Das Fest der Feste

Ausverkauft in Zürich. Volle Bude auch im Scandinavium? 12.000 Zuschauer hätten Platz. / Fabian Trees www.imagepower.ch / wfc2012

Ausverkauft in Zürich. Volle Bude auch im Scandinavium? 12.000 Zuschauer hätten Platz. / Fabian Trees www.imagepower.ch / wfc2012

Weihnachten ist für Kinder. Im schwedischen Göteborg beginnt mit der Weltmeisterschaft der Herren das wahre Fest. Die Favoritenrollen sind zwar klar zugeteilt, die Ausrichter versprechen dennoch die größte Floorball-Show aller Zeiten. Die ersten Rekorde wurden bereits gebrochen. Auch für die deutsche Entwicklung könnte die WM enorm wichtig werden.

Großes Event mit großen Zahlen

Noch wurde kein Bully gewonnen und schon meldet der Weltverband den ersten Meilenstein. Über 110.000 Tickets habe der schwedische Verband bereits verkauft und damit den tschechischen Rekord von 2008 (104.018 Tickets) gebrochen. Man habe sich hauptsächlich auf die Zielgruppe der 20- bis 25-Jährigen und jene der Familien konzentriert, erklärt Turnier-Chef Magnus Nilsson.

Dies sei vor allem durch die Gestaltung der Preise möglich gewesen. Für deutsche Verhältnisse bleiben diese aber ein ordentlicher Happen. Zwar können Kinder Spiele der Gruppen C und D schon ab 50 SEK (5,50 EUR) besuchen, wer als Erwachsener zum Finale will, muss aber mindestens 300 SEK (32 EUR) zahlen, für die teuersten Plätze sogar 500 SEK (55 EUR).

Dafür hat die Veranstaltung aber auch einiges zu bieten. Das prächtige Areal im Zentrum von Göteborg hortet alle Spiel- und Trainingsstätten an einem Ort. Im Herzen befindet sich dann eine üppige „Fun Zone“, die neben einer Messe für Vereine und Ausrüster und einem Food-Court sogar drei kleine Floorball-Felder sowie mehrere Spielstände anbieten wird.

Und das alles mit einem grünen Siegel. In der ersten Drittelpause der Gruppenparte zwischen Deutschland und Schweden soll dem Ausrichter eine Auszeichnung für nachhaltige Eventplanung überreicht werden. Eine zumindest symbolische Geste, gehört Floorball durch die Herstellung seiner Kunststoff-Ausrüstung und Abhängigkeit an geräumigen Turnhallen doch bislang noch nicht zu den Vorreitern im Umweltschutz.

„Wir haben beispielsweise sämtliche Reisen im Rahmen der Eventplanung entsprechend abgestimmt und umfassende Maßnahmen für den Umgang und die Verwertung von entstehendem Müll getroffen“, erklärt Sofie Engel, Umwelt-Verantwortliche des schwedischen Dachverbandes. Man wolle innerhalb der Szene Zeichen setzen.

WM-Areal in Göteborg. / Foto: IFF, WFC 2014

WM-Areal in Göteborg. / Foto: IFF, WFC 2014

Schweden Favorit, Tschechien Geheimtipp

Aus sportlicher Sicht scheinen die Karten klar verteilt zu sein. Die heimischen Schweden dominierten nach ihrem beeindruckenden WM-Triumph 2012 zunächst in beeindruckender Manier weiter. Nur sporadisch kamen sie ins Wanken. Das allerletzte Kräftemessen gegen den finnischen Erzrivalen endete mit 5:5. Schweden führte kurz vor Spielende mit 5:3, kassierte aber in Überzahl noch zwei Gegentreffer.

Finnlands Chancen stehen nicht allzu gut. Während Schweden ein mutiger Umbruch gelang und Head-Coach Jan-Erik Vaara ein exzellent gewichtetes Team aus jungen Talenten und erfahrenen Spitzenkräften zur Verfügung steht, reist das finnische Team von Petri Kettunen mit der ältesten Equipe des Turniers an – im Kader fähiges aber altes und angeschlagenes Eisen wie Tiitu, Hyvärinen oder sogar der zurückgekehrte Mika Kohonen.

Während die Schweiz in der Vorbereitung etwas dahindümpelte, könnte Tschechien, das 2012 mit einem siebten Rang ein totales Debakel erlebte, zum Geheimtipp avancieren. Den Eidgenossen ließ man zuletzt mit 5:0 wenig Chancen und im Frühjahr gelang sogar der erste Sieg gegen Schweden in der tschechischen Floorball-Geschichte. Zugpferde wie Tomasik oder Jendrisak sind mittlerweile etablierte Größen in der schwedischen Superligan und auch die Breite überzeugt. Nur im Tor bleibt alles beim Alten, Tomas Kafka bleibt Stammkraft.

