No Country for Old Men

Alte Männer braucht das Land - und sie brauchen den Sport. / Foto: Rudolf Schuba

Alte Männer braucht das Land – und sie brauchen den Sport. / Foto: Rudolf Schuba

Jugendkult an jeder Ecke. Alle U19, U17, U-irgendwas. Alte Haudegen haben es in der deutschen Floorball-Bundesliga nicht einfach. Die Besten von ihnen kann man an einer Hand abzählen. Das haben wir getan. Eine Hommage.

aus Printheft #4 02/2013

Ein Kalter Krieg, sieben Mondlandungen, zwölf Beatles-Alben, Rocky eins bis fünf, die Erfindung von Floorball, Internet und der Hand Gottes, Geburt und Tod von Kurt Cobain, Lady Di und Jeff Buckley aber kein Leverkusener Meistertitel – zusammengefasst 37 Jahre trennen die Geburtstage von Ralf Hallerstede, den ältesten, und Marcel Westermann, den jüngsten aktiven Bundesligaspieler. Der Rest der 226 Aktiven kam irgendwann innerhalb dieser langen Spanne auf die Welt, der Großteil davon als Kinder der Wende.

Tatsächlich ist die Floorball Bundesliga ein besonders junger Wettbewerb, jünger als alle Spitzenligen im Ausland, auch als jene in anderen Sportarten wie Fußball, Handball oder Basketball. Und dass mangelnde Lebenserfahrung wenig mit sportlichem Erfolg zu tun hat, beweist der Vize-Meister aus Weißenfels, der mit Abstand den jüngsten Kader der Konkurrenz stellte.

Und trotzdem macht sich eine Sehnsucht nach kantigen Charakteren breit, nach Typen, deren verheilte Narben auf Haut und Seele Geschichten zu erzählen wissen. Geschichten von Sieg und Ehre, von Häme und Scheitern. Aufgefrischt mit der einen oder anderen Erinnerung, die sich doch so viel besser macht als jene Wahrheit, die sowieso niemand hören will und die man sich in langen Nächten aus dem Mark gefeiert hat.

26 Spieler haben zum Abschluss dieser Saison ihren 30. Geburtstag passiert. Was in anderen Sportarten nicht wirklich für Aufsehen sorgt, ist im Floorball mehr als eine Erwähnung wert. Und das aus zweierlei Gründen. Während im Handball oder Basketball, im Eishockey und im Fußball sowieso, die Sportart als Berufung nicht nur Leidenschaft, sondern auch Geldgeber weckt und Aktive mit meist überdurchschnittlichen Einkünften absichert, stellt Floorball für deutsche Sportler, bis auf wenige Ausnahmen, eher ein zeit- und kostenintensives Hobby dar. Die berufliche Karriere fordert in der Regel spätestens nach Ausbildung oder Studium ihren Tribut. Die Zeit wird knapp und knapper. Der Aufwand wächst hingegen stetig, denn Floorball will boomen. Wo es geht. Kaum eine andere Sportart, die sogar auf Spitzenniveau als reine Amateurdisziplin verfolgt wird, prägt ein derartiger Anspruch wie Floorball.

Der zweite Grund, weshalb das Haltbarkeitsdatum ambitionierter Floorballer in Deutschland derart beschränkt scheint, ist die sportliche und vor allem medizinische Betreuung. Obwohl ein attraktives Floorballspiel auf harte Checks verzichten darf, wird der Körper eines jeden Floorballers durch die Natur der Sportart erheblich beansprucht. Vor allem Gelenke lassen sich kaum schonen und weisen Aktive häufig früh in die Schranken. Eine körperliche Ausbildung, welche die Gesundheit des Sportlers durch den Aufbau entsprechender Muskulatur stützt, wird in frühen Jahren meistens vernachlässigt und kann in fortgeschrittenem Alter nur noch bedingt aufgeholt werden. Vermeidbare Verletzungen werden in Amateurvereinen selten mit der notwendigen Kompetenz und Voraussicht behandelt.

