Little Big Man

In Siegerpose - Mathias Hofbauer. / Foto: Privatarchiv Hofbauer

In Siegerpose – Mathias Hofbauer. / Foto: Privatarchiv Hofbauer

Abgedruckt: Tatsächlich ist Matthias Hofbauer nicht nur einer der besten Spieler der Welt, sondern vor allem einer der wichtigsten. In der Schweiz ist Unihockey Hofbauer und Hofbauer ist Unihockey. Die Geschichte einer Gallionsfigur.

aus Printheft #4 01/2013

Es waren gemischte Gefühle, mit denen sich die Schweizer Floorballer ihre Bronze-Medaillen um den Hals hängen lassen mussten. Dass die Eidgenossen an der WM im eigenen Land wenn schon kein Gold, dann zumindest irgendein anderes Edelmetall erobern durften, hätte eigentlich als angenehmes Trostpflaster durchgehen dürfen. Doch im gesamten Turnierverlauf hatte Nykkys Auswahl keine der Topnationen stürzen können, im Halbfinale scheiterte man nach Verlängerung an Finnland, der 8:0-Sieg gegen Deutschland um Platz drei war bestenfalls eine versöhnliche Kür, keinesfalls aber ein sportlicher Kraftakt.

„Soviel ich weiß, haben wir gegen die vier erfolgreichsten Teams des Turniers eine 1:1-Bilanz,“ widerspricht Matthias Hofbauer. Dass man die schon im Viertelfinale gescheiterten Tschechen nicht gesehen habe, sei ja kein Problem der Schweizer. Dennoch schwingt beim Schweizer Kapitän Einiges an Enttäuschung mit, hatte die Heimmannschaft gerade an dieser WM einen sportlichen Zenit erreichen wollen. „Bereits unsere letzten beiden Halbfinals gegen Schweden waren eng. Diesmal brachten wir Finnland an den Rand einer Niederlage. Das Finale am Ende aber wieder zu verpassen und dies im eigenen Land nach guten Leistungen, tut natürlich weh“, gesteht der 31-Jährige.

Hofbauer selber trug sich mit seinem zweiten Treffer gegen Deutschland in die Annalen der Floorball-Historie ein. Mit 80 Punkten, für 41 Tore und 39 Vorlagen, ist der nur 173 cm große Eidgenosse nun erfolgreichster Scorer der WM-Geschichte vor Willy Fauskanger (78 Punkte). Für den Überraschungsgegner im Medaillenspiel hat Hofbauer viel Respekt übrig. „Dass Deutschland über ein paar sehr gute Spieler verfügt, wussten wir ja bereits vor dem Turnier. Aber die Qualität der sogenannten Durchschnittsspieler ist deutlich gestiegen. Das merkte man“, lobt Hofbauer. Man habe ja bereits beim Qualiturnier gezeigt, dass ein Team wie Norwegen in Reichweite ist. „Ich denke schon, dass dieser Erfolg bei allen Konkurrenten nachhaltige Spuren hinterlässt.“

„Unihockey ist Hofbauer“

Hofbauers Fachkenntnis wird geschätzt, nicht nur als fast schon regelmäßiger Gast im „Sportpanorama“, dem Schweizer Pendant zur Sportschau. Der Routinier gilt als Ikone des Sports, Star der Szene und als ihr wichtigster Botschafter. „Unihockey ist Hofbauer, so wohl die öffentliche Meinung“, beschreibt Reto Voneschen, Redakteur von unihockey.ch. Vor und während der WM sei Hofbauer mit Medienanfragen extrem gefordert worden, habe es aber herausragend gemacht, entspannt, souverän und sympathisch. Seitdem er beim Hauptsponsor Mobiliar arbeitet, könne er seine Ideen zur Förderung des Sports noch besser einbringen, erklärt Voneschen. Das „Gastspiel“ der Superligan-Teams Warberg und Storvreta zu Beginn der Saison sei Hofbauers Idee gewesen.

Der Weg zur Ikone war aber ein langer und dauert bis heute fast zwanzig Jahre. Mit 13 Jahren stolperte Hofbauer dank seiner Freunde zum ersten Mal über „Unihockey“, wie die Sportart in der Schweiz weiterhin genannt wird. „Die Trainings in meinem Stammverein SV Wiler-Ersigen konnte ich mit dem Fahrrad binnen zehn Minuten erreichen, und wir hatten bereits zu Juniorenzeiten immer eine Mannschaft mit viel Talent. Deshalb habe ich es dort durchgezogen und der Rest ist Geschichte“, erinnert sich Hofbauer und schätzt seine polysportive Kindheit als sehr hilfreich ein, in der er Judo, Fußball, Tennis und Straßenhockey ausprobierte.