Auch wenn sich die Lücke zur zweiten Reihe zuletzt zu schließen schien, bleiben Norwegen, Lettland, Estland oder Deutschland weiterhin krasse Außenseiter gegen die „Big Four“. Deutschland trifft in seiner Gruppe auf die Schwergewichte Schweden, Finnland und die revanchefreudigen Letten. Als Dritt- oder Viertplatzierter würden in den Zwischen-Playoffs vermutlich Russland, Kanada oder Dänemark warten, im Viertelfinale die Schweiz oder Tschechien.

Frühes Wiedersehen - Ibold & Co. treffen schon im zweiten Gruppenspiel auf Schweden. / Foto: André Burri, www.burrifotografie.ch / wfc2012

Frühes Wiedersehen – Ibold & Co. treffen schon im zweiten Gruppenspiel auf Schweden. / Foto: André Burri, www.burrifotografie.ch / wfc2012

Deutschland mit frischem Blut

Schon in der Qualifikation musste die Jugend um Bröker, Falkenberger, Burmeister & Co. aufrücken und erledigte ihren Job mit Bravour. Für die WM verzichtet Bundestrainer Philippe Soutter auf die Gebrüder Holtz, die an der Vorbereitung praktisch nicht teilnahmen. Noch mehr Verantwortung wird somit auf den Schultern der offensivstarken Mucha-Zwillinge lasten, ebenso aber an gereiften Talenten wie Ibold, Dietz oder Böttcher. Die Kapitänsbinde bleibt am Arm von Philipp Hühler.

Der Druck hält sich nach dem sensationellen Halbfinal-Einzug von 2012 also dennoch in Grenzen. Der deutsche Kader ist enorm jung und zählt mit zehn Bundesligisten so viele Spieler aus heimischen Wettbewerben wie lange nicht mehr. „Ob das fürs Viertelfinale reicht, werden wir sehen. Wir nehmen Schritt für Schritt, wie vor zwei Jahren“, meint Soutter.

In einem Freundschaftsspiel gegen den IBF Göteborg, eines der stärksten Allsvenskan-Teams (zweithöchste schwedische Liga), unterlag das deutsche Team mit 3:4. Der Turnierauftakt am Wochenende hat es dann in sich – am Samstag Finnland (12:30), am Sonntag Schweden (15:15). Beide Partien finden im über 12.000 Zuschauer fassenden Scandinavium statt. Dass schon die ersten Spiele ausverkauft sein könnten, ist zwar unwahrscheinlich, das Erlebnis dürfte dennoch einmalig ausfallen.

WM pusht deutsche Entwicklung

Das deutsche Floorball darf aber nicht nur sportlich von der WM einiges erwarten. Dem deutschen Dachverband gelang eine einmalige Partnerschaft mit dem MDR, der die Fernseh-Rechte erwarb und den gesamten Turnierverlauf mit zahlreichen Berichten im TV sowie kommentierten Live-Streams online begleiten wird. Auf der Website des Senders wurde für das Event sogar eine eigene Eventseite aufgebaut.

„Das schafft eine noch nie dagewesene Reichweite“, erklärt Mathias Liebing, Marketing-Chef von Floorball Deutschland. Der Verband arbeite dem MDR aus Schweden umfassend zu und bereite für die zuhause gebliebenen Fans ein einmaliges Erlebnis. „Es ist sehr wichtig, dass die Szene den Mut des MDR entsprechend quittiert und das Programm weiterstreut“, sagt Liebing. Dann könnten weitere Medien erreicht werden und es wäre wahrscheinlich, dass sich das Interesse etwa auf nationale Wettbewerbe und Veranstaltungen erweitern ließe.

Fast im Schatten der Weltmeisterschaft wird die lang ersehnte Aufnahme von Floorball Deutschland in den DOSB erwartet, die an diesem Wochenende in Dresden Realität werden soll. Liebing nach könnte das zusammen mit dem Event in Schweden aber sogar eine besondere Schlagkraft entfalten – innerhalb der Szene, sowie in der breiten Öffentlichkeit.

Die Weltmeisterschaft verspricht also einiges. Neun Tage lang Spitzensport der Extraklasse, mit den besten Spielern der Welt, eine Organisation, die sich die höchsten aller Ziele steckt, und eine eifrige deutsche Delegation auf und neben dem Platz, die mit Floorball den nächsten Schritt schaffen möchte. Mögen die Spiele beginnen.