Notnagel mit Tiefgang

Schon lange allzwecktauglich - Neu-Präsidentin Elke Scholz. / Foto: Floorball Deutschland

Schon lange allzwecktauglich – Neu-Präsidentin Elke Scholz. / Foto: Floorball Deutschland

Die Wahl von Elke Scholz zur neuen Präsidentin kommt zwar aus einer Notlage heraus, ist aber ebenso ein Bekenntnis zur Graswurzelarbeit und Entschleunigung, das dem Verband nach zwei turbulenten Jahren gut tun könnte. Die neue Frau am Ruder im Portrait und Interview.

Vor zehn Jahren bekam die damals 11-jährige Frederike Scholz beim TSV Bordesholm einen Floorball-Schläger in die Hand gedrückt, heute gehört die ehemalige Nationalspielerin zu den Besten des Landes und leistet wichtige Entwicklungsarbeit. Ihre Mutter, Elke Scholz, zog die neue Leidenschaft ihrer Tochter und später auch ihres Sohnes in eine neue Welt hinein.

Ursprünglich hatte Elke Scholz Geographie und Englisch auf Lehramt studiert, arbeitete dann aber in einem mittelständischen Unternehmen für Verkehrsanlagen und klinkte sich als tüchtige „Floorball-Mom“ in die Entwicklung der jungen Sportart in Schleswig-Holstein ein.

„Das Ehrenamt, vor allen Dingen in Positionen, in denen auch viel Verantwortung gefordert wird, ist leider nicht mehr attraktiv,“ meint Scholz. „Die Anreize, etwas mitzugestalten, sind in Zeiten, wo überwiegend nur noch konsumiert wird, verhältnismäßig gering“. Es gehöre nunmal eine Riesenportion Idealismus dazu.

Seit Kurzem ist Scholz bei der Sportjugend Schleswig-Holstein des Landessportverbandes tätig, auch im Vorstand von Floorball Deutschland war sie bereits aktiv und vertrat dort insbesondere Prioritäten des Breitensports. Der frühere Rücktritt von Vorgänger Oliver Stoll forderte eine rasche Lösung. In Schriesheim wählten die Delegierten Scholz ins Amt.

Mit großer Wahrscheinlichkeit wird die Wattenbekerin der Sportart keinen künstlichen Glanz überstülpen wollen, auch ein neuer Drang in Richtung Professionalisierung sollte nicht zu erwarten sein. Vielmehr dürfte der neue Vorstand, dem auch der Oldenburger Martin Günther als Vize-Präsident und Schatzmeisterin Manuela Wagner aus Lehrte angehören, die Stabilisierung der Lage in den Vordergrund rücken. Vielleicht nicht der schlechteste Ansatz nach zwei schwierigen Jahren und drei Monate vor dem ersehnten Eintritt in den DOSB.

Floorballmagazin: Fünf Jahre lang war Oliver Stoll Präsident des Dachverbandes. Die Zeit ist vorbei. Wie hat er dieses Amt geprägt und welche Folgen hinterlässt es für den Verband und deine neue Funktion?

Elke Scholz: Oliver Stoll ist ein Teil von Floorball Deutschland. Er hat für den Dachverband unter anderem sehr wichtige Lobbyarbeit geleistet. Er hat den Kontakt zur IFF gepflegt und gefestigt und den Verband dahingehend geformt und aufgestellt, dass eine Aufnahme in den DOSB möglich wird. Die Stärkung des Bundesverbandes durch den Zusammenhalt der Landesverbände hat der Gesamtentwicklung von Floorball Deutschland gut getan. Es gilt den eingeschlagenen Weg fortzuführen und für Kontinuität zu sorgen.

Beteiligt man sich nicht aktiv am Dialog, darf man später auch nicht kritisieren.

Wie kam es überhaupt dazu, dass du als Kandidatin nominiert und gewählt wurdest?

Als Vorsitzende und Delegierte des zweitgrößten Landesverbandes sah ich es als meine Pflicht an, an dieser wichtigen und wegweisenden Veranstaltung des Dachverbandes teilzunehmen. Beteiligt man sich nicht aktiv am Dialog, darf man später auch nicht kritisieren. Ich habe mich sehr kurzfristig für die Kandidatur entschieden und möchte damit auch ein Zeichen setzen. Die geleistete Arbeit aller ehrenamtlich Tätigen in der Vergangenheit, von den Präsidenten über die Schatzmeister, Kommissionsmitarbeiter, Nationaltrainer, Auswahltrainer, Physiotherapeuten bis zu den Volunteers der zahlreichen Großveranstaltungen von Floorball Deutschland muss eine Wertschätzung erfahren. Kurz, mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich zu dieser wichtigen Delegiertenversammlung fahren muss.

Manuela Wagener und Martin Günther ergänzen dich im Vorstand. Generell gibt es aber ein großes Personalproblem beim Verband. Viele Aufgaben und Kommissionen brauchen Kräfte. Wie will der Verband es konkret angehen, neue Leute für seine Aufgaben zu begeistern?

