Brechbühler: „Wir laufen über Limit“

Brechbühler (r.) im Gespräch mit einer Unparteiischen. / Foto: IFF

Brechbühler (r.) im Gespräch mit einer Unparteiischen. / Foto: IFF

Spielerisch hat die deutsche Damennationalmannschaft einen ordentlichen Satz nach vorne gemacht. Das sah Bundestrainer Simon Brechbühler nicht anders. Wenn sich die Bedingungen nicht ändern, wird die Auswahl ihr Niveau aber nicht halten können, meint der Schweizer. Sein weiteres Engagement bleibt offen.

Floorballmagazin: Wenn du das Gameplay dieses deutschen Teams mit dem von vor zwei oder vier Jahren vergleichst, welcher Aspekt hat sich deiner Meinung nach am stärksten verbessert?

Simon Brechbühler: Variabler, physischer, cleverer und stabiler. Wir konnten uns in verschiedenen Bereichen steigern. Defensiv waren wir in entscheidenden Spielen schon immer relativ stabil. Allerdings waren unsere Gegner nicht mehr Japan und Kanada, sondern Lettland und Polen. Da muss man stabiler und variabler sein. Physisch sind wir näher an Polen und Lettland. Da konnten wir stark aufholen, vor allem auch im Ausdauerbereich. Wir waren auch mental sehr stabil. Wir ließen uns eigentlich nie aus dem Tritt bringen, waren immer auf den nächsten Schritt fokussiert. Die hohen Niederlagen haben wir schnell verkraftet und blieben nach den Siegen auf dem Boden. Auch die teaminterne Stimmung war so gut wie nie und das Team funktionierte.

Hat Deutschland jetzt eine Rechnung mit Lettland offen? Ab dieser WM sprechen wir von einem schlagbaren Gegner, oder?

Wir haben uns Lettland sicher angenähert. Ich bin gespannt, wie Lettland die internen Konflikte löst und wie lange die alten Ladies noch dabei sind. Mit der nächsten Generation können wir vermutlich mithalten. Derby-Charakter werden allerdings zukünftige Duelle sicher noch nicht haben.

Du hattest angedeutet, dass man sich an eine solche Platzierung nicht gewöhnen sollte. Warum eigentlich nicht? Deutschland hat in den Vorplayoffs einen Gruppenersten aus der „zweiten Klasse“ besiegt und dann sein erstes Platzierungsspiel gewonnen. Sollte Deutschland jetzt nicht stabil zu den fünf bis acht besten Teams zählen? Einen solchen Anspruch habt ihr Euch doch verdient.

Ich bin hier hin und hergerissen. Gerne würde ich dem Team erlauben, sich an Gedanken um die Top 8 zu gewöhnen, allerdings wecken wir da vielleicht falsche Hoffnungen. Wenn man unsere Rahmenbedingungen anschaut, sind wir immer noch die Nummer 11 der Welt. Finanziell und sportlich stehen wir Nationen wie Dänemark, Norwegen oder auch der Slowakei hinten an. Wir laufen seit Jahren über dem Limit. Viele Spielerinnen hören früh auf, weil die finanzielle Belastung viel zu hoch ist. Zusammengerechnet sind es etwa 2000 € für eine Kampagne und das ohne Reisekosten. Das Geld soll nicht der entscheidende Faktor sein, aber wir können uns nicht weiter steigern und verlieren immer wieder viel zu früh wichtige Spielerinnen.

Brechbühlers Vertrag läuft Ende des Jahres aus. / Foto: IFF

Brechbühlers Vertrag läuft Ende des Jahres aus. / Foto: IFF

Gibt es einen realistischen Ansatz, den vier Topteams in absehbarer Zukunft etwas näher zu kommen? An welchen Stellschrauben lässt sich noch drehen?

Finanzen & Strukturen. Die vier Topteams haben zwischen dem 30- und 75-fachen Budget im Vergleich zu uns. Wir sprechen da von sechsstelligen Beträgen. Wohlverstanden nur aufs Nationalteam bezogen. Wir brauchen mehr Vergleiche gegen diese Nationen und die Nachwuchsarbeit in Deutschland müsste revolutioniert werden. Wenn wir den Topnationen näher kommen wollen, dann muss dies zu erst im Nachwuchs geschehen.

Wie sieht die To-Do-Liste des Trainerteams für die nächsten zwei Jahre aus?

Schwierig zu sagen. Es hängt davon ab, wie viele Spielerinnen weitermachen. Auf jeden Fall muss sich jede Spielerin am Stock stark verbessern. Zu wünschen wäre, dass auch auf struktureller Ebene endlich besser gearbeitet werden kann und die Trainer auch intensiver in die Ausbildung integriert werden. Junge Spielerinnen müssen wieder an ein höheres Niveau geführt werden. Wir brauchen mutige, freche und innovative Spielerinnen.

Und das unter Simon Brechbühler als Headcoach?

Wer weiss…