Erfolge für die Ewigkeit

In der NLA gehört Hofbauer früh zu den Spitzenkräften. Mit 21 Jahren, nach fünf Saisons und zwei Weltmeisterschaften, zieht es ihn zu Jönköpings IK nach Schweden. Aus heutiger Sicht sei es für seine Entwicklung besonders gut gewesen, die Komfort-Zone zu verlassen. „Damals waren Auslandtransfers noch etwas spezieller und ich hatte mich selber aktiv um einen Wechsel bemüht“, erklärt Hofbauer. „Dass ich bei JIK landete, war sicher sehr gut für mich. Wir hatten eine sehr junge und talentierte Mannschaft mit Spielern wie Daniel Calebsson oder Johan Anderson, welche auch noch am Anfang ihrer Karrieren standen.“

Nach Hofbauers Rückkehr erlebt er zusammen mit seinem Bruder Christoph bei Wiler die vielleicht erfolgreichsten Jahre. Um den Schritt von einem guten Team zu einem Meisterteam zu vollziehen, benötigte man aber enorm viel Geduld und harte Arbeit. Der Verein wird dreimal in Folge Schweizer Meister und Hofbauer stellt mit unglaublichen 94 Scorerpunkten einen Rekord für die Ewigkeit auf. Beim Europacup 2005 in Zürich demütigt Wiler im Endspiel dann sogar den schwedischen Großverein Pixbo Wallenstam mit 9:1 und ist der erfolgreichste Verein des Kontinents. Das Geschwister-Paar Hofbauer ist dabei auch auf dem Platz unzertrennlich. „Der eine oder andere Trainer hat es schon versucht, aber irgendwie landen wir am Ende wieder zusammen in der Linie“, erzählt Mathias Hofbauer und versucht zu skizzieren, wie sich beide Brüder voneinander unterscheiden: „Christoph schießt sicher besser und härter, ich muss mich mit Präzision durchmogeln. Andererseits liegt mir wohl der letzte Pass vor dem gegnerischen Tor etwas mehr.“

Kalter Norden

2007 lockt Schweden ein zweites Mal. Diesmal heuert Hofbauer bei IBK Dalen an und nimmt seinen Bruder mit. In der nordschwedischen Küstenstadt hat er aber nicht besonders lange Zeit sich zu akklimatisieren, denn dort setzt man auf die kongenialen Schweizer. Hofbauer habe davon profitiert, dass sein damaliger Coach Urban Karlsson voll hinter ihm Stand, erinnert sich Voneschen. Es sein schon unüblich gewesen, dass ein „kleiner“ Schweizer gleich Captain wird, trotz seiner unbestrittenen Führungsqualitäten.

Hofbauer gesteht hingegen, dass es gut getan habe, sich wieder richtig über Siege freuen zu können. Bei Wiler sei dies ja zur Selbstverständlichkeit geworden – auch ein Grund, weshalb sich die Brüder nach einem Tapetenwechsel sehnten. In zwei Jahren verbucht Matthias in 48 Ligaspielen insgesamt 30 Tore und 27 Vorlagen, Christoph drei Punkte mehr. Ein Vereinserfolg bleibt aus. Voneschen resümiert nüchtern, „ganz hat Matthias die hohen Erwartungen wohl nicht erfüllt“. Der sportliche Erfolg habe sich ja erst nach der Abreise beider Brüder in Umea eingestellt. Trotzdem seien die Hofbauers immer noch extrem populär bei Dalen: „Am Champions Cup konnten sie keine zwei Minuten in der Halle sitzen, ohne dass jemand mit ihnen quatschen oder ein Autogramm wollte.“

Auf dem Weg zur Bronzemedaille an der Heim-WM. / Foto: Robert Pfiffer

Auf dem Weg zur Bronzemedaille an der Heim-WM. / Foto: Robert Pfiffer

Schwierige Dominanz

Nach der Rückkehr in die Schweiz sitzt Wiler nun auch wieder mit den Hofbauers seine Erfolgsgeschichte fort. Seit sechs Jahren kennt die Liga keinen anderen Titelträger. Eine zwiespältige Dominanz, die insbesondere den Zuschauerzahlen schlecht tut. Ein Phänomen, das hierzulande beim UHC Weißenfels wohl bekannt ist. Stimmen nach einem sogenannten „Superfinale“ werden laut, so wie es in Tschechien oder Schweden der Fall ist, wo ein entscheidendes Playoff-Finale Tausende von Zuschauern in die Arena lockt. Hofbauer, der eines der Gründungsmitglieder der „Athletes Commission“ des Weltverbandes IFF war, sieht das anders.