Unsere Aufgabe ist es das Vertrauen in Floorball Deutschland wiederherzustellen. Konkret bedeutet dies, dass wir alle im Dialog miteinander stehen müssen. Die Kommunikation auf der Basis von Vertrauen und dem respektvollen Umgang miteinander wird uns helfen. Des Weiteren konnten auf der Arbeitstagung am Tag nach der DV bereits erste Ideen und Ansätze für eine Offensive in Sachen Personalakquise erarbeitet werden. Die konstruktive Zusammenarbeit bei dieser Veranstaltung hat schon deutlich gezeigt, dass wir nach etlichen Irrungen und Wirrungen gerade wieder die Ziele vor Augen erkennen können. Hier sollten wir unbedingt auf das Miteinander setzen. Am Ende ist der Weg das Ziel.

„Ich betrachte die Aussetzung der Damen-Bundesliga als Chance.“

Durch deinen persönlichen Hintergrund hast du eine spezielle Nähe zum Damen-Floorball, dessen nationaler Spielbetrieb ein Sorgenkind des Verbandes ist. Wie wertest du die Aussetzung der Bundesliga und wo soll die Reise konkret hingehen?

Auch wenn ich mir mit meiner Antwort jetzt möglicherweise gleich Kritik einhandele, so betrachte ich die Aussetzung der Damen-Bundesliga als Chance. Ich glaube, wir dürfen den Begriff „Sorgenkind“ nicht zu hoch aufhängen. Wenn man den Damen-Floorball einmal mit dem Frauen-Fußball vergleicht und dabei berücksichtigt, wie lange schon Fußball gespielt wird, dann sind wir gar nicht so verkehrt davor. Allerdings sollte man die Floorball spielenden Mädchen viel früher „abholen“. Nicht jedes Mädchen hat Interesse daran, mit Jungs zusammen in einem Team zu spielen. Je mehr Mädchen wir für Floorball in den Vereinen begeistern können, desto besser. Da wir aber noch eine relativ junge Sportart sind, fehlen uns derzeitig noch echte Vorbilder und Ideale. Wir müssen den Fokus noch viel mehr auf die Jugendarbeit legen. Wenn es uns gelingt, in allen Landesverbänden stabile Mädchen-Ligen aufzubauen, haben wir auch eine gute Basis für den Ausbau von regionalen Damen-Teams, aus denen dann möglicherweise irgendwann auch stabile Bundesligateams, und zwar bundesweit, hervorgehen.

Welche Themen siehst du als Präsidentin als besonders akut an? Wo brennt es am meisten?

Ein ganz wichtiger Punkt ist die Fortführung des Ausbaus der Strukturen rund um die Organisation eines Bundesverbandes. Wir haben durch die Fehler in der Vergangenheit viel gelernt und wissen, wo wir ansetzen müssen. Die organisatorischen Abläufe müssen optimiert werden. Ich bin zuversichtlich, dass wir das in den Griff bekommen. Die Finanzen sind selbstverständlich ein ganz wichtiger Punkt. Hier genießt Manuela Wagener mein vollstes Vertrauen. Die Kasse ist bei ihr in guten Händen. Sie führt die finanziellen Geschäfte sehr akribisch, wobei sie mit ihrer Tätigkeit als Schatzmeisterin und der Buchführung mehr als ausgelastet ist. Für den Bereich Finanzen ist es deshalb auch unerlässlich auf ein sicheres System zugreifen zu können, dass für Transparenz in der Vorstands- und Geschäftsstellenarbeit sorgt.
Weitere Themen, die wir als Bundesverband unbedingt nachhaltig angehen müssen, sind die Bereiche Ausbildung und damit eng verknüpft auch die Entwicklung. Wobei wir auch hier immer die personelle Situation scharf im Blick behalten müssen. Zurzeit kann erst mal nur auf ehrenamtlicher Basis geplant werden.

„Wenn jemand ausfällt, werde auch weiterhin Nationaltrikots in meine Waschmaschine stopfen.“

Nun gibt es verschiedene Ansätze ein präsidiales Amt zu begleiten – entweder repräsentativ, visionär oder aktiv, exekutiv. Welche Aufgaben stehen auf deiner persönlichen Todo-Liste?

Uff, schwierige Frage. Ihr kennt mich inzwischen alle viel zu gut und wisst, dass ich nicht nur „repräsentativ“ und beziehungsweise oder „visionär“ vom Spielfeldrand oder auf wichtigen Sitzungen begleiten kann. Wenn etwa krankheitsbedingt mal wieder jemand ausfällt, werde ich auch weiterhin Nationaltrikots in meine heimische Waschmaschine stopfen und waschen. Auf meiner persönlichen To-Do-Liste stehen vorerst das erneute Umorganisieren meines Arbeitszimmers und größere Aufräumarbeiten im seit sechs Jahren in Freiheit dressierten Garten.

Anfang Dezember sollte es nun tatsächlich mit dem DOSB-Beitritt klappen. Wie muss sich der Verband aufstellen, was muss vorbereitet werden, damit man mit dieser Situation professionell umgeht und davon maximal profitiert?

Die Zeit bis Dezember dürfen wir jetzt natürlich nicht tatenlos „aussitzen“. Wir müssen uns gerade auf diese für uns alle neue Situation entsprechend vorbereiten, vor allen Dingen auch im personellen Bereich. Wenn wir für die Betreuung der administrativen Anforderungen eine Person mit entsprechendem Know-how finden könnten, wäre das wie ein Sechser im Lotto. Langfristig sollten wir natürlich mindestens eine weitere bezahlte Stelle in der Geschäftsstelle anstreben. Aber das müssen wir erstmal gemeinsam mit Manuela erarbeiten.