestellt als andere Teams. Im individualtaktischen Verhalten reichte uns die Zeit nicht.

Wir und auch die anderen Nationen haben in den letzten zwei Jahren einen qualitativ großen Schritt gemacht.

Durch die Niederlage gegen Kanada muss sich Deutschland mit Platz drei in der B-Division begnügen. Bist du zufrieden?

Um ehrlich zu sein, nein, ich bin nicht zufrieden. Es ist hart eine solche Niederlage zu akzeptieren. Zumal wir wissen, dass wir es viel besser machen können. Ich habe den Spielerinnen im letzten Jahr so oft gepredigt, dass wir es nicht für die Resultate, sondern nur für die eigene Entwicklung machen. Jetzt merke ich selber, wie schwierig es ist, sich nur auf die Entwicklung, den eigenen Einsatz zu konzentrieren und nicht den Glauben zu verlieren, wenn das Resultat nicht stimmt.

Irgendwie auch nachvollziehbar.

Klar und es stimmt mich auch positiv. Genau das zeigt ja, dass es uns allen nicht egal ist, wie das Resultat war und alle Spielerinnen und auch der Staff bereit sind, aus solchen Niederlagen zu lernen und es beim nächsten Mal besser zu machen. Was man auch nicht vergessen darf sind die Umstände der vergangenen Monate. Zuerst vor eineinhalb Jahren der Rückzug der U19-Teams, die Freistellung des bisherigen Staffs und jetzt die gesamte Vorbereitung mit der Doppelbelastung sämtlicher Trainer mit A-Damen und U19. Da kam sicherlich einiges zu kurz. Auch die Umstände innerhalb des Verbandes gingen nicht spurlos vorbei. Wenn man dies alles mal außenvorlässt, können wir mit der Entwicklung der Mannschaft sehr zufrieden sein. Das Resultat ist schade, wird aber bald vergessen sein. Bleiben werden die großen Fortschritte aller Beteiligten. Wir und auch die anderen Nationen haben in den letzten zwei Jahren einen qualitativ großen Schritt gemacht.

Wie geht’s weiter? Bleibst du Coach der U19-Auswahl?

Es geht weiter. Das ist erstmal das Wichtigste. Wie genau das ausschauen wird, wird zur Zeit mit der sportlichen Führung diskutiert. Ich werde Deutschland auch nach dieser WM weiterhin zur Verfügung stehen. Klar ist aber, dass ich nicht noch mal zwei Jahre die Doppelbelastung zweier Teams machen kann. Dasselbe gilt für meinen Staff. Es stehen Personen bereit, welche in der U19, wie auch bei den Damen Verantwortung übernehmen können und auch wollen. Wie letztendlich die Konstellation genau ausschaut und wer welche Verantwortung trägt, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Dies ist Sache des Sportdirektors und des neuen Vorstandes.