„Generell dürfen unsere Erfolge kein Argument dafür sein. Manchen Vereinen gelingt es einfach nicht, langfristig etwas aufzubauen und so eine Anziehungskraft zu erzielen. Wenn man jedes Jahr drei neue Ausländer im Team hat, welche dann auch gleich die Teamstützen bilden, hilft das schlussendlich niemandem.“ Außerdem gäbe es für einen Spieler nichts Intensiveres als eine Playoff-Finalserie, sowohl mental als auch physisch. „Warum sollte eine Meisterschaft, welche über viele Monate ausgetragen wird, in einem einzelnen Spiel entschieden werden? Sportlich macht das keinen Sinn“, widerspricht Hofbauer. Im Unterschied zu anderen Ländern, sei in der Schweiz ja der Cupfinal eine Erfolgsgeschichte.

Positive Grundhaltung

Obwohl die Schweiz mittlerweile 30.000 lizenzierte Floorballer zählt, tut sich die Sportart in der medialisierten Öffentlichkeit noch schwer. Hofbauer nach sei es neben Fußball, Eishockey, Ski, Motorsport und natürlich Roger Federer extrem schwierig, sich nur annähernd zu positionieren. Floorball habe bis jetzt eine isolierte Masse bewegt, welche sich jedoch in ständigem Wachstum befände. Kleine Schritte und viel Geduld seien nötig. Durch die Heim-WM habe die Sportart sicher enorm an Akzeptanz zugelegt. In der Schweizer Wirtschaft gäbe es aber noch zu wenige Entscheidungsträger, welche mit Floorball aufgewachsen seien. Aber das werde sich Hofbauer nach ändern.

Natürlich seien auch die Klubs gefragt, doch hätten diese gegenüber der Situation in Schweden oder Finnland erhebliche Nachteile im Bereich der Infrastruktur und kommunalen Förderung, die sich auch auf den Erlebnisfaktor für den Zuschauer oder attraktivere Trainingszeiten auswirken. „Wichtig ist eben eine allgemein positive Grundhaltung zum Sport. In der nordischen Gesellschaft hat der einen höheren Stellenwert.“

Was der Schweiz noch fehle, um den sportlichen Abstand zur Spitze zu verringern? Das Spiel hat enorm an Tempo und physischer Intensität zugenommen. Taktisch seien alle Teams variabler geworden. „Die schwedische Dominanzphase konnte Finnland mit Tempo und Kraft zerschlagen, nun hat Schweden wieder am meisten Dynamik im Spiel“, erklärt Hofbauer. Schweden und Finnland würden dabei von ihrer mächtigen Dichte an Topspielern profitieren. Ist ein wichtiger Spieler verletzt, rückt ein ähnlich Qualifizierter nach. „Der eingeschlagene Weg von uns ist jedoch sicher der richtige – hohes Tempo in den Trainings, mehr Individualtrainings und den Sport 24 Stunden am Tag leben.“

Und Hofbauer möchte auch weiterhin Teil davon bleiben. Schließlich werden die Stars der Szene im Schnitt immer älter und Hofbauer spürt einen Reifeprozess. „Wenn man offen ist, auch mit über 30 Jahren noch dazu zu lernen, kann man sich durchaus noch verbessern. Für mich war schon immer zentral, mein tiefstes Niveau möglichst hoch zu halten, da hilft sicher etwas Routine.“ Zwar stelle Hofbauer schon gewisse körperlichen Abnutzungserscheinungen fest, diese seien jedoch in den letzten Jahren nicht stärker geworden. „Irgendwann mal könnte ich mir wohl schon vorstellen, als Trainer zu arbeiten. Aber nach der aktiven Laufbahn brauche ich wohl zuerst etwas Distanz und Zeit für anderes.“ Das ist zumindest der Plan.

cover0114Das hier ist ein Archivartikel aus einer unserer Printausgaben. Wenn du weitere solche Artikel aus den Untiefen der Floorball-Welt lesen möchtest, findest du diese auch in unserer aktuellen Printausgabe. Das gedruckte Floorballmagazin findest du entweder bei jedem guten Fachhändler oder du orderst es mit deinem Verein zu besonderen Konditionen unter redaktion@floorballmagazin.de.