George Bernard Shaw behauptete einst, alte Leute seien gefährlich, denn sie hätten keine Angst vor der Zukunft. Und so schaffen es nicht wenige Veteranen dennoch auch weit jenseits der Dreißig ihr unverzichtbares Können unter Beweis zu stellen. Auf internationalem Parkett wurde Mika Kohonen mit 35 Lenzen zum Weltfloorballer 2013 gewählt, Mathias „Bult“ Larsson führte Malans mit 39 zum Schweizer Meistertitel. Der Kern der finnischen Nationalmannschaft bestand an der vergangenen WM praktisch nur aus Ü30ern – und war vielleicht auch deshalb gescheitert.

Elan, Fitness und Hunger junger Spieler lassen sich nur selten vollends mit Routine und Übersicht verdienter Recken ausstechen. Der Mix macht‘s. Obwohl der Altersdurchschnitt der Bundesliga in der abgelaufenen Saison weiter sank, spielten erfahrene Spieler an der Seite jüngerer Mitstreiter eine wichtige Rolle. Ruhepol Mattias Persson und Offensivbolzen Christian Fritsche feierten mit den Leipziger Löwen den lang ersehnten Meistertitel, Robert Blanke führte als Kapitän und letzter Verbliebener der ersten Weißenfelser Bundesliga-Generation seinen UHC zumindest ins Finale. Vermutlich das letzte Mal. Mit Abwehrfels Marek Brincil und Knipser Kai Inkinen absolvierte Berlin dank routiniert kaltschnäuziger Auftritte herausragende Playoffs und eroberte überraschend Bronze. Hamburg blieb in diesem Jahr zumindest das Endspiel des final4 in Chemnitz, mit überzeugenden Auftritten des unverwüstlichen Sebastian Grass und des großartigen Spielgestalters Tomas Kasemets.

Doch welchen Mehrwert bringen solche Spieler dem Wettbewerb außer der Stabilität innerhalb ihrer eigenen Reihen? Tatsächlich können junge Spieler von Fritsche, Brincil oder Kasemets lernen, wie pragmatisch es Floorball zu spielen gilt. Seit Jahren produzieren deutsche Vereine junge Spieler, deren technische Fähigkeiten herausragend sind und jenen der Konkurrenz in Finnland oder Tschechien häufig nur in wenig nachstehen. Doch fehlen in den entscheidenden Jahren sportliche Vorbilder, die ihnen zeigen, wie einfach eigentlich dieser Sport sein kann. In individual-taktischen Kompetenzen fallen deutsche Teams auf internationalem Parkett nämlich häufig durch.

Darüberhinaus hat man hierzulande mit einem Trainerproblem zu kämpfen. Viele potenzielle Übungsleiter, die die zweite Hochzeit der Sportart Mitte des vergangenen Jahrzehnts erlebt hatten, sind noch immer selber aktiv. Das wird sich in nächster Zeit ändern. So wird zwar der eine oder andere Publikumsliebling die Kelle an den Nagel hängen, schafft es ein Verein aber ihn als Trainer zu begeistern, wird die scheidende Generation der Sportart auch neben dem Spielfeld neuen Auftrieb geben können.

„Ich werde die Zeit mit den Jungs vermissen“, meint Tomas Kasemets, der im Viertelfinale gegen Berlin sein letztes Spiel für den ETV machte. Zum Abschied gibt der schlaksige Schwede mit der Körperbeherrschung einer sowjetischen Primaballerina allen Teams einen wichtigen Rat mit auf den Weg: „Nehmt alle mit, lasst niemanden auf der Strecke. Die Schwachen und die Jungen brauchen, dass man ihnen Halt gibt.“ Dafür sind auch die alten Männer da, von denen es in diesem Land irgendwie trotzdem viel zu wenige gibt.

cover0114Das hier ist ein Archivartikel aus einer unserer Printausgaben. Wenn du weitere solche Artikel aus den Untiefen der Floorball-Welt lesen möchtest, findest du diese auch in unserer aktuellen Printausgabe. Das gedruckte Floorballmagazin findest du entweder bei jedem guten Fachhändler oder du orderst es mit deinem Verein zu besonderen Konditionen unter redaktion@floorballmagazin